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Der frühere hessische Justizminister Rupert von Plottnitz (Grüne) hält die Trauerrede für seinen jahrzehntelangen Freund.

Ahmad Taheri

"Er wollte ein möglichst freies Leben"

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Die 68er-Generation nimmt auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Abschied von dem Autoren Ahmad Taheri. Der namhafte Journalist war im Alter von 85 Jahren gestorben.

Es ist das Treffen einer Generation. Die 68er sind zu dieser regenverhangenen Mittagsstunde zum Frankfurter Hauptfriedhof gekommen, um Abschied zu nehmen von einem der ihren. Ahmad Taheri, Sohn aus wohlhabender persischer Familie, 1968 rebellierender Student in Frankfurt, später namhafter Journalist, ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Und 50 Jahre nach der Revolte versammeln sich in der Trauerhalle viele, die damals dabei waren. 

Frank Wolff, seinerzeit Bundesvorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), ist aus Berlin angereist und hat sein Cello mitgebracht. Und er spielt es, wie nur er es spielen kann, und bettet damit diese Trauerfeier auf bewegende Weise ein: mit klagenden Tönen, aber auch auftrumpfend, zart, so dass die Klänge über den Trauernden verwehen. Viele stehen, weil sie keinen Sitzplatz mehr bekommen haben. 

 Die Gründungsgeneration der Grünen, mittlerweile selbst grau und teilweise gebeugt, erweist ihrem Freund die letzte Ehre. Daniel Cohn-Bendit, Rupert von Plottnitz, Ulrich Baier, Claus Möbius, Willi Preßmar und viele andere. Der Dokumentarfilmer Thomas Giefer ist ebenso gekommen wie Frank Herterich, der in der Zeit von Bundesaußenminister Joschka Fischer zum Planungsstab des Auswärtigen Amters zählte. Nur Fischer selbst wird vermisst. 

Gemeinsam in die Revolte gestürzt

Die Redner erinnern sich alle in sehr persönlicher Weise an den Toten und zeichnen damit auch das Bild einer Generation im politischen und kulturellen Aufbruch. Denn Taheri war nicht nur Mitglied der persischen Studentenorganisation Cisnu, die 1968 erbittert gegen die Schergen des Schah-Regimes kämpfte. Der Sohn einer bekannten iranischen Dichterin war nicht nur „ein eloquenter Denker“, wie der Unternehmer Majid Semnar ihn nennt. Taheri liebte den Dichter Rainer Maria Rilke über alles und konnte Texte von Goethe ebenso seitenlang zitieren wie Gedichte von Paul Celan. Er war ein ungemein produktiver Journalist, schrieb Hunderte von großen Reportagen für die Frankfurter Rundschau, die „FAZ“, die „taz“. 

Sein Blick auf den Nahen und Mittleren Osten sei mit der Zeit „differenzierter und schärfer“ geworden, sagt Semnar, der immer wieder mit den Tränen kämpft und mit den Worten endet: „Du hast alles richtig gemacht.“ 

Der frühere hessische Justizminister Rupert von Plottnitz, Freund und Weggefährte Taheris seit 1962, erinnert daran, wie wichtig damals die Frankfurter Kaffeehäuser für sie beide gewesen seien. Und natürlich die Kinos. Immer wieder habe der Freund ein Treffen mit der Frage begonnen: „Wo gibt es heute abend einen guten schlechten Film?“ Die beiden liebten die Western von Howard Hawks und die Arbeiten von Michael Curtiz („Casablanca“). „Am Anfang spielte Politik keine große Rolle.“ 

Doch dann stürzten sich beide in die Revolte der späten 60er Jahre. „Ahmad wollte ein möglichst freies Leben, das war unter der Knute des Schah-Regimes nicht zu haben.“ 1969 sollte Taheri nach Persien abgeschoben werden, wo ihm Folter und Tod drohten. Hunderte von Studierenden stürmten das Rollfeld des Rhein-Main-Flughafens. „Ahmad hatte eine halbe Rasierklinge mit in die Abschiebehaft geschmuggelt und er brachte sich dann solche Verletzungen bei, dass der Pilot sich weigerte, ihn auszufliegen.“ Mutig und kaltblütig sei der Freund gewesen. 

Plottnitz lobt den Autor auch dafür, dass er den Menschen die Augen geöffnet habe über die wahre Lage in Ländern wie Afghanistan oder Iran. „Wie leichtfertig und gutgläubig ist doch die Ansicht, man könne in Afghanistan mit militärischen Mitteln etwas verändern.“ Da ist die Trauerfeier mitten in der Gegenwart angekommen. 

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