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Johanniter-Vorstand: „Bitte keine Individualhilfskonvois“

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Von: Timur Tinç

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Oliver Pitsch (links), Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe, mit Flüchtlingen aus der Ukraine am Frankfurter Hauptbahnhof.
Oliver Pitsch (links), Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe, mit Flüchtlingen aus der Ukraine am Frankfurter Hauptbahnhof. © dpa

Oliver Pitsch, Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) spricht im Interview über die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in Farnkfurt, Vorbereitungen der JUH auf Nothilfeeinsätze und warum private Hilfen schwierig sein können.

Oliver Pitsch (48) ist seit 2007 Vorstand im Regionalverband Rhein-Main der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH). Die JUH ist als Ordenswerk des Johanniterordens eine evangelische Hilfsorganisation. Pitsch war am Dienstag am Frankfurter Hauptbahnhof und hat dort die ersten Geflüchteten aus der Ukraine in Empfang genommen.

Herr Pitsch, wie haben Sie den Tag erlebt?

Ich habe mich in dem Moment in das Jahr 2015 zurückversetzt gefühlt, da war ich auch bei einem der ersten Züge am Hauptbahnhof gewesen. Dieses Mal mit einer hohen eigenen Betroffenheit, weil die kriegerische Auseinandersetzung in unmittelbarer Nähe ist. Das war für mich persönlich 2015 ganz anders. Ich würde von mir sagen, dass ich ein Profi bin, was die Soforthilfe und Auslandshilfe angeht, aber die aktuelle Situation geht mir wahnsinnig nahe.

Welchen Eindruck haben die Menschen aus der Ukraine gemacht?

Es waren nicht so viele Menschen. Es waren Studierende, die einfach nach Hause wollten. Eine Frau mit zwei Kindern war dabei, die aber schon einen Anlaufpunkt hatte. Aber sie war gezeichnet von dem, was sie hinter sich gelassen hat.

Wie helfen die Johanniter konkret?

Wir sind zum einen beauftragter Partner der Stadt Frankfurt am Main im Bereich Unterbringung geflüchteter Menschen. Wir sind auf der anderen Seite eine humanitäre Hilfsorganisation, die neben den Verträgen, die wir mit den Gebietskörperschaften sowie beim Katastrophenschutz haben, auch selbstständig Hilfe vorbereitet.

Wie machen Sie das derzeit?

Bei uns wird momentan über unseren zentralen Fachbereich Sofort- und Nothilfe in Berlin der Johanniter Ukraine Einsatz koordiniert. Wir sind hier in Frankfurt auch ein Teil der Johanniter-Auslandshilfe mit dem Logistikzentrum für unser medizinisches Nothilfeteam.

Wie kommt das zum Einsatz?

Wir betreiben das Team für die Weltgesundheitsorganisation. Da gab es im Laufe dieser Woche eine Einsatzvorinformation. In Frankfurt bereiten wir Material so vor, dass es jederzeit einsatzbereit vom Hof runterrollen kann. In unserem Regionalverband befindet sich auch ein „rescEU“ (europäisches) Nothilfelager. Wir führen gerade Gespräche mit der Europäischen Kommission, um zu schauen, wie wir im Rahmen des EU-Katastrophenschutzes wirksame Hilfe für die Ukraine bedarfsgerecht entsenden können.

Sind das Materialien, die sie vorrätig haben?

Für unsere medizinische Nothilfe haben wir alles vorrätig. Wir sagen aus Sicherheitsgründen und den Erfahrungen aus humanitären Katastrophen: Bitte keine Individualhilfskonvois, weil es einfach viel zu gefährlich ist. Wir sind momentan mit unserer Bundesebene und Partnern dabei, den konkreten Bedarf vor Ort zu evaluieren. Und wir kaufen als JUH parallel dazu notwendige Gegenstände ein.

Welche sind das?

Das sind medizinische Verbrauchsgüter. Das ist aber für gewöhnlich nichts was man zu Hause hat oder in der Apotheke um die Ecke bekommt. Da zapfen wir unsere professionellen Lieferanten an und haben dafür eine Sonderseite geschaltet: www.johanniter.de/ukraine. Dort kann man direkt für diesen Einsatz eine Geldsumme spenden. Wir kaufen das im Groß- und Spezialhandel ein und bringen es bedarfsgerecht dahin.

Es gibt ja trotzdem sehr viele Hilfskonvois von privaten Initiativen, die sich auf den Weg an die ukrainische Grenze gemacht haben. Warum ist das aus Ihrer Sicht gefährlich?

Die Probleme beginnen bei zollrechtlichen Schwierigkeiten über Ladelisten, die Standardisierung von Material. Wir beschaffen unsere Hilfsgüter und die unserer Partnerorganisationen so, dass sie bedarfsgerecht dort ankommen, wo sie benötigt werden.

Welche Hilfen bieten Sie außerdem an?

Wir haben viele Unterkünfte und Wohnungen aus unserem Umfeld in den einschlägigen Plattformen anmelden lassen. Wir hatten auch bilaterale Anfragen, wo es schon eine intakte Infrastruktur gab und die Menschen bei Bekannten und Verwandten unterkamen.

Gibt es schon Vorbereitungen für den Fall, dass ganz viele Menschen nach Frankfurt kommen?

In Hessen gibt es festgelegte Katastrophenschutz-Einsatzpläne. Das hessische Innenministerium und die Unteren Katastrophenschutzbehörden der Städte und Kreise sind da führend. Seit 2015 haben wir viel gelernt. Wir betreiben in der Stadt Frankfurt für den hessischen Katastrophenschutz einen sogenannten Betreuungszug. Dieser hat in den vergangenen Tagen seine Einsatzbereitschaft überprüft und steht bereit. Die Aktivierung würde dann über einen Einsatzbefehl der Unteren Katastrophenschutzbehörde erfolgen.

Wer übernimmt diesen Einsatz bei den Johannitern?

Die Katastrophenschutzeinsätze laufen über ehrenamtliche Strukturen. Die Kolleginnen und Kollegen stehen 365 Tage im Jahr bereit, um Krisen zu bewältigen. Sobald etwas Größeres kommen würde, würde die Stadt Frankfurt uns alarmieren und wir würden dann den Einsatz übernehmen. Die Aufgabe der Facheinheiten ist es, unter anderem Notunterkünfte aufzubauen und zu betreiben. Da sind wir in Frankfurt sehr gut aufgestellt. Das haben wir 2015 und 2016 bewiesen.

Wie viele Ehrenamtliche sind das?

Ein Betreuungszug besteht aus 26 Ehrenamtlichen, die das Ganze rund um die Uhr betreiben. Von der Küche über die soziale Betreuung bis zur technischen Grundversorgung alles mit dabei.

Gibt es schon Signale, dass es auf einen Großeinsatz hinauslaufen wird?

Was mir persönlich auffällt ist, dass die Menschen in der Nähe ihrer Heimat bleiben wollen, weil auch viele Familienangehörige dort sind. Ich gehe nicht davon aus, dass wir große Flüchtlingsbewegungen in Frankfurt haben werden.

Interview: Timur Tinç

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