1. Startseite
  2. Frankfurt

Juergen Boos: „Wir müssen alle Stimmen hören, insofern sie nicht gegen die Gesetze verstoßen“

Erstellt:

Von: Florian Leclerc

Kommentare

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. erwartet in diesem Jahr etwa 300 000 Besucher:innen. Foto: Renate Hoyer
Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. erwartet in diesem Jahr etwa 300.000 Besucher:innen. © Renate Hoyer

Die Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland Spanien hat in diesem Jahr einen Schwerpunkt zur Ukraine. Direktor Juergen Boos spricht über mögliche Konflikte auf der Buchmesse und die Entwicklung des Buchmarkts.

Die Frankfurter Buchmesse ist die weltweite Leitmesse für die Buchbranche. Am Dienstag eröffnet sie unter anderem mit dem spanischen Königspaar und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Buchmesse-Direktor Juergen Boos spricht über die Besonderheiten in diesem Jahr.

Herr Boos, die Frankfurter Buchmesse ist immer auch ein Brennglas der gesellschaftlichen Entwicklungen. Stand in den vergangenen Jahren das Erstarken der „Neuen Rechten“ und die Pandemie im Fokus, ist das Jahr 2022 vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine geprägt. Wie wirkt sich der Krieg auf die Frankfurter Buchmesse aus?

Die Ukraine ist ein großes Thema für uns, auch emotional, denn in der Buchbranche gibt es auch viele Freundschaften über Landesgrenzen hinweg. Die Frankfurter Buchmesse ist nicht nur Messeveranstalter, sondern auch die Auslandsorganisation des deutschen Buchhandels. Mit Unterstützung des Auswärtigen Amts haben wir enge Beziehungen zu dem Buchinstitut in der Ukraine geknüpft, wir waren häufig Aussteller auf der Kiewer Frühjahrsbuchmesse Book Arsenal. Auf der Frankfurter Buchmesse wird es einen 100 Quadratmeter großen Gemeinschaftsstand zur Ukraine geben, den wir gemeinsam mit dem Goethe-Institut und dem Ukrainian Book Institute organisieren. Präsident Selenskyj selbst wird per Videobotschaft zu dem europäischen Verlegerverband sprechen, zugeschaltet aus der Ukraine. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan nimmt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.

Werden auch russische Verlage auf der Buchmesse anwesend sein?

Wir haben uns direkt nach dem völkerrechtswidrigen Überfall auf die Ukraine dazu entschieden, keinen russischen Nationalstand auf der Messe zu haben. Ich hätte mir gewünscht, dass unabhängige Verlage zu uns kommen. Aber es gibt zu viel Angst zu reisen. Einzelne russische Fachbesucherinnen und Fachbesucher sowie Exilautorinnen und -autoren werden aber da sein.

Aus China werden wegen Pandemiebeschränkungen auch keine großen Aussteller nach Frankfurt reisen?

Einige Aussteller aus China, die von ihren europäischen Dependancen aus anreisen, werden vor Ort sein. Für drei bis fünf Tage in Frankfurt zu sein und dann für mehrere Wochen in China in Quarantäne zu gehen, das macht es schwierig für die chinesischen Verlage. Außerdem: Während der Volkskongress im Oktober in China tagt, werden die Entscheider der Publishing Branche das Land nicht verlassen.

Was bedeutet die Abwesenheit der großen Aussteller aus Russland und China denn für die Buchmesse?

Bei China ist es sicher von Nachteil, dass man sich das dritte Jahr in Folge nicht treffen kann, auch für den Lizenzhandel. Russland spielte dabei nie so eine große Rolle als Absatzmarkt, dort ist eher Kinder- und Jugendbuch ein Thema.

Im vergangenen Jahr hat der Boykottaufruf der Schwarzen Autorin Jasmina Kuhnke, die sich auf der Buchmesse subjektiv nicht sicher fühlte, für eine heftige Diskussion über die Anwesenheit rechter Verlage auf der Buchmesse gesorgt. Auch in diesem Jahr sind die Junge Freiheit und der Gerhard-Hess-Verlag präsent. Wie will die Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr mit dem Thema Sicherheit umgehen?

