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Die Kunsthandlung Mario Uzielli in der Schillerstraße um 1920. Uzielli war Halbjude und musste in die Schweiz emigrieren.

Kunst

Aus jüdischer Hand geraubt

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Neues Buch thematisiert Kunstbetrieb in der Region zu Zeiten des Nationalsozialismus.

Der Name Ernstotto Graf zu Solms-Laubach ist eng mit dem bis heute verschwundenen Bernsteinzimmer verknüpft. Der Kunsthistoriker war im Zweiten Weltkrieg einer von zwei Offizieren, die den Abbau des Zimmers im Katharinenpalast in der Sowjetunion betreuten. Solms-Laubach ist aber auch eng mit Hessen und Frankfurt verknüpft. Er studierte in Marburg Kunstgeschichte und war ab Juni 1938 Leiter des Historischen Museums in Frankfurt. Auch an dieser Stelle war der Kunsthistoriker in den Raub jüdischer Kunstwerke involviert.

Die Geschichte von gesammelter und geraubter Kunst in den Jahren zwischen 1933 und 1945 in der Region um Frankfurt ist umfassend und durchaus spannend. Diese Erfahrung machte das Institut für Stadtgeschichte vor einiger Zeit bei einer Vortragsreihe zu dem Thema. „Alle Abende waren gut besucht, das Interesse der Menschen war groß“, sagt Maike Brüggen, selbstständige Provenienzforscherin. So groß, dass sich einige Forscher zusammentaten und ein Buch zum Thema schrieben.

„Gesammelt, gehandelt, geraubt. Kunst in Frankfurt und der Region zwischen 1933 und 1945“ heißt es und ergänzt die Informationen der Vortragsreihe mit weiteren Beiträgen. 16 Autorinnen und Autoren schreiben auf mehr als 250 Seiten über die damaligen Protagonisten, über konkrete Werke und Museen und über die Provenienzforschung, also die Forschung über die Herkunft von Kunstwerken.

Retter statt Räuber

So spielen der jüdische Sammler Robert von Hirsch und der Kunsthändler Wilhelm Ettle ebenso eine Rolle wie der eingangs erwähnte Ernstotto Graf zu Solms-Laubach. Auf 14 Seiten hat sich Ulrike Schmiegelt-Rietig seiner Geschichte angenähert. Ergänzt wird sie durch die Ausführungen von Autor Jürgen Steen, der auf Solms-Laubachs Rolle während der Novemberpogrome 1938 hinweist, als der Kunsthistoriker jüdisches Silber ins Museum holte. Später sei die Aktion als Rettung statt als Raub gedeutet worden. Auch als Kunstschutzoffizier im sowjetischen Pskov sammelte er zahlreiche Kunstwerke.

„Viele Werke wären heute zerstört, wenn er sie nicht gerettet hätte, aber er hat sie wohl kaum für die Menschen in Russland gerettet“, sagt Provenienzforscherin Schmiegelt-Rietig. Solms-Laubachs Ruf war zeitlebens gut. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod 1977 wurde seine Beteiligung an den Raubzügen neu bewertet und er persönlich für den Raub jüdischen Kulturguts verantwortlich gemacht.

Bei den Museen werden Liebighaus, Städel, Museum für angewandte Kunst, Historisches Museum, aber auch das Offenbacher Ledermuseum, das Landesmuseum Mainz und die Gemäldegalerie Wiesbaden betrachtet. Auch der Kunsthandel wird thematisiert. „Es gab Kunsthändler, die sich bereichert haben“, sagt Autor Christoph Andreas, seines Zeichens auch Kunsthändler. Er warnt aber vor einem Generalverdacht gegen alle damaligen Händler. In Frankfurt gebe es noch vier Händler, die schon zur damaligen Zeit existierten.

Dass auf dem Gebiet der Provenienzforschung noch viel Arbeit zu erledigen sei, darin sind sich alle Autoren einig. Jürgen Steen erklärt, dass die Beschäftigung mit der Museumskunst nur die Spitze des Eisbergs sei. Private Sammlungen böten noch eine Vielzahl an Werken, die Forschung werde sich noch Jahrzehnte mit der NS-Zeit beschäftigen. Auch Werke, die nach dem Krieg angekauft wurden, müssten betrachtet werden, sagt Andreas.

Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst: Gesammelt, gehandelt, geraubt. Sachbuch. Societäts-Verlag. 254 S., 30 Euro.

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