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Susanne Pfeffer, die neue Direktorin des Museums für Moderne Kunst.

MMK

"Das Museum ist nur eine Plattform"

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Susanne Pfeffer, Direktorin des Museums für Moderne Kunst, über ihr erstes Jahr, die extrem gewalttätige Zeit und die Dominanz der Bilder.

Frau Pfeffer, ihr erstes Jahr als Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK) ist fast vollendet. Sie haben mit den Arbeiten von zwei Künstlerinnen begonnen, Cady Noland und Marianna Simnett, mit denen Sie das Publikum herausfordern. Es geht um Gewalt, um die gesellschaftliche Situation in den USA bei Noland, aber auch um Gewalt gegen Frauen bei Simnett.
Es geht in dem Werk von Cady Noland nicht allein um die US-amerikanische Gesellschaft. Der amerikanische Traum ist längst zu einem globalen Albtraum geworden. Individualisierung, Selbstoptimierung, Privatisierung und die Fixierung auf den Konsum sind allgegenwärtig. Das Werk von Cady Noland war immer aktuell, aber die Ausstellung zeigt noch einmal in einer besonderen Härte, wie Form und Material von Gegenständen wie öffentlichen Anlagen auf unsere Körper einwirken. Alle Objekte scheinen sich gegen uns, gegen unsere Körper zu wenden.

Noland stand nicht mehr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit, Sie haben sie zurückgeholt.
Sie hat 22 Jahre lang allen großen Museen der Welt Ausstellungen verwehrt. Wir haben nun das große Glück, sie zeigen zu können. Obwohl ihre Arbeiten selten zu sehen sind und in diesem Umfang bislang noch nie ausgestellt wurden, sind ganze Generationen von Künstlerinnen und Künstlern von ihrem Werk beeinflusst worden. Ihr Platz in der Kunstgeschichte ist unumstritten.

Wie ist es Ihnen gelungen, Cady Noland für das MMK zu gewinnen?
Ich habe mich gut vorbereitet und intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt. Wir haben ja mehrere Arbeiten von ihr in unserer Sammlung und ich dachte: now or never.

Sie führten intensive Gespräche.
Ja, wir haben uns oft in New York getroffen, viel über Kunst geredet und intensiv am Modell des MMK gearbeitet, das wir extra für sie gebaut haben.

Eine persönliche Annäherung ist wichtig für Sie?
Ja, die enge Zusammenarbeit mit Künstlern gibt mir die Chance zu versuchen, mit ihren Augen auf das Werk zu blicken und es so von innen heraus zu verstehen. Mir ist wichtig, etwas zu entwickeln, das für das Haus, für die Sammlung, die Besucher und für unsere Gegenwart Sinn ergibt.

Bei der britischen Künstlerin Marianna Simnett, die Sie im Hauptzollamt zeigen, ist es eine Premiere in Deutschland.
Das Zollamt ist der richtige Ort für eine solche erste große Einzelausstellung.

Es geht in der Videoarbeit um eine Frau, die sich selbst verstümmelt, um der Vergewaltigung durch Männer zu entgehen. Das ist heftig.
Es geht um die Frage, wie wir uns als Menschen in der Gesellschaft bewegen können. An welche kulturellen, moralischen oder strukturellen Grenzen stoßen wir? Bei Noland gibt es noch Prothesen und Gehilfen, bei Simnett sind technische Hilfsmittel schon untrennbar mit dem Fleisch verbunden. Beide Ausstellungen sind körperlich und drastisch. Aber wir leben in einer Zeit, die extrem gewalttätig ist. Ich halte es für wichtig, dass wir das als Museum reflektieren, denn wir sind ein öffentlicher Ort. Ich will ein Bewusstsein dafür schaffen.

Sie legen Wert darauf, sich einzumischen.
Ja. Ich denke, gute Kunst macht das immer. Das Museum ist nur eine Plattform. Ich will den Menschen ermöglichen, diesen Positionen zu begegnen.

Wie sind die Reaktionen bei den Besucherinnen und Besuchern?
Wir bekommen ein sehr enthusiastisches Feedback. Auch für die Ausstellung „Weil ich nun mal hier lebe“ im Tower MMK, bei der es um alltäglichen wie institutionellen Rassismus in Deutschland geht. Alle drei Ausstellungen sind nicht leicht zu konsumieren. Das Video von Marianna Simnett dauert 72 Minuten, aber viele schauen es sich komplett an und kommen noch mal wieder. Im Tower berechtigt die Eintrittskarte ohnehin zu einem zweiten Besuch, da die Ausstellung viele Videoarbeiten umfasst.

Es geht auch darum, sich zu behaupten in einem unglaublichen Strom von Bildern, die jeden Tag über die Medien auf die Menschen zubewegt werden. Wie bekommt man die Menschen dazu, sich gerade diese Werke anzuschauen?
Wichtig ist der Zeitbezug. Dann auch die Form des Zeigens. Jeder Besucher erhält mit der Eintrittskarte gratis ein Booklet. Wir machen viele Führungen, um zum Beispiel die Arbeiten von Cady Noland zu vermitteln. Aber wir lassen die Werke auch für sich stehen.

Es gibt keine Ausstellungsarchitektur.
Und keine Wandtexte. Die Menschen besitzen eine hohe visuelle Kompetenz. Sprache hilft. Aber man muss sich auch visuell mit Kunst auseinandersetzen.

Sind Bilder mittlerweile wichtiger als Sprache?
Die Dominanz der Bilder ist enorm. Und der Umbruch der Technologien spiegelt sich ganz besonders im Umgang mit Bildern wider. Aber im Zweifel glauben die Menschen den Worten immer noch mehr als dem Bild.

