Der Innenhof des Jüdischen Museums: links der Neubau, rechts der sanierte Altbau, in der Mitte das Café. 
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Der Innenhof des Jüdischen Museums: links der Neubau, rechts der sanierte Altbau, in der Mitte das Café. 

Museen

Am Jüdischen Museum in Frankfurt fallen die Gerüste

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Das neue Jüdische Museum in Frankfurt soll im Oktober eröffnet werden. Wegen des schlechten Zustands des Rothschildpalais musste der Eröffnungstermin zweimal verschoben werden.

Endlich. Endlich sind die Gerüste und Planen gefallen. Und zum ersten Mal kann die Architektur des neuen Jüdischen Museums in Frankfurt am Main ihre Wirkung entfalten. Schon aus der grünen Wallanlage heraus ist der schneeweiße Block des Erweiterungsbaus zu sehen, er schimmert durch das Grün der Bäume hindurch. Im Näherkommen erschließt sich dem Betrachter, dass der vom Berliner Architekturbüro Staab entworfene Neubau an der Hofstraße und das sanierte alte Rothschildpalais zum Mainkai hin wirklich eine Einheit bilden. Sie begrenzen den neuen Bertha-Pappenheim-Platz, der jetzt zum ersten Mal erkennbar wird.

In der Hitze des Nachmittags hält man es nicht lange aus auf der Fläche. Zur sonnendurchglühten Kulisse gehört auch die Skulptur des Künstlers Ariel Schlesinger, der aus Aluminium zwei Bäume schuf, deren Kronen ineinandergreifen. Ein Kunstwerk, das gelesen werden kann als Symbol für das jüdische Leben, für das Bedürfnis, in der Gesellschaft festen Halt zu finden, zugleich aber stets von Entwurzelung bedroht zu sein.

Mirjam Wenzel, die Direktorin des Museums, und ihr 35-köpfiges Team stecken jetzt mitten in der Phase des Einrichtens. Was sie erlebten seit dem Baubeginn ist nicht leicht auszuhalten. Zweimal musste der Eröffnungstermin schon verschoben werden. Der bauliche Zustand des alten Rothschildpalais war wesentlich schlechter als erwartet. Im Januar erhoffte sich Wenzel die endgültige Eröffnung am 21. Oktober. Doch dann kam die Corona-Pandemie. „Eine echte Herausforderung.“ Die große Eröffnung mit 750 und mehr Menschen aus nah und fern wird nicht möglich sein, aber ein Fest mit 200 Gästen schwebt der Literaturwissenschaftlerin schon vor. Sie hält am Eröffnungstermin fest, trotz aller widrigen Umstände.

Bis dahin werden die alten Pflastersteine, die jetzt noch in Säcke verpackt am Platzrand warten, wieder ausgelegt sein und den Weg zum Nizza, zum Main hin weisen. Wir gehen durch die beiden Gebäude, und es wird klar: Ein Museum der Blicke ist entstanden. Aus den Büros der Mitarbeiter hinaus auf den Fluss. Aus dem großen Panoramafenster seitlich vom Empfangstresen hinaus auf die Wallanlage, mit den Doppeltürmen der Deutschen Bank im Hintergrund. Aus dem Atrium des Erweiterungsbaus hinaus in den Himmel.

Im Neubau geht es die Treppe hinauf in den Lesesaal der Bibliothek. Hunderte von Kartons mit Büchern werden gerade ausgepackt und in die Regale einsortiert. 25 000 Medien umfasst die Bibliothek, sagt der stellvertretende Direktor Michael Lennartz. Die Bibliothek will sich stark an Kinder und Jugendliche richten, Workshops sind geplant. In anderen Räumen über dem Lesesaal sollen Wissenschaftler in Ruhe und abgeschirmt arbeiten können.

Jüdisches Museum

Das Jüdische Museum in Frankfurt war das erste in Deutschland und wurde am 9. November 1988 eröffnet.

2015 beschloss die Stadtregierung einen Erweiterungsbau. Das Berliner Architekturbüro Staab gewann den Architekturwettbewerb.

Die Dauerausstellung mit 1400 Quadratmetern wird auf drei Stockwerken im sanierten Rothschildpalais am Mainkai untergebracht.

Die oberste Etage ist dem jüdischen Leben der Gegenwart gewidmet.