Wir hatten auch im letzten Jahr kein Sicherheitsproblem. Die physische Sicherheit können wir innerhalb unserer Grenzen sicherstellen. Wir kennen mögliche Konfliktherde. Auf der Buchmesse gibt es immer auch Auseinandersetzungen und Proteste vor dem Hintergrund internationaler Konflikte, etwa die Situation der Uiguren in China oder die Proteste im Iran.

Die Frankfurter Buchmesse setzt erstmals ein „Awareness-Team“ ein.

Wir sind auf den Bund für Antidiskriminierungs- und Bildungsarbeit (BDB) im Februar aufmerksam geworden, im Zusammenhang mit der Biennale. Bei uns sind drei Mitarbeiter:innen des BDB-Teams auf der Messe, die sich einmischen, wenn sie eine Auseinandersetzung, eine Ausgrenzung, gefühlte Bedrohung oder Benachteiligung beobachten. Für die Buchmesse haben wir einen Verhaltenskodex entwickelt, einen „Code of Conduct“, der unsere Werte für ein respektvolles Miteinander betont. Beides sind Konsequenzen, die wir auch aus der Debatte im vergangenen Jahr gezogen haben.

Sie waren Anfang des Jahres zu Gast im Kulturausschuss des Frankfurter Römer. Von linken Stadtverordneten kam die Forderung auf, rechte Verlage von der Buchmesse auszuschließen. Ist das möglich?

Wir sind die Leitmesse für die Buchbranche weltweit und haben als solche eine Monopolstellung. In dem Moment, wenn wir jemanden ohne triftigen Grund – aufgrund unserer Moralvorstellungen – ausschließen, verweigern wir ihm den Zugang zum Handelsplatz. Der Verlag kann sich dann per einstweiliger Verfügung einklagen. Es gibt dazu Grundsatzurteile aus den 1970er Jahren. Wir stehen aber auch für die Rede- und Meinungsfreiheit, die Position ‚freedom to publish‘. Wir müssen alle Stimmen hören, insofern sie nicht gegen die Gesetze verstoßen, und ihnen die Möglichkeit geben, gehört zu werden. Wenn wir anfangen, da zu zensieren, wo hören wir dann auf?

Im Frankfurt-Pavillon auf der Agora wird es Formate geben, die unter anderem die Wehrhaftigkeit der Demokratie behandeln .

In dem Pavillon, den wir als Buchmesse selbst bespielen, können wir die Themen setzen, die uns sehr wichtig sind, wie etwa zur Demokratie und zur Redefreiheit. Dort werden Veranstaltungen zur Ukraine und zur russischen Opposition stattfinden, zu den Brennpunkten Iran und Afghanistan, zur Wehrhaftigkeit unserer Demokratie oder zum Grundrecht Kunstfreiheit.

Zur Person

Juergen Boos ist seit 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse. Der 61-Jährige ist ausgebildeter Verlagsbuchhändler und arbeitete in Leitungsfunktionen bei den Verlagen Droemer Knaur, Carl Hanser und Springer Science.

Spanien ist in diesem Jahr erneut Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, 31 Jahre nach dem ersten Auftritt in Frankfurt. Wie hat sich die spanische Literatur seitdem verändert?

Das Spanien von heute hat überhaupt nichts mehr mit dem Spanien vor 30 Jahren zu tun. Damals hatte das Land die Franco-Diktatur überwunden, es gab einen Aufbruch in die Demokratie. Viele Stimmen haben sich damals erst gebildet. Heute wird die Geschichte aufgearbeitet. Es sind vor allem junge Frauen, die schreiben, die nach hinten blicken in die Familiengeschichte. Die Franzosen haben dagegen eher einen soziologischen Blick …

Wie Didier Eribon oder Annie Ernaux …

Die spanischen Autorinnen beschäftigen sich eher menschlich mit der Geschichte des Landes und fragen auch, wo sie hinführt. Außerdem schreiben sie in allen vier Sprachen des Landes: Kastilisch, Galizisch, Baskisch, Katalanisch. Als Tourist in Spanien vergisst man gerne, wie viel Identität in diesen Sprachen steckt.

