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Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museum.

Eröffnung

Jüdisches Museum eröffnet im Oktober

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Im Oktober 2020 soll das erweiterte und erneuerte Haus in Frankfurt mit einer neuen Dauerausstellung endlich eröffnet werden.

Mirjam Wenzel spricht sehr offen über das gesellschaftliche Umfeld ihrer Arbeit. Die Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt beklagt vor Journalisten „permanent ansteigenden Antisemitismus“ und ein „Klima der Hetze“. In dieser Situation setzen das Land Hessen und die Stadt Frankfurt deutliche Zeichen. Beide erhöhen ihre finanzielle Unterstützung für das Haus. Nach zweimaliger Verschiebung soll das erweiterte Museum nun im Oktober 2020 öffnen, die erste Sonderausstellung „Die weibliche Seite Gottes“ startet am 20. Oktober.

Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) schlägt vor, den jährlichen Zuschuss der Stadt für Betriebskosten und Personal von vier auf sechs Millionen Euro zu erhöhen. erhöht. Das Land Hessen führt für das neue Haus eine dauerhafte institutionelle Förderung von 50 0 000 Euro für die Programme ein. Fünf neue Stellen sind entstanden, hinzu kommt eine halbe Stelle für das Mahnmal zur Erinnerung an die Deportationen, das auf dem Gelände der Europäischen Zentralbank (EZB) im Frankfurter Osten angesiedelt ist. 35 Personen umfasst das Museumsteam jetzt.

Wenzel benennt die Herausforderungen, die auf das 1988 gegründete erste Jüdische Museum Deutschlands zukommen. Nach einer jüngsten Umfrage glaubten 22 Prozent der Deutschen, „dass zu viel an den Holocaust erinnert wird“. Zunehmend spielten öffentlich „geschichtsrevisionistische Auffassungen“ eine Rolle. Zugleich stürben die letzten Zeitzeugen des Holocaust. Das Museum müsse sich die Frage stellen, „wie künftig an die Ereignisse der Schoah“ erinnert werden könne, gerade für jüngere Menschen.

Auch Kulturdezernentin Hartwig urteilt: „Gerade in Zeiten verschärfter Angriffe auf die Demokratie, grassiereden Rassismus und Antisenitismus müssen wir Orte verteidigen, die Diskurse anstoßen und jüdische Gescgichte und Kultur lebendig halten.“ Als eine Antwort auf diese Umstände hat das Museum seine Bildungsarbeit digital und durch Veranstaltungen verstärkt. „Wir müssen unsere Arbeit neu definieren“, heißt das Motto der Direktorin.

Das Museum

Das Jüdische Museumin Frankfurt am Main, Untermainkai 14-15, wurde am 9. November 1988 als erstes Haus dieser Art in Deutschland eröffnet.

50 Millionen Euroinvestiert die Stadt gegenwärtig in die Sanierung des Museums-Altbaus, des Rothschildpalais, einen Neubau und die bereits abgeschlossene Umgestaltung des Museums Judengasse am Börneplatz.

Die schon für 2019 geplanteWiederöffnung des erweiterten und sanierten Museums musste bisher zweimal verschoben werden.

Welche Auswirkungendie Verzögerungen und zahlreichen Hindernisse auf die Baukosten hatten, wurde bei der Jahrespressekonferenz nicht erläutert.

Die Besucherinnen und Besuchererwartet bei der jetzt angestrebten Eröffnung im Oktober 2020 eine neue Dauerausstellung, eine Bibliothek und ein Deli-Café. 

Eine wissenschaftliche Antwort will das Symposium „Zwischenzeiten: Zur jüdischen Diaspora in Europa“ geben. Ursprünglich hatte Wenzel gehofft, mit dieser Veranstaltung das neue Haus im Frühjahr eröffnen zu können. Jetzt bietet ersatzweise das Schauspiel Frankfurt den Gästen am 15. und 16. März einen Ort für die Debatte. Publizisten und Wissenschaftler wollen die gegenwärtige Situation von Jüdinnen und Juden in Europa beleuchten. Einerseits wächst das jüdische Selbstbewusstsein, andererseits erstarken auch die Gegenkräfte. Zu den Gästen zählen die Historikerin Diana Pinto aus Paris, Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, und Zsuzsanna Toronyi, die Direktorin des Ungarischen Jüdischen Museums in Budapest. Sie gehen auch den Versuchen nach, die jüdische Religionspraxis in Europa einzuschränken, etwa das Schächten, also das Schlachten von Tieren.

Es passt in das gesellschaftliche Klima, dass das Medienpublikum bei der Jahrespressekonferenz eher en passant auf Nachfrage einen der Gründe erfährt, warum die Eröffnung des erweiterten und erneuerten Museums schon zweimal verschoben werden musste. Andreas Schröder, Geschäftsführer der städtischen Museumsbausteine GmbH, also des Bauherren, verrät, dass die Sicherheitsmaßnahmen für das Haus im Laufe des Jahres 2019 erheblich erhöht werden mussten. „Wir haben umgeplant, während der Beton lief“, sagt er. Näher ins Detail geht niemand. Es bleibt also offen, ob die Sicherheitsvorkehrungen für das Museum verstärkt wurden, nachdem ein rechtsextremer Attentäter versucht hatte, am 9. Oktober 2019 die Synagoge von Halle zu stürmen.

Für die Direktorin bleibt das ein grotesker Widerspruch. Denn Mirjam Wenzel steht zugleich zu ihrem Anspruch: „Wir wollen ein Museum ohne Mauern sein.“ Deshalb ist das Team des Hauses auch aktiv im Stadtraum, bietet Führungen an, etwa über die Jüdischen Friedhöfe. Oder hofft, in seiner neuen Bibliothek nach der Eröffnung im Oktober viele Menschen begrüßen zu können. Oder im neuen „Deli Café“.

Die Verzögerungen im Bauablauf, sowohl bei der Sanierung des alten Rothschildpalais, also des bisherigen Museumsdomizils, wie auch im Erweiterungsbau spielen bei der Jahrespressekonferenz gleichwohl eine Rolle. Andreas Schröder von der Museumsbausteine GmbH erklärt, dass der bauliche Zustand des alten Rothschildpalais wesentlich schlechter gewesen sei als erwartet. „Teile vom Dach sind heruntergefallen“, teilt er lapidar mit. Und verrät, dass die Pläne des Rothschildpalais nicht der Wirklichkeit entsprochen hätten, die man vorgefunden habe.

Mirjam Wenzel und ihr Team blicken aber entschlossen nach vorne. Am 20. Oktober eröffnet auf den 600 Quadratmetern, die künftig dafür vorgesehen sind, die erste Sonderausstellung des neuen Jüdischen Museums. „Die weibliche Seite Gottes“ beleuchtet das Bild weiblicher Gottheiten vom Alten Orient über die hebräische Bibel und die rabbinischen Schriften bis hin zu späteren Darstellungen. Diese Schau basiert auf einer Ausstellung, die 2017 im Jüdischen Museum Hohenems zu sehen war. Mirjam Wenzel und Eva Atlan, die Sammlungsleiterin des Frankfurter Hauses, haben das Konzept aber weiterentwickelt und erweitert.

Bis dahin bleibt die Direktorin ihrem Bestreben treu, mit „Pop-Up-Events“ das Museum im Gespräch zu halten. Geplant sind Installationen im öffentlichen Raum „mit individuell gestalteten Stühlen“, die zum Verweilen und zu Gesprächen einladen. Dafür sammelt das Museum Stühle und ruft auf, Sitzgelegenheiten zu spenden.

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