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Ein Foto von Paul Ehrlich.

Goethe-Universität

Frühe Blütezeit

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Viele Stifter jüdischen Glaubens gründeten die Frankfurter Goethe-Universität. Die Nationalsozialisten vertrieben später mehr als 100 jüdische Wissenschaftler und beförderten gezielt die Karriere des späteren KZ-Arztes Josef Mengele.

Sie waren geistige und finanzielle Wegbereiter der Frankfurter Universität und stellten einen beträchtlichen Teil der Professoren, insbesondere an der Medizinischen Fakultät: Ohne ihre vielen jüdischen Wohltäter wäre vor hundert Jahren die Gründung der Stiftungsuniversität in dieser Größenordnung nicht möglich gewesen; wie kaum eine andere Hochschule in Deutschland wurde sie in der Anfangszeit durch die Ideen, das Geld und das Wissen von Juden geprägt. Jeder dritte Ordinarius und jeder dritte Professor der ersten Jahre war jüdischen Glaubens, an anderen deutschen Universitäten waren es im Schnitt nur vier Prozent, sagt Professor Robert Sader, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie an der Frankfurter Universitätsmedizin, der sich intensiv mit der Geschichte seines Arbeitgebers beschäftigt hat und dazu auch Vorträge hält.

Vor allem an der Medizinischen Fakultät lehrten, forschten und behandelten viele Juden, sie stellten knapp die Hälfte unter den Professoren und trugen somit in großem Maße zur Blütezeit der ersten Jahrzehnte bei. Auch von den 16 Gründungsordinarien des Frankfurter Universitätsklinikums waren acht jüdischen Glaubens. Der berühmteste Kopf unter ihnen hieß Paul Ehrlich. Er übernahm den Lehrstuhl für Pharmakologie und experimentelle Therapie – und war damals bereits Nobelpreisträger. Ehrlich hatte die hohe Auszeichnung 1908 für seine Forschungen zur Immunologie erhalten und 1909 mit Salvarsan als Erster ein Medikament gegen die damals noch häufig tödlich verlaufende Syphilis gefunden; auch bei der Entwicklung des Heilserums gegen Diphtherie war er beteiligt.

„Stark sozial engagiert“

Ein Auszug aus der Universitätssatzung verdeutlicht die liberale Haltung, die Voraussetzung für den hohen Stellenwert jüdischer Wissenschaftler an der Frankfurter Universität war. Darin heißt es: „Eine Bindung in Bezug auf das religiöse Bekenntnis des zu berufenden Professors wird bei keinem Lehrstuhl stattfinden, und demgemäß wird bei der Besetzung der Lehrstühle und der Stellen an den Forschungsinstituten die religiöse oder konfessionelle Stellung in keinem Falle einen Ausschlussgrund bilden.“

In Frankfurt lebten Ende des 19. Jahrhunderts, also zu jener Zeit, als der Gedanke an eine Universität in der Stadt allmählich konkrete Formen annahm, knapp 3000 Juden, zehn Prozent der gesamten Bevölkerung – weit mehr als in anderen Städten: „Viele von ihnen waren wohlhabend und sehr stark sozial engagiert“, sagt Sader. So ermöglichte zum Beispiel 1875 die Rothschild’sche Stiftung das bis heute existierende Clementine Kinderhospital. Wichtige Geld- und Ideengeber auf dem Weg zur Realisierung der Frankfurter Universität waren auch der durch Metallhandel zu Vermögen gekommene „Kupferkönig“ Wilhelm Merton, Carl Christian, August und Franz Jügel, Johanna Stern, Arthur von Weinberg, Eugen Tornow, Leo Gans, Otto und Ida Braunfels oder Georg und Franziska Speyer, um nur einige zu nennen.

Allesamt jüdischer Herkunft, gaben sie teils Millionensummen, um wissenschaftliche Einrichtungen oder Lehrstühle zu finanzieren. 46 von 60 Menschen, die zusammen 20 Millionen Reichsmark zur Eröffnung der Universität beisteuerten, waren Juden, sagt Robert Sader. Großzügige jüdische Geldgeber hatten seit 1901 allein 25 Stiftungen eingerichtet, um Frankfurt eine Universität zu ermöglichen.

Jüdisches Stiftungsvermögen

Speziell im Bereich der Medizin basierten etliche Kliniken und Institute auf jüdischem Stiftungsvermögen, unter anderem die Haut- und die Kinderklinik, das Institut für medizinische Forschung, das Institut für Kolloidforschung, die therapeutischen Anlagen oder das 1904 als Wirkstätte für Paul Ehrlich gegründete „Chemotherapeutische Forschungsinstitut“ Georg Speyer-Haus, das sich heute „Institut für Tumorbiologie und experimentelle Therapie“ nennt.

Umso zynischer erscheint vor diesem Hintergrund, dass diese einst so liberale Hochschule die Karriere des späteren KZ-Arztes Josef Mengele beförderte, der am neuen Lehrstuhl für Erbbiologie und Rassenhygiene als Assistent arbeitete. „Es war kein Zufall, dass das Institut 1935 ausgerechnet an der Frankfurter Universität eingerichtet wurde“, sagt Professor Sader, die Nationalsozialisten hätten alle jüdischen Spuren tilgen und einen machtvollen Gegenpol setzen wollen. Die Nazifizierung der Frankfurter Unimedizin war da bereits zwei Jahre in vollem Gang. Sie hatte 1933 begonnen, in jenem Jahr, als auch die niedergelassenen jüdischen Ärzte in Deutschland ihre Kassenzulassung verloren.

Mehr als 50 Professoren und Privatdozenten der Frankfurter Unimedizin wurden damals allein wegen ihrer Religionszugehörigkeit entlassen. Viele von ihnen verließen Deutschland. Vier frühere Frankfurter Medizinprofessoren wurden später von Nationalsozialisten ermordet.

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