Noch immer?
Ja! Aber ich finde es auch gut, dass Menschen an Bildern zweifeln.

Ich finde es interessant, dass Sie sagen, die Menschen besäßen heute eine hohe visuelle Kompetenz. Man könnte auch sagen, Menschen sind oft Opfer von manipulierten Bildern.
Man kann den Menschen auch helfen, Bilder zu verstehen. Das versuchen wir. Wir zeigen keine schönen Ausstellungen, aber solche, die Menschen berühren und zum Nachdenken anregen.

Der Begriff Schönheit muss heute neu definiert werden.
Es geht um die Ästhetik von Objekten. Manchmal tun einem die Objekte nicht gut. Aber sie schaffen bei den Menschen ein Bewusstsein.

Das ist Ihnen wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen?
Ja.

Sie haben bei der Präsentation der Neuerwerbung „Boxkampf für direkte Demokratie“ von Joseph Beuys gesagt, sie hätten nie gedacht, dass man wieder so für die Demokratie kämpfen müsse wie gegenwärtig.
Ich finde das sehr erschreckend. Ich hatte gehofft, dass die Menschen verschiedener Nationen sich aufeinander zubewegen. Aber leider ist das Gegenteil der Fall. Es werden Grenzen errichtet, man versucht, Menschen auszuschließen. Man sperrt sich gegen eine vielfältige, plurale Gesellschaft. Das ist sehr beunruhigend.

Sie arbeiten mit dem Museum dagegen an, Sie laden Künstlerinnen über die Grenzen hinweg ein.
Das ist das Tolle an Bildender Kunst. Ich kann global arbeiten. Ich spreche natürlich Englisch. Aber es gibt noch eine Sprache jenseits der Sprache, mit der wir uns verständigen, weil wir alle visuell denken. Es gibt ein Denken jenseits der Sprache. In dem Film von Marianna Simnett sagt die Wissenschaftlerin, eine Kakerlake spüre keinen Schmerz, weil ihr Gehirn zu klein sei. Ich bezweifle das. Es gibt ganz unterschiedliche Formen der Wahrnehmung, und Denken findet auch ohne Sprache statt.

Ich habe mal einen Film über die hohe Intelligenz von Kraken gesehen, denen man komplexe Aufgaben gestellt hat, die sie allesamt gelöst haben.
Die Kakerlaken zudem sind sehr wiederständig. Und es gehört etwas dazu, das zu sein.

Zurück zum Museum. Sie haben jetzt von der Stadt einen eigenen Etat bekommen für Ankäufe. War das eine Bedingung für Sie, um nach Frankfurt zu kommen?
Es ist wichtig, dass wir einen Ankaufsetat haben. Denn wir haben ja auch als Museum den Auftrag, eine Sammlung aufzubauen. Das MMK verdankt es der Unterstützung vieler engagierter Bürger und großzügiger Förderer, dass es in den zurückliegenden Jahrzehnten überhaupt sammeln konnte. Mit einem zusätzlichen festen Ankaufsetat können wir unseren Bildungsauftrag besser erfüllen.

Dieser Etat umfasst 500 000 Euro im Jahr. Bei dem Ankauf des Beuys-Kunstwerks waren hauptsächlich Stiftungen engagiert...
...aber auch die Freunde des Museums. Mir ist wichtig, auch Positionen anzukaufen, die für kommende Generationen Bedeutung besitzen. Deshalb haben wir gerade die Arbeit „Blood In My Milk“ von Marianna Simnett angekauft. Aber wir wollen natürlich auch Lücken in der Sammlung schließen, wie mit dem Ankauf der Arbeit „Boxkampf für direkte Demokratie“ von Josef Beuys.

Aber ein städtisches Haus kann doch überhaupt nicht Schritt halten mit den irrwitzigen Preisen, die auf dem freien Kunstmarkt aufgerufen werden. Da sind doch 500 000 Euro gar nichts.
Da haben Sie Recht. Wir haben den Vorteil, dass wir eng mit Künstlern zusammenarbeiten. Und das Museum ist immer noch der Olymp der Kunst. Deswegen ist es den Künstlern und den Galerien wichtig, dass eine Arbeit ins Museum kommt und damit der Öffentlichkeit zugänglich ist. Die Kunst von Cady Noland ist ja zum Teil sehr sperrig. Welcher Sammler stellt sich einen Zaun ins Wohnzimmer?

Was werden Sie noch machen mit dem neuen Etat?
Wir prüfen gerade, welche Ankäufe wichtig wären, welche Lücken in der Sammlung noch geschlossen werden müssen. Unsere Sammlung ist ganz besonders und unterscheidet sich von vielen Museen, da immer wieder ganz eigene Schwerpunkte gesetzt werden. So besitzen wir wunderbare Arbeiten von Charlotte Posenenske, die wenig in Museen vertreten ist. Wir besitzen fantastische Arbeiten von Abisag Tüllmann oder Thomas Bayrle.

Ist die Expansion des Hauses mit drei Orten abgeschlossen?
Ich denke, ja. Es ist auch eine Frage des Personals. Und darüber hinaus ist das Wunderbare am Museum, dass wir immer eine Auswahl von Arbeiten treffen, die gezeigt wird. Ich will bewusst Dialoge und Dissonanzen zwischen den Werken herstellen.

Das Stammhaus des MMK muss dringend saniert werden. Das wird Millionen kosten.
Die Bewertung, wie und in welchem Umfang eine Sanierung sinnvoll wäre, ist noch nicht abgeschlossen. Aber natürlich gibt es nach 28 Jahren in einem Gebäude immer etwas zu tun. 

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