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Vor den jüdischen Einrichtungen in Frankfurt wurde der Polizeischutz verstärkt.

Kritik

Vertrauen in Polizei und Politik beschädigt

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Der Bau der Jüdischen Akademie in Frankfurt verschiebt sich auf März 2021. Die Jüdische Gemeinde Frankfurt kritisiert, dass die Bundesregierung zu wenig für den Schutz von Juden tue.

Der ursprünglich für diesen Sommer geplante Bau der Jüdischen Akademie auf einem Grundstück am südöstlichen Ende des geplanten Kulturcampus an der Senckenberganlage nahe dem Messegelände, verschiebt sich auf März 2021. Das teilte der Zentralrat der Juden, der für den Bau zuständig ist, der FR mit.

Mit der Jüdischen Akademie möchte der Zentralrat vielfältige Formate anbieten und dabei religiöse, politische, ethische und philosophische Themen behandeln. Darüber hinaus werde die Akademie sich mit jüdischer Geschichte und Gegenwart beschäftigen. Sie soll als intellektueller Mittel- und Anziehungspunkt sowohl für Juden aus Deutschland und Europa als auch für Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften sorgen, die an jüdischen, interkulturellen, interreligiösen oder universellen Fragestellungen interessiert sind.

Für Marc Grünbaum, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, ist eine Jüdische Akademie für jede Stadt eine Bereicherung. „Wir sind eine lebendige, offene jüdische Gemeinde. Wir leben das Judentum, die Kultur, wir sind Frankfurter. Aber wir sehen uns nicht in der Verantwortung, für jüdisches Leben zu werben“, sagt er.

In der Mainmetropole mit ihrer langen jüdischen Tradition gebe es ein gutes Umfeld von der Versorgung mit koscherem Essen bis zu regelmäßigen Gottesdiensten in der Westend-Synagoge, sagt Grünbaum. „Das ist nicht überall gewährleistet.“ Auch wenn laut Grünbaum Juden sich in Frankfurt frei bewegen können, stehen die Synagoge, Kitas und Schulen unter Polizeischutz.

Die Zusammenarbeit mit der Polizei verlaufe zwar gut, sagt Grünbaum. Dennoch äußert er Kritik an der Bundesregierung. „Nach Halle gab es das deutliche Bekenntnis, jüdisches Leben mehr zu schützen, doch an der gesetzlichen Lage und der finanziellen Ausstattung hat sich nichts verändert. Das waren bisher nur reine Lippenbekenntnisse“, sagt er. Denn für die Sicherheit in den Gebäuden ist die Jüdische Gemeinde selbst verantwortlich, die Polizei hingegen nur für den öffentlichen Raum. Allein 1,2 Millionen Euro zahlt die Gemeinde laut Grünbaum jährlich für das Sicherheitspersonal. Für das neue Schulgebäude, das im August zum Schulstart öffnen wird, zahlte die Gemeinde 1,3 Millionen Euro für die Sicherheitsmaßnahmen.

Und das nach Halle, nach Hanau, nach „NSU 2.0“. Für Grünbaum ist all das nicht neu. „Ich habe nicht das Vertrauen per se in die Polizei verloren. Ich denke, sie spiegelt einen Querschnitt der Bevölkerung wider“, sagt er. Und da gebe es unter den Beamten eben auch Rassisten, Antidemokratinnen und Antisemiten.

Im Hinblick auf den „NSU 2.0“ fragt sich Grünbaum natürlich auch, was mit seinen Daten passieren könnte. „Die Art und Weise, wie nun die Polizei und die Politik damit umgeht, ist grob fahrlässig“, sagt Grünbaum. Vielleicht stecke dahinter auch „politischer Unwille oder Unfähigkeit.“ Aber Grünbaum ergänzt: „Wir sind auf die Professionalität dieser Organe angewiesen.“ Auch der Prozess gegen den Attentäter von Halle führe noch einmal die „Dringlichkeit für den Schutz der Menschen vor Augen“, sagt er.

Doch es hapert ja scheinbar schon an einer simplen Änderung der gesetzlichen Lage, um jüdisches Leben auch in den Synagogen, in den Kitas und in den Schulen zu schützen. Für die Kinder seien die täglichen Sicherheitskontrollen und die Polizisten vor den Schulen und Kitas übrigens nicht neu. „Das ist leider jüdische Normalität“, sagt Grünbaum.

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