Die Skulptur soll an Bertha Pappenheim erinnern.

Jüdisches Museum Frankfurt

Zum letzten Mal auf der Baustelle

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Das Jüdische Museum eröffnet den Bertha Pappenheim-Platz mit der Skulptur des Künstlers Ariel Schlesinger. 

Sie scheute Konflikte nicht und legte sich mit mächtigen Gegnern an. Zeitzeugen beschreiben sie als eine Frau von „bedeutender Intelligenz, erstaunlich scharfsinniger Kombination und scharfsichtiger Intuition“. Die jüdische Frauenrechtlerin Berta Pappenheim kam 1888 nach Frankfurt am Main – und kämpfte fortan von dort aus dafür, den Frauen endlich eine gleichberechtigte Position in einem Männeruniversum zu verschaffen. 1902 organisierte sie in Frankfurt die erste deutsche Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels. 117 Jahre später drängt sich eine Schar illustrer Gäste auf dem kleinen Platz zwischen dem Neubau des Jüdischen Museums in Frankfurt und dem alten Rothschildpalais – der Platz trägt den Namen Berta Pappenheims. Und unter der Hausnummer 1 ist das Jüdische Museum fortan verortet.

Für das Haus, seine kämpferische Direktorin Mirjam Wenzel und ihr Team ist es ein wichtiger Tag. Eigentlich wollten sie am 9. November 2019, also am Jahrestag der Pogrome von 1938, das neue Museum eröffnen. Doch im Mai musste die Stadt diesen Termin absagen. Nicht zuletzt die überhitzte Baukonjunktur in Deutschland mit hoch belasteten Firmen und Lieferschwierigkeiten bei Materialien machte einen Strich durch diese Rechnung. Am Mittwoch kann Mirjam Wenzel endlich im Gespräch mit der FR einen neuen Zeithorizont eröffnen: „Ende März/Anfang April 2020“ soll nun der 50 Millionen Euro teure Bau eingeweiht werden.

Umso wichtiger ist es, den Spannungsbogen bis dahin aufrechtzuerhalten. Und da kommt Ariel Schlesinger ins Spiel. Der israelische Künstler, der in Berlin lebt und arbeitet, hat die rund elf Meter hohe Skulptur entworfen, die fortan im Zentrum des Pappenheimplatzes steht. Es ist ein symbolträchtiges Werk. Ein Baum reckt seine Wurzeln nach oben zum Himmel, während seine Krone mit dem Baum unter ihm verwoben ist.

Verwurzelung zum einen, zum anderen aber auch die brutale Entwurzelung des jüdischen Volkes durch den Holocaust. Die Großmutter des 39-jährigen Künstlers, so erzählt er im Gespräch mit der FR, sei zum ersten Mal mit dem Zug nach Deutschland gekommen – mit dem Zug, der sie in der Nazizeit ins Arbeitslager brachte. Sie überlebte den Terror der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und lebt heute, 91 Jahre alt, in Israel. Sie ist zu gebrechlich, um noch zu reisen, die Eltern Schlesingers sind jedoch zur Einweihung des Kunstwerkes gekommen.

Aus eisgrauem Aluminium entstand die Baumskulptur, mit der sich Schlesinger in einem beschränkten Wettbewerb unter fünf Künstlern durchsetzte. Eine großzügige Spende des französischen Zweigs der Familie Rothschild ermöglichte das Werk.

Andreas von Schoeler, der frühere Frankfurter Oberbürgermeister und heutige Vorsitzende des Kreises der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums, hatte vor vier Jahren mit David de Rothschild in London das erste Gespräch zu diesem Thema geführt. Viele einflussreiche Unterstützer des Jüdischen Museums sind unter den Gästen. Da ist der frühere Vorstandsvorsitzende der Frankfurter Flughafengesellschaft Fraport, Wilhelm Bender. Da ist die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, aber auch Frank Albrecht, früher Vorsitzender des Hessischen Einzelhandelsverbandes.

Auch der Stuttgarter Manager Klaus Mangold, ein enger Freund der Rothschilds, spendete für das Kunstwerk. Und die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) verspricht in ihrer Rede, man treffe sich „zum letzten Mal auf der Baustelle“ des Jüdischen Museums.

Aber noch bleibt viel zu tun. Und es wird ein Wettlauf mit der Zeit, will man den neuen Eröffnungstermin im Frühjahr 2020 einhalten. Erst im Oktober kann das Team von Mirjam Wenzel damit beginnen, im sanierten Rothschildpalais am Untermainkai die neue Dauerausstellung des Museums einzurichten. Die Ausstellungsfläche verdoppelt sich. 1400 Quadratmeter stehen künftig für die Dauerausstellung auf insgesamt drei Stockwerken zur Verfügung.

Wenzel ist zuversichtlich, dass der Kostenrahmen nicht weiter ausgeweitet werden muss. Durch die Verzögerung sind schon Mehrkosten von drei Millionen Euro entstanden.

Allein für die Museographie des Hauses stehen jetzt zwei Millionen Euro zur Verfügung. Der Freundeskreis hat auch hier zusätzliches Geld beschafft. Im obersten der drei Stockwerke wird es künftig um die jüdische Gegenwart gehen. Das ist Mirjam Wenzel sehr wichtig, das betont sie stets aufs Neue: Das Museum will sich nicht nur der düsteren Vergangenheit des Holocaust widmen, sondern mehr dem vielfältigen jüdischen Leben in Deutschland heute.

In der Etage darunter stehen „Tradition und Ritual“ im Zentrum. Und das unterste Stockwerke bleibt großen jüdischen Familien vorbehalten. Das Museum kann über den Nachlass der Frankfurter Familie Anne Franks verfügen, das ist ein großer Zugewinn. Zum ersten Mal wird aber auch die Geschichte der kommunistischen Familie Senger erzählt werden, die mit falscher Identität die Nazizeit in Frankfurt überlebte. Und natürlich geht es um die Rothschilds.

Der schneeweiße Neubau nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros Staab bleibt den Sonderausstellungen vorbehalten, der Bibliothek, den Veranstaltungsräumen. Und jetzt beginnt der Countdown zur Eröffnung.

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