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Jüdische Menschen in Frankfurt: Misshandelt, beraubt und deportiert

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Von: Steven Micksch

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Die Gedenkstätte an der EZB erinnert an die Deportierten.
Die Gedenkstätte an der EZB erinnert an die Deportierten. © Andreas Arnold

Eine Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche für jüdische Verschleppte widmet sich diesmal geraubten Büchern. Ein kleiner Baustein der Aufarbeitung, der aber Jahre in Anspruch nehmen wird.

Angesichts millionenfach geraubter Leben während des Holocausts scheinen ebenfalls geraubte Bücher fast unbedeutend. Doch auch diese Aufarbeitung und Betrachtung sei wichtig, weil die Arisierung von jüdischen Besitztümern, und seien sie von noch so geringem materiellem Wert gewesen, die Perfidität des Handelns der Nationalsozialisten und auch das bereitwillige Mitmachen der meisten Teile der Frankfurter Stadtgesellschaft zeigen. Dies unterstrich Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) bei der Gedenkstunde in der Paulskirche anlässlich der ersten Massendeportation jüdischer Frankfurterinnen und Frankfurter am 19. Oktober 1941. „Die Bibliotheken haben ihre Unschuld verloren“, resümierte sie.

Doch zunächst zum greuelhaften Sonntag vor 81 Jahren. 1100 Frankfurterinnen und Frankfurter verschwanden damals aus dem Stadtbild. Sie wurden in den östlichen Teil des Kellers der Großmarkthalle gesperrt und mussten dort noch eine Nacht ausharren. Sie seien von ihren Peinigern misshandelt, gedemütigt und beraubt worden, führte Hartwig aus. Nur drei der verschleppten Personen hätten den Holocaust überlebt.

Bereits in den Vorjahren sei Frankfurt empfänglich für Antisemitismus gewesen. Die Arisierung – also die Enteignung des jüdischen Besitzes – sei mit administrativem Eifer erfolgt. Nicht nur bei Immobilien, Kunstwerken und Wertgegenständen, sondern auch bei Büchern.

Deswegen haben Stadt und Universität ein Projekt, das sich der Provenienzforschung an der Universitätsbibliothek widmet, vorangetrieben. Wegen der schieren Menge der zu sichtenden Objekte wurde es bis 2024 verlängert. Die Stadt ist in die Arbeit involviert, weil ein großer Teil der Bestände der Unibibliothek ihr Eigentum ist.

Historiker Daniel Dudde zeigte in seinem Vortrag in der Paulskirche auf, dass sich das Projekt mit zwei Bestandsbereichen der Bibliothek beschäftigt, die je 40 000 Bücher umfassen. Insgesamt aber müsse man eine Million Bände überprüfen. Habe man anfangs angenommen, dass etwa zehn Prozent Hinweise enthielten, die sie als Raubgut ausweisen könnten, sei man nun bei 40 Prozent.

Dabei müsse jeder einzelne Band geprüft werden. Enthält er eine Widmung, einen Stempel oder Exlibris, folgt eine vertiefte Recherche nach der Person oder Institution, der das Buch einst gehört haben könnte. Lasse sich daraus ein möglicher „verfolgungsbedingter Entzug“ der Werke herleiten, versuche man, mögliche Erben zu ermitteln. „Die Recherche an einem Buch kann sich über Jahre hinziehen“, sagte Dudde.

35 000 Bände haben er und seine Kollegin bisher gesichtet, bei 11 000 gab es Hinweise auf andere Besitzer:innen. 1500 sind als verdächtig eingestuft und bei 800 konnten die Verdachtsfälle belegt werden. Zurückgegeben wurden bisher 131 Bände, schloss der Historiker seine Aufzählung.

Die Rolle der Frankfurter Bibliotheken beziehungsweise ihrer Leiter bei der Aneignung jüdischer Besitztümer war unrühmlich. Sie waren Nutznießer des Vorgehens der Nationalsozialisten, wobei beispielsweise Richard Oehler, 1927 bis 1945 Direktor der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt, sowie Joachim Kirchner, 1928 bis etwa 1940 Direktor der Rothschildschen Bibliothek in Frankfurt, schon vor der Machtergreifung Hitlers glühende Verehrer rechten Gedankenguts beziehungsweise der Nationalsozialisten waren.

Man kann sich vorstellen, dass sie ab 1933 nur zu gerne die Bestände der Bibliotheken von pazifistischen, sozialistischen oder kommunistischen Titeln säuberten und später auch jüdische Autor:innen verbannten. Zudem bestückten sie die Sammlungen der Häuser mit Werken, die zuvor Jüdinnen und Juden geraubt worden waren.

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