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Der neue Lichtbau von außen.

Jüdisches Museum

Nicht nur bleiben, sondern mitgestalten

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Am 20. Oktober öffnet das neue Jüdische Museum in Frankfurt endlich seine Pforten, Trotz verstärkter Sicherheitsvorkehrung soll es so offen wie möglich bleiben, Ein Rundgang.

Dieses Haus macht es den Menschen nicht leicht. Es fordert sie auf, selbst aktiv zu werden. Nicht nur passiv den Schrecken und das Schöne zu konsumieren. Und doch zeigt das neue Jüdische Museum in Frankfurt am Main dem Publikum erst einmal seine hermetische Flanke. Wer aus Richtung Innenstadt durch die Untermainanlage auf die Gebäude zugeht, der stößt auf einen geschlossenen Riegel, in dem sich nur ein großes Fenster öffnet. Wer dann den Berta-Pappenheim-Platz betritt, der sieht, wie harmonisch sich der Kubus des Neubaus und das alte Rothschildpalais, beide in strahlendem Weiß, ineinanderfügen. Fünf Jahre nach dem ersten Spatenstich und nach zwei Terminverschiebungen will die Stadt ihr neues Museum jetzt endlich am 20. Oktober festlich eröffnen.

Und Direktorin Mirjam Wenzel, die durch die Häuser führt, bekennt sich zu einem ehrgeizigen Ziel. „Wir wollen die Schwelle für den Museumsbesuch senken, wir wollen ihn selbstverständlich machen.“ Das ist gerade bei einem Jüdischen Museum eine Herausforderung in Zeiten eines wachsenden, auch gewalttätigen Antisemitismus. Nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle vor einem Jahr mussten die sichtbaren und unsichtbaren Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verstärkt werden. Zugleich kämpft die 48-jährige Literaturwissenschaftlerin darum, das Geschaffene nicht in einer Festung zu verbarrikadieren, sondern damit in die Gesellschaft hineinzuwirken. Nicht nur mit Ausstellungen, auch mit Diskussionen, Interventionen. „Geschützte Offenheit“ heißt deshalb ihre Formel.

Das große, lichtdurchflutete Atrium des Neubaus.

Wer die Sicherheitsschleuse passiert hat, dem öffnet sich der Neubau in verblüffender Weise. Ein hohes Atrium über drei Stockwerke hinweg lässt Sonnenlicht die Räume fluten. „Lichtbau“ heißt programmatisch der neue Teil nach dem Entwurf des Berliner Architekturbüros Staab. Konsequent setzen die Planer auf den spannungsreichen Gegensatz von kühlem Beton und warmem Eschenholz. Das Jüdische Museum ist das älteste Deutschlands, im Altbau 1988 eröffnet. Zwei Jahre zuvor hatte die Jüdische Gemeinde ihr neues Zentrum im Frankfurter Westend seiner Bestimmung übergeben. „Wer ein Haus baut, der will bleiben“, hatte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, damals gesagt. Knapp 35 Jahre später ist der Anspruch gewachsen: Die Juden in Deutschland wollen nicht mehr nur zurückblicken auf die Schrecken des Holocaust, sondern selbstbewusst das Gemeinwesen der Gegenwart und Zukunft mitgestalten.

Genau das demonstriert der Neubau. Er führt vor, wie das Haus sich einmischt und Haltung zeigt. Etwa durch die „Literaturhandlung“ von Rachel Salamander im Untergeschoss. „Es gibt immer mehr deutschsprachige Bücher zu jüdischen Themen“, sagt Sarah Fischer, Sprecherin des Hauses. Alle Neuerscheinungen, aber auch Antiquarisches sammelt und bewahrt die Georg-Heuberger-Bibliothek im ersten Stockwerk, benannt nach dem Gründungsdirektor des Museums. Der holzgetäfelte Raum soll künftig auch Veranstaltungen Platz bieten, ebenso wie ein Saal im Erdgeschoss. Stolz stellt das Museum seine Förderer heraus, die der frühere Frankfurter OB Andreas von Schoeler in einem Freundeskreis sammelt. Nach dem Milliardär und Immobilienkaufmann Josef Buchmann ist etwa ein Forum benannt.

Zur Bibliothek mit ihren 269 Quadratmetern gehören kleine, abgeschlossene Forschungsräume für Wissenschaftler aus aller Welt. Wenn die Corona-Pandemie einmal überwunden ist, will das Museum 100 000 Besucherinnen und Besucher im Jahr aus der ganzen Welt anziehen. Wer angekommen ist, erhält eine Chipkarte, mit der sich an Stationen viele zusätzliche Informationen abrufen lassen: Filme, O-Töne, Animationen. Und zum Neubau gehört ein Deli, in dem Florian Große neue Maßstäbe setzen will für koschere Küche. Von der Terrasse geht der Blick auf die Aluminiumskulptur des jüdischen Künstlers Ariel Schlesinger, die im Zentrum des Pappenheimplatzes steht. Sie zeigt einen Baum, dessen Krone in die Krone eines zweiten Baumes greift. Symbol für das Spannungsfeld zwischen Verwurzelung und Entwurzelung, in dem sich jüdisches Leben in Deutschland noch immer abspielt.

Kuratorin Sabine Kößling leitet die Dauerausstellung.

