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