Im zweiten Stockwerk geht es „Tradition und Ritual“. Die unterste Etage ist dem Leben von drei bekannten jüdischen Familien Frankfurts vorbehalten: Den Franks, den Rothschilds und den Sengers.

Der Erweiterungsbau bietet auf 633 Quadratmetern Raum für Wechselausstellungen. jg

Das Museum wächst in ein Spannungsfeld hinein, das Mirjam Wenzel benennt. Da ist die immer größere Bedrohung durch gewalttätigen Antisemitismus. Deshalb wurden auch die Sicherheitsvorkehrungen im Museum verstärkt. Da ist zum anderen der Anspruch der Direktorin, ein offenes Haus zu sein, sich nicht zu verstecken. Die Symbiose dieser Gegensätze tauft Wenzel mit einem kleinen Lächeln „geschützte Offenheit“.

Der Neubau kontrastiert in wunderbarer Weise warmes, helles Eschenholz und eher kühlen Beton. Im Parterre wird Rachel Salamander, die Literatur- und Bücherfrau, eine neue Dependance ihrer bundesweiten „Literaturhandlungen“ einrichten. Auch das gehört zur Offenheit, genauso wie das künftige Café im ersten Stock, dessen Terrasse wir jetzt betreten. Ein „Deli“ wird hier Speisen, auch koscheres Essen anbieten. „Wir werden das Haus bespielen als belebten Ort“, verspricht Wenzel. Die Theke wartet schon.

Das Erweiterungsgebäude ist künftig auf 600 Quadratmetern auch der Schauplatz der Sonderausstellungen. Die erste im Oktober wird „Die weibliche Seite Gottes“ sein, ein Blick auf das Bild weiblicher Gottheiten vom Alten Orient über die hebräische Bibel bis hin zu rabbinischen Schriften.

Wir wechseln hinüber in das sanierte, denkmalgeschützte Rothschildpalais, in eine andere Welt. Hier wird die neue Dauerausstellung auf drei Stockwerken ihren Platz finden. Sorgsam haben Stuckateure und Vergolder über Monate hinweg „die historische Substanz des Hauses“, so Wenzel, wieder erstehen lassen. Das prachtvoll geschmückte Musikzimmer der alten jüdischen Familie Rothschild, den Rauchersalon, das Treppenhaus mit echtem und aufgemaltem Marmor. In der Dauerausstellung wird es um jüdische Familien Frankfurts gehen, nicht nur um die Rothschilds, auch um die Franks und die proletarischen Sengers. Im Treppenhaus sind die steinernen Stufen vom Teppich befreit, der sie früher bedeckte. Das Haus bekennt sich wieder zu seinen Materialien.

1988 war im Rothschildpalais das Jüdische Museum eröffnet worden, im Beisein von Bundeskanzler Helmut Kohl, als damals erstes Haus seiner Art in Deutschland. Im sanierten Gebäude eröffnen sich wieder Blicke, durch lange Flurfluchten, durch Treppenhäuser. An einer Stelle hält Mirjam Wenzel inne und sagt wie zu sich selbst: „Es ist ein neues Museum.“ Und genau so ist es auch. Für wenig mehr als 50 Millionen Euro hat die Stadt Frankfurt hier ein neues Jüdisches Museum mit einem neuen Selbstverständnis geschaffen. Nicht mehr der Blick zurück alleine auf den unfassbaren Verlust durch den Holocaust, sondern ein Blick nach vorne auf selbstbewusstes jüdisches Leben der Gegenwart und Zukunft in Deutschland.

Wenzel spricht immer wieder davon, dass sie und ihr Team ihre Arbeit „neu definieren“ müssen, gerade angesichts der Bedrohung. Die 47-Jährige ist glücklich darüber, dass das neue Haus jetzt der Vollendung entgegengeht. Sie spricht dem Bauherrn, der städtischen Museumsbausteine GmbH, ein ganz großes Kompliment aus. „Trotz Corona hat die Baustelle nie stillgestanden, das war toll.“ Auch jetzt wird überall letzte Hand angelegt, setzt der Vergolder noch einen Tupfer, und der Steinmetz poliert den Marmor. Nur über den unansehnlichen braunen Teppich, der gerade im Eingang des Neubaus ausgerollt wird, wundert sich die Direktorin. Der, sagt sie, passe hier eigentlich nicht her.

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