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Museumsdirektorin Mirjam Wenzel und Publizist Michel Friedman begutachten den „Bus der Zukunft“.

Kampagne

Programm schon vor der Neueröffnung

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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Mit einem Pop-up-Bus, einer Gesprächsreihe und einer Online-Sammlung bietet das Jüdische Museum bereits vor der Neueröffnung ein vielfältiges Programm.

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) spricht von der „Zeit der Vorfreude“: In wenigen Wochen wird das Jüdische Museum seine Neueröffnung feiern können. Doch bis dahin wird es bereits ein vielseitiges Programm geben, das Museumsdirektorin Mirjam Wenzel am Dienstag auf einer Pressekonferenz vorstellte. Dabei wird das Leitbild „Museum ohne Mauern“ gelebt: Die Inhalte werden digital, diskursiv und im städtischen Raum vermittelt.

Bereits seit gestern und noch bis Samstag ist der „Bus der Zukunft“ in der Stadt unterwegs. Der umgestaltete doppelstöckige Bus aus den 1970er Jahren macht Halt an verschiedenen Plätzen in Frankfurt. Das Ziel: In Begegnungen mit Passanten und Interessierten sollen das eigene Selbstverständnis und das gesellschaftliche Zusammenleben thematisiert werden – ebenso wie die Erwartungen an das neue Jüdische Museum. In und vor dem Bus erwarten die Besucher interaktive Elemente, zum Beispiel Stühle, die Schüler der Frankfurter Malschule beklebt und mit Fragen versehen haben. Hinter dem Projekt steht Shai Hoffmann, der den Bus der Begegnungen 2017, kurz vor der Bundestagswahl, initiierte.

Zwischen dem alten und dem neuen Teil des Jüdischen Museums steht das Kunstwerk von Ariel Schlesinger.

„Ich hatte damals das Gefühl, dass der politische Diskurs total vergiftet ist“, erzählt der Sozialaktivist. „Ich wollte mit den Menschen in ein offenes Gespräch treten.“ In ganz Deutschland hat Hoffmann, ein Enkel von Holocaust-Überlebenden, Menschen gefragt: „In welcher Gesellschaft willst du leben?“ Auch wenn es nicht immer leicht sei, andere Meinungen auszuhalten, schaffe er einen „Safe space“, in dem jede Äußerung zugelassen werde.

Und Hoffmann berichtet von positiven Erfahrungen. So hätten sich einige Menschen nach Gesprächen mit ihm dafür geschämt, eine rechtsextreme Partei gewählt zu haben. „Durch den Dialog können Vorurteile abgebaut werden“, ist sich Hoffmann sicher.

Die Pop-Up-Aktion in Frankfurt findet jeweils von 10 bis 20 Uhr statt. Sie beginnt auf dem Rossmarkt, zieht weiter auf den Diesterwegplatz, zur Hauptwache, nach Bornheim-Mitte und zur Bockenheimer Warte. Die Begegnungen werden gefilmt und anschließend in Form von Videotagebüchern online veröffentlicht.

Darüber hinaus ruft das Museum eine neue Gesprächsreihe mit dem Publizisten Michel Friedman ins Leben. Der Name, „Denken ohne Geländer“, wurde in Anlehnung an Hannah Arendt gewählt. Die Gesprächsreihe soll „moralphilosophische, gesellschaftspolitische und persönliche Perspektiven auf eine sich rapide verändernde Welt werfen“.

Auftakt mit Ulrich Matthes

„Es geht darum, demokratisch zu streiten“, sagt Friedman. „Und das bedeutet eben nicht konsenssuchendes Diskutieren. Wir wollen, dass die Zuhörer am Ende mehr Fragen als Antworten haben.“ Im Zentrum der Gespräche wird jeweils ein Wort stehen. Das erste Gespräch führt Friedman mit dem Schauspieler Ulrich Matthes am 16. September zum Thema Hoffnung.

Bereits vor der Neueröffnung launcht das Jüdische Museum seine Onlinesammlung, laut Mirjam Wenzel das „Herzstück der digitalen Strategie“. Diese wird 350 Objekte der neuen Dauerausstellung umfassen und soll als digitaler Knotenpunkt agieren, der Geschichten und Biografien rund um die Sammlungsobjekte mit frei verfügbaren Medieninhalten zusammenbringt. Sie richtet sich sowohl an Forschende als auch an Personen, die sich für jüdische Geschichte und Kultur interessieren.

„Wir verstehen uns als Kompetenzzentrum für die Erforschung jüdischer Geschichte und Kultur in Frankfurt und Europa“, sagt die Direktorin. Die Objekte und Geschichten werden nach dem Open-Access-Prinzip zugänglich gemacht und können, sofern dies rechtlich möglich ist, lizenzfrei genutzt werden.

Darüber hinaus beginnt das Jüdische Museum ab dem 1. September mit seiner Imagekampagne „Wir sind jetzt“ auf Werbeflächen in Frankfurt und im gesamten Rhein-Main-Gebiet sowie im digitalen Raum. Die Kampagne findet prominente Unterstützung, unter anderem von den Gastronomenbrüdern James und David Ardinast, der Sängerin Joy Denalane, dem Schauspieler Wolfram Koch, Eintracht-Präsident Peter Fischer, dem Grünen-Politiker Cem Özdemir und der Moderatorin Bärbel Schäfer.

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