Im Erdgeschoss werden auf 634 Quadratmetern künftig Wechselausstellungen gezeigt; die erste unter dem Titel „Die weibliche Seite Gottes“ will die Direktorin in Kürze vorstellen.

Wir gehen in den Altbau hinüber, in dem die jüdische Bankiersfamilie der Rothschilds im 19. Jahrhundert lebte und der 1820 nach dem Entwurf des Frankfurter Stadtbaumeisters Johann Friedrich Christian Hess entstanden war. Hier wirft die Chefkuratorin Sabine Kößling in der Dauerausstellung unter dem Titel „Wir sind jetzt“ auf drei Etagen Schlaglichter auf jüdisches Leben von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Sehr verdichtet, Themen oft nur anreißend und doch Emotionen weckend.

Service

Das Kombiticket für die Dauerausstellungen des Jüdischen Museums und des Museums Judengasse am Börneplatz kostet 12 Euro, das Kombiticket für alle Ausstellungen des Jüdischen Museums und des Museums Judengasse 14 Euro. Für ein Familienticket zahlt man 20 Euro. Ermäßigungen gibt es für Studierende, Auszubildende, Zivildienstleistende und Arbeitslose.

Freien Eintritt haben Kinder und Jugendliche bis achtzehn Jahre und Inhaber einer Museumsufercard.

Die Öffnungszeiten sind dienstags und donnerstags von 10 bis 21 Uhr, mittwochs, freitags, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Das Flowdeli , das in seiner Küche osteuropäische, orientalische und israelische Einflüsse verarbeitet, hat die gleichen Öffnungszeiten. Auch die Literaturhandlung von Rachel Salamander hat die gleichen Öffnungszeiten.

Wer will, kann mit seiner Chipkarte auf zusätzliche Reisen gehen. „Geschichte und Gegenwart“ im dritten Stockwerk führt durch die jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts in Frankfurt. Fotos aus den Vernichtungslagern fehlen ganz bewusst: „Die meisten sind Täter-Fotos, und die wollen wir nicht zeigen“, sagt Mirjam Wenzel.

Stattdessen geht das Kapitel „Zerstörte Leben“ den Biografien von sieben Menschen nach. Gezeigt wird, wie die Überlebenden sich ins Leben zurückkämpften, wie eine neue Generation in Frankfurt heranwuchs. Auch hier sind einzelne Personen herausgegriffen, etwa der Kaufmann Ignatz Bubis, der spätere Präsident des Zentralrates der Juden, oder der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der das Fritz-Bauer-Institut führte.

Ein Gebetsbuch und eine Sammelbüchse des jüdischen Nationalfonds aus dem Jahr 1930.

Hier ist einiges zu kursorisch angerissen, setzt zu viel an Wissen voraus: der Konflikt um das Fassbinder-Theaterstück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ 1985, der Streit um die Ausgrabung des Ghettos am Börneplatz 1988, der Auschwitz-Prozess 1963 und vieles mehr.

Gezeigt wird auch großbürgerliche Emanzipation im 19. Jahrhundert am Beispiel der Rothschilds. In den ehemaligen, prachtvoll restaurierten Räumen der Bankiersfamilie ist viel Platz den Gemälden von Moritz Daniel Oppenheim (1800–1882) gewidmet, der die Porträts der (Groß-)Bürger schuf. Der wachsende Antisemitismus in der Weimarer Republik ist eindrücklich nachzuvollziehen, etwa anhand der Briefmarken des Hotels „Köln“ am Hauptbahnhof mit dem Aufdruck „Judenfrei“.

42 verschiedensprachige Ausgaben des Anne-Frank-Tagebuchs.

Im zweiten Stockwerk kommt die Dauerausstellung wieder zu Atem, bei „Tradition und Ritual“. Die Präsentation bleibt bewusst nicht stehen beim prachtvollen Thora-Vorhang von 1866 und anderen Gegenständen des religiösen Lebens. Im Raum „Ask the Rabbi!“ können die Besucherinnen und Besucher in einen fiktiven Dialog treten mit den fünf Rabbinerinnen und Rabbinern der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, die den Bogen von orthodox bis liberal besetzen. Zwei Jahre lang hat Timm Ringewald an dieser Videoinstallation gearbeitet. Fragen wie „Wann kommt der Messias?“ werden auf verschiedene Weise beantwortet. Man wolle hier „jüdische Pluralität“ demonstrieren, sagt Museumsdirektorin Wenzel.

Das erste Stockwerk breitet unter dem Motto „Familie und Alltag“ das Leben dreier jüdischer Familien aus Frankfurt aus – neben den Rothschilds die Franks mit der ermordeten Tochter Anne und die kommunistische Familie Senger.

Hier konnte Sabine Kößling, die Leiterin der Dauerausstellung, auf den Nachlass der Familie Frank zurückgreifen, „über 1000 Objekte von Möbeln über Papiere, Fotos und Briefe“. Ein Bruchteil davon ist zu sehen, etwa eine Vitrine mit dem Tagebuch der Anne Frank in 42 verschiedensprachigen Ausgaben.

Am Ende hat der Besucher den Anfang von vielen Geschichten erlebt, die fesseln, bestürzen, einen so schnell nicht loslassen.

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