Die Buchmesse stellt in diesem Jahr auch das Übersetzen in den Vordergrund. Übersetzerinnen und Übersetzer sind in der Wahrnehmung nicht so präsent wie Autorinnen und Autoren.

Die Übersetzertätigkeit sollte als kongenial neben dem Autor stehen. Es ist viel passiert in den letzten Jahren. In Deutschland wird der Übersetzer mit auf dem Cover genannt. Gerade bei Lyrik ist es wichtig, auf die Co-Kreation hinzuweisen. Hinzu kommt die politische Dimension: Übersetzen heißt ja, zuhören zu wollen. Vieles, was auf der Welt passiert, hat auch damit zu tun, dass wir mit dem Ausrufezeichen sprechen, nicht mit dem Fragezeichen.

Die privaten Besucherinnen und Besucher bekommen in diesem Jahr etwas mehr Buchmesse geboten: Die Besuchertage mit dem Verkauf von Büchern sind von Freitag bis Sonntag. War das eine wirtschaftliche Entscheidung?

Wir wurden in den vergangenen Jahren immer stärker Publikumsmesse statt Fachmesse, daher wollen wir dem Publikum auch mehr Raum geben. Wir wollen die Buchmesse auch in die Stadt hineintragen – mit Open Books, dem Bookfest, Veranstaltungen in Museen oder im Literaturhaus. Die Verlage wünschen auch, dass ihre Autoren viel enger mit den Lesern in Kontakt sind.

Corona-Auflagen gibt es in diesem Jahr nicht?

Wir haben Stand heute keinerlei Auflagen von den Gesundheitsbehörden. Die Gangbreite variiert in den verschiedenen Hallenebenen je nach erwarteter Besucherfrequenz und ist überall deutlich größer als vor der Pandemie. Im Publikumsbereich machen wir breitere Gänge. Es gibt keine allgemeine Maskenpflicht auf der Buchmesse. An ausgewiesenen Orten und in Gedrängesituationen wird von uns das Tragen einer Maske empfohlen.

Wie schätzen Sie die Situation im Buchmarkt momentan ein? Der Umsatz in Deutschland stieg mit 9,63 Milliarden Euro leicht an. Der Umsatz im Sortimenthandel ging zurück, Onlineverkäufe legten zu – wie auch die Zahl der verkauften E-Books.

Das Buch ist das stabilste Geschäft der Welt, seit 500 Jahren. Wir hatten seit 1949, seitdem es die Frankfurter Buchmesse gibt, nie drastische Einbrüche. Auch Technologiebrüche hat die Branche überstanden – vom Bleisatz zum Fotosatz, das Aufkommen von Kopiergeräten, die Digitalisierung. Das E-Book ist auf relativ niedrigem Niveau stabil. Was durch die Decke geht, sind Audiobooks und Abomodelle. Wissenschaftliche Fachliteratur ist seit 15 Jahren digital, während das Kinder- und Jugendbuch eher analog nachgefragt ist. In Spanien haben junge Männer zwischen 16 und 24 Jahren in der Pandemie mehr Bücher gekauft – das ist die Zielgruppe, von der man sagte, die kauft eigentlich kein Buch.

Sind deshalb auch Spotify oder Tiktok auf der Buchmesse präsent?

Spotify ist bei Audiobooks wichtig. Tiktok erreicht als Kanal viele junge Menschen – besonders bei der Literatur.

Wie geht die Frankfurter Buchmesse mit dem Klimathema um? Tausende Aussteller aus aller Welt kommen mit dem Flugzeug nach Frankfurt und verbrauchen dabei Unmengen CO2.

Aber sie sehen sich nur einmal im Jahr und reisen nicht ständig um die Welt. Für die Branche ist es identitätsstiftend, sich einmal im Jahr zu treffen. Man muss Vertrauen aufbauen, wenn man eine Lizenz ins Ausland verkauft. Wir brauchen als Branche auch diese Aufmerksamkeit, sonst verschwinden wir. Alle anderen sind viel lauter – Film, Fernsehen, Streaming. Wir brauchen Festivals wie die Buchmesse in Leipzig, lit.Cologne und das große, internationale Frankfurt.

Interview: Florian Leclerc

Auch interessant

Kommentare