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Jüdische Chabad-Gemeinde Frankfurt sorgt für Geflüchtete

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Von: Jana Ballweber

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Geflüchtete aller Altersgruppen lernen gemeinsam die deutsche Sprache.
Geflüchtete aller Altersgruppen lernen gemeinsam die deutsche Sprache. © christoph boeckheler*

Im Chabad-Gemeindehaus bekommen ukrainische Menschen Sprachkurse, Lebensmittel und religiösen Beistand.

Ich bin, du bist, er ist, wir sind“, betet Inna Grodzenskaia vor. Etwa zwanzig Menschen aus allen Altersgruppen sitzen zusammen um den großen Tisch im zweiten Stock des Gemeindehauses von Chabad Frankfurt und machen sich eifrig Notizen. „Ich koche, ich backe, ich habe“, fährt die Lehrerin fort. Es ist das erste Treffen des Sprachkurses, der sich künftig zweimal in der Woche in der jüdischen Chabad-Gemeinde zusammenfinden soll.

Die Teilnehmer:innen stammen aus der Ukraine, aus Kiew und aus Odessa. In ihrer Heimat waren sie Mitglieder der jüdischen Gemeinden. „Als der Krieg losging, hat man uns in der Synagoge empfohlen, nach Frankfurt zu gehen“, berichtet eine Frau. Man habe gewusst, dass es dort eine sehr aktive, jüdische Gemeinde gebe, die Kapazitäten für Geflüchtete habe. „Wir wurden sehr herzlich aufgenommen und fühlen uns hier sicher“, betont sie. Inna Grodzenskaia, die die Gespräche übersetzt, ergänzt: „Wer vorher in einer Großstadt wie Kiew gewohnt hat, will natürlich wieder in eine Großstadt.“ Vielen jungen Menschen gehe es vor allem darum, möglichst schnell Deutsch zu lernen, um arbeiten oder studieren zu können. Aber auch die älteren Geflüchteten seien hochmotiviert, berichtet die Lehrerin: „Die Menschen wollen verstehen, und sie wollen verstanden werden. Es ist ihnen wichtig, im alltäglichen Leben zurechtzukommen, ohne auf Hilfe angewiesen zu sein.“

Grodzenskaja ist eigentlich Klavierlehrerin. Schon während des Corona-Lockdowns, als sie nicht unterrichten konnte, hat sie erste Erfahrungen als Sprachlehrerin gesammelt. Nun sei die Gemeinde auf sie zugekommen, ob sie auch einen Kurs für Geflüchtete anbieten könne. Ursprünglich stammt Grodzenskaja aus Russland. Wenn sie von den Erlebnissen ihrer Schützlinge berichtet oder von den Bildern aus den Kriegsgebieten, die sie im Fernsehen gesehen hat, treten ihr Tränen in die Augen: „Das zu sehen und die Berichte zu hören, ist ganz schlimm. Umso wichtiger ist es für mich zu helfen.“

Wie ihr geht es vielen Gemeindemitgliedern von Chabad. Rabbiner Yosef Havlin lobt das ehrenamtliche Engagement: „Seit Beginn des Krieges sammeln wir hier schon Spenden für die Geflüchteten. Unsere russischsprachigen Gemeindemitglieder helfen beim Übersetzen, viele Privatleute geben Geld oder Sachspenden.“ An diesem Tag steht jedoch noch etwas Besonderes an: die Verteilung der Pessach-Tüten. Schon in den vergangenen Jahren hat die Chabad-Gemeinde zu diesem wichtigen jüdischen Feiertag Lebensmittel an bedürftige Menschen verteilt. In diesem Jahr hat die Aktion ganz neue Dimensionen erreicht. Hunderte Tüten mit Matzemehl, Salzgurken, Wein und Fisch wechseln den Besitzer. „Die Gemeinde will auch für die religiösen Bedürfnisse der Geflüchteten sorgen, nicht nur für die materiellen“, erklärt Rabbiner Havlin. Dazu gehört neben einem Ort zum Beten auch die Versorgung für das jüdische Fest, das in der nächsten Woche beginnt.

Viele nehmen das Angebot gerne an. Gegen Mittag bildet sich sogar eine kleine Schlange am Ausgabestand. Doch nicht etwa, weil die Helfer:innen zu langsam arbeiten oder der Ansturm zu groß ist, sondern weil niemand einfach abgefertigt und mit einer Tüte Lebensmittel nach Hause geschickt wird. Mindestens genauso wichtig seien die Kontakte, die kleinen Gespräche, die Anknüpfungspunkte zwischen Gemeindemitgliedern und geflüchteten Menschen, betont Yosef Havlin: „Wir wollen, dass unsere Gäste sich bei uns sicher fühlen. Dafür stellen wir keine Bedingungen. Wir kontrollieren nicht, ob jemand Jude ist oder nicht. Unser Glaube verpflichtet uns dazu, anderen zu helfen.“

Zum jüdischen Pessach-Fest gibt es besondere Lebensmittel.
Zum jüdischen Pessach-Fest gibt es besondere Lebensmittel. © christoph boeckheler*

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