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Er denkt an eine Schutzzone von nur 35 bis 40 Metern: Stadtdekan Johannes zu Eltz.

Demonstrationen vor Pro Familia

Zu Eltz schließt sich Forderung der Mahnwachen an

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Das Anliegen der Anti-Abtreibungsmahnwachen versteht der katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz. Die Aktionsform hält er aber für ungeeignet.

Herr Stadtdekan, vor der Beratungsstelle von Pro Familia finden seit Aschermittwoch wieder Mahnwachen von Abtreibungsgegnern, die sich selbst Lebensschützer nennen, statt. Vertreter der Stadtkirche hat man dort noch nicht gesehen. Ist diese Gruppe isoliert?
Also Menschen aus der Kirche sind das in meinen Augen schon. Die Frankfurter Stadtkirche ist ja breit aufgestellt. Einzelne kenne ich auch als Gläubige, die unsere Gottesdienste besuchen. Aber an der Organisation und der öffentlichen Darstellung dieser Mahnwachen sind wir nicht beteiligt.

Dabei vertreten die Mahnwachen im Prinzip dieselben Ansichten wie die Amtskirche in Sachen Abtreibung ...
Der Forderung der Mahnwache, dass Frauen, die ein Kind empfangen haben, bedenken sollen, dass da ein Mensch in ihnen heranwächst und dass sie diesen doch bitte, wenn es irgendwie geht, am Leben lassen sollen, schließe ich mich zu 100 Prozent an. Aber wir haben ein Problem mit der Form, in der diese Forderung zum Ausdruck gebracht wird: dieses Druckvolle, das in Kauf nimmt, dass Frauen nicht nur irritiert, sondern auch eingeschüchtert werden. Aber noch mal: Das Anliegen selbst ist mir überhaupt nicht fern.

In Frankfurt wird diskutiert, diese Protestform nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Beratungsstelle zuzulassen. Diskutiert wird eine Schutzzone von 150 Metern.
Ich kann mich hineinversetzen in Menschen, die das sinnvoll finden. Ich halte das aber für eine extreme Position der Gegenseite. Das ist das Verhängnisvolle an dieser Auseinandersetzung, dass sie scheinbar keine Mitte zulässt.

Welche „Mitte“ könnte es Ihrer Ansicht nach denn geben?
Einen Demonstranten, der ein Schild hoch hält, 150 Meter von seinem Zielort weg zu verbannen, ist dasselbe, wie die Demonstration zu verbieten. Die Demonstration hat ja einen Adressaten. Zugleich aber sollte die Nähe nicht so unmittelbar sein, dass diejenigen, die die Beratungsstelle aufsuchen, sich physisch unter Druck gesetzt fühlen und eine Art Spießrutenlauf erleben. Ich finde, dass beiden Anliegen Rechnung getragen werden muss. Deshalb würde ich die Distanz größer machen, als sie den Mahnwachen-Teilnehmern lieb ist. Aber auch kleiner, als es diejenigen wollen, die die Mahnwachen zum Teufel wünschen. Ich denke an so etwas wie 35 bis 40 Meter.

Lesen Sie dazu: In Frankfurt wird über Schutzzonen vor Beratungsstellen nachgedacht

Sie sagen, Sie kennen einige der Teilnehmer. Wie würden Sie diese einordnen. Wir bei der FR sprechen bewusst von christlichen Fundamentalisten ...
Ich weiß aus meiner eigenen Geschichte, dass man über diesem Anliegen, also dem Eintreten für das Lebensrecht ungeborener Kinder, schier verzweifeln kann. Das geht bis dahin, dass ich nur noch Freund und Feind kenne und innerlich total verhärte. Das hängt mit dem einzigartigen Rang des Schutzgutes zusammen. Hier geht es nicht um Pillepalle. Wenn ich mich mit Leidenschaft dafür einsetze, das alle Kinder zur Welt kommen und leben dürfen, und dann zusehen muss, wie sie massenhaft schutzlos der Tötung ausgesetzt werden – und genau das ist die Perspektive der Abtreibungsgegner –, dann verändert das mein Inneres. Das ist wie Krieg. Aber es gibt diese Verhärtung auch auf der Gegenseite. Das macht diesen Streit so einzigartig.

Wenn man sich ansieht, was die Organisatoren der Frankfurter Mahnwache in den sozialen Medien von sich geben, ist von christlicher Nächstenliebe nicht viel zu spüren: Abwertung von Homosexuellen, Hetze gegen Feministinnen, Holocaust-Vergleiche ...
Das ist, was ich gerade beschrieben habe. Das ist diese Verhärtung, Verbiesterung und Verfinsterung. Die macht das Anliegen zugleich unwirksam. Ich kann Menschen nur erreichen, wenn diese mir glauben, dass ich es gut mit ihnen meine. Wenn ich die Frauen, um die es hier geht, und ihr Umfeld erreichen möchte, dann muss ich ihnen diese Gewissheit geben. Sie müssen mir abnehmen, dass ich ihnen wohl will und nicht in erster Linie sie an etwas hindern oder ihnen etwas wegnehmen möchte. Wenn Lebensschutz eingebettet ist in betonharte Abendland-Verteidigungs-Ideologie, dann wird man mit dem Anliegen nicht rüberkommen. Dann werden einem das die Leute als Wohlwollen nicht abnehmen.

Die Frauen, die zur Schwangerschaftskonfliktberatung gehen, wollen in der Regel gar nicht angesprochen werden.
Das kann ich mir vorstellen. Aber Demonstrationsfreiheit bedeutet nun einmal, dass man laut und deutlich Dinge sagen darf, von denen andere nichts hören wollen. Bei diesem Thema ist das besonders heikel und, glaube ich, besonders wichtig. Dass die Demonstranten mit Bildern zeigen, was bei einer Abtreibung passiert, und sozusagen den stummen Schrei der Kinder hörbar machen, das ist für mich bitter notwendig.

Wird in der Stadtkirche kontrovers über die Mahnwachen diskutiert?
Es gibt wichtige Teile der Stadtkirche, etwa den Caritas-Verband, die mit der Mahnwache überhaupt nichts anfangen können und sich in diesem Fall mit den Gegnern solidarisieren, ohne deshalb das Anliegen des Lebensschutzes gering zu schätzen. Die Form und der politische Hintergrund dieser Demonstration werden von ihnen nicht geschätzt.

Zum Hintergrund gehört auch, dass die Mahnwachen aus den kroatisch-katholischen Gemeinden heraus organisiert wurden. Zeichnet sich hier ein Bruch zwischen diesen muttersprachlichen Gemeinden und der deutschen katholischen Kirche ab?
Ein Bruch nicht. Aber wir müssen mit dem Ausbau der Zweisprachigkeit in der Leitung der muttersprachlichen Gemeinden vorankommen. Ich meine damit nicht nur die Beherrschung der deutschen Sprache bis in die Nuancen. Die Verantwortlichen brauchen kulturelle Kompetenz und die Bereitschaft, sich auf die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen dieses Landes wirklich einzulassen. Da liegt einiges im Argen.

Haben Sie den Eindruck, dass in der kroatischen Gemeinde Diskurse geführt werden, die abgekoppelt sind von dem, was in der größeren Stadtkirche stattfindet?

Das kann ich nicht beurteilen. Mit uns werden die Programme, die Vorträge und Bildungsinhalte ja nicht besprochen. Wenn alles auf Kroatisch läuft, sind wir außen vor. Das meine ich mit fehlender Zweisprachigkeit. Ich habe das Gefühl, dass es sich für unsere muttersprachlichen Gemeinden auch lohnen könnte, die Entwicklungen in ihren Herkunftsländern unvoreingenommen zu betrachten. Und nicht, wie es bei Immigranten wohl öfters der Fall ist, hier mit Gewalt an etwas festhalten zu wollen, das sich dort längst weiterentwickelt hat.

Interview: Danijel Majic


Johannes zu Eltz (61) ist seit dem Jahr 2010 katholischer Stadtdekan für Frankfurt. Er ist damit für rund 155 000 Katholiken zuständig. Außerdem ist er Vorsitzender des neunköpfigen Caritasrats Frankfurt. Geboren wurde zu Eltz 1957 in Eltville, er wuchs im Rheingau auf. Nach einem erfolgreich absolvierten Jurastudium entschloss er sich, Priester zu werden, und studierte an der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt sowie in Rom Theologie und Philosophie. 

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