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Das Gewerkschaftshaus im Jahr 1954. Die Wilhelm-Leuschner-Straße ist noch gepflastert.
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Das Gewerkschaftshaus im Jahr 1954. Die Wilhelm-Leuschner-Straße ist noch gepflastert.

Stadtgeschichte

Jubiläum: 90 Jahre Gewerkschaftshaus in Frankfurt

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Symbol der Arbeiterwegung und Hort der Gewerkschaften: DGB und Verein für Arbeitergeschichte legen zum Jubiläum des Gewerkschaftshauses eine Broschüre auf.

In den Hochhausschluchten Frankfurts verschwindet das neunstöckige Gewerkschaftshaus in der Wilhelm-Leuschner-Straße fast und hat heute wahrlich kein Potenzial zur Aufregung mehr. Das war nicht immer so. Denn vor der Einweihung des Gebäudes am 12. Juli 1931 hatte es heftige Widerstände gegen das Großprojekt gegeben. Das 1901 bezogene Gewerkschaftshaus in der Allerheiligenstraße war trotz Zukäufen benachbarter Liegenschaften zu klein geworden. Vor allem in den Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkriegs hatten die Gewerkschaften großen Zulauf erfahren. Lag die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in Deutschland 1890 noch bei 228 000, stieg sie bis 1914 auf 2,5 Millionen. Im Jahr 1931 waren gar 4,7 Millionen Menschen unter dem Dach des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes organisiert, allein im Ortsausschuss Frankfurt waren es rund 78 000.

Ein neues Domizil musste her, und die Verantwortlichen hatten dafür nach einiger Suche ein 8500 Quadratmeter großes Gelände zwischen der damaligen Bürgerstraße und dem Untermainkai erworben. Zunächst war das Viertel am Main Teil eines Skulpturengartens gewesen, bevor ein Bankier das Gelände kaufte und dort großbürgerliche Villen bauen ließ. Der Name „Bürgerstraße“ war also Programm, und der betuchten Gesellschaft passte ein symbolträchtiges Gebäude der Arbeiterbewegung in der Nachbarschaft so gar nicht. Wegen der heftigen Proteste der benachbarten Bürgerschaft, die Lärm und Gerüche befürchtete, verweigerte der Magistrat zunächst die Baugenehmigung. Nachdem sie dann im Juli 1930 doch erteilt wurde, mussten sich die Gerichte mit dem Bauprojekt befassen. Das Landgericht untersagte den Weiterbau zunächst, weil der Villencharakter des Viertels dadurch verloren gehen würde. Das Oberlandesgericht gab dann grünes Licht, verbot aber die Errichtung einer Gartenwirtschaft, eines Hotels am Main und eines Saalbaus. Der Grund, warum das Gebäudeensemble, vom Main aus betrachtet, noch heute unfertig wirkt. Nach nur zehneinhalb Monaten Bauzeit wurde das Gebäude mit einer kleinen Feier eingeweiht. Im zweiten Jahr der Wirtschaftsdepression verbot sich eine größere Feier. Die sozialdemokratische Tageszeitung „Volksstimme“ vermeldete tags darauf, am 13. Juli 1931, dennoch triumphierend: „Stolz reckt sich das neue Haus der Frankfurter Gewerkschaften in der Bürgerstraße in die Höhe. Symbol der Kraft der organisierten Arbeiterschaft, steht es da! Der kleinliche Kampf spießbürgerlicher Reaktionäre gegen die aufstrebende Arbeiterschaft hat nicht verhindern können, daß deren Gebäude nun turmhoch über seine Nachbarn hinausragt.“

Demonstrationszug zum Römerberg am 1. Mai 1969.

Die Freude über das symbolträchtige Domizil währte nicht lange. Am 2. Mai 1933 besetzten die Nazis das ihnen verhasste Gebäude und entwickelten Pläne für eine Umgestaltung zu einem „Haus der Arbeit“. Die Lage des Gewerkschaftshauses – gleichzeitig in der Nähe des Hauptbahnhofs und am Main, sei „außerordentlich günstig und würdig“, hieß es in einem Schreiben der beauftragten Architekten an den Leiter der Arbeitsfront, Robert Ley, im Mai 1934. Der Gebäudemissbrauch währte nicht mal bis Kriegsende, schon im April 1945 stellten Gewerkschaftsvertreter (sic!) bei der örtlichen Militärbehörde einen Antrag auf Wiederüberlassung des Gebäudes, das ab 1946 in der nach dem Widerstandskämpfer umbenannten Wilhelm-Leuschner-Straße stand. 1949 wurde der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gegründet, dessen Vermögens- und Treuhandgesellschaft das Gebäude bis heute verwaltet.

Festschrift

Herausgeber der Broschüre sind der DGB, Region-Frankfurt-Rhein-Main und der Verein für Frankfurter Arbeitergeschichte. Auf 124 Seiten werden Geschichte und Hintergründe des Gebäudes ausführlich dargestellt. Die Zitate im Text sind der Broschüre entnommen.

Erhältlich ist das Werk auch per Download auf der Website des DGB www.dgb-frankfurt.de/90Jahre oder auf der Seite des Vereins für Frankfurter Arbeitergeschichte www.frankfurter-arbeitergeschichte.de Die Herausgeber freuen sich zudem über weitere Fakten und Anekdoten zum Gewerkschaftshaus.

Die umkämpften Zeiten liegen lange zurück. Doch die geschichtsträchtige und symbolische Bedeutung des Gewerkschaftshauses ist immer noch nicht allgemein anerkannt. Als dem Haus nach einer Brandschutzbegehung Anfang 2000 eine millionenschwere Sanierung bevorstand, wollte die Vermögens- und Treuhandgesellschaft das lukrative Grundstück zunächst lieber verkaufen. Und nach der Sanierung 2004 wollte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi ihre hessische Landesvertretung lieber unter dem gemeinsamen Dach in Niederrad sehen, wodurch eine wichtige Mieterin im Haus gefehlt hätte.

Plakate zum Neujahrsempfang des DGB 1987.

Auch architektonisch ist der Gebäuderiegel nicht jedermanns Geschmack. Geplant hatte es seinerzeit der Architekt Max Taut. Er stand in einer Linie mit Zeitgenossen wie Ernst May oder Martin Elsaesser für die Epoche der Neuen Sachlichkeit, die heute nicht mehr allzu hoch im Kurs steht. „Luxus ist überall und in voller Absicht vermieden worden“, sagte Otto Misbach, der Vorsitzende des Ortsausschusses des Frankfurter ADGB bei der Eröffnung.

Nach einer behutsamen Sanierung der Fenster erhielt das Gewerkschaftshaus 1998 den Hessischen Denkmalschutzpreis. In der Begründung des Denkmalamts Frankfurt hieß es: „So erhielt der Verwaltungsbau auf vorbildliche Weise sein ursprüngliches Erscheinungsbild wieder zurück. Womit der DGB bewiesen hat, daß die Architektur der May-Ära, Hochhaussanierung, moderne Büronutzung und Denkmalschutz eine bemerkenswerte Allianz eingehen können – angesichts der trostlosen Situation der May-Siedlungen in Frankfurt verdient diese Leistung besondere Anerkennung.“

Kundgebung gegen die Notstandsgesetze 1967.

Der Denkmalschutz macht es nicht einfacher, den Anforderungen an ein modernes Bürogebäude zu genügen. Die bauzeitliche Fassade aus Stahlbeton und Travertin-Kalkstein sorgt im Sommer gerade in den oberen Stockwerken für enorme Temperaturen, wie DGB-Regionsgeschäftsführer Philipp Jacks im Grußwort einer Festschrift zum 90. Jahrestag des Hauses verrät.

An gleicher Stelle betont Jacks aber auch, dass das Gewerkschaftshaus auch heute noch ein wichtiger Ort als Streiklokal und Versammlungsstätte für Kolleg:innen im Arbeitskampf sei. Zudem treffe sich die Gewerkschaftsjugend im Jugendclub, und der Parkplatz werde für gewerkschaftliche Feiern genutzt. Vier der acht Gewerkschaften im DGB residieren mit ihren 300 Beschäftigten noch heute in der Wilhelm-Leuschner-Straße. Die übrigen Räume sind vermietet an gewerkschaftsnahe Einrichtungen und Bildungswerke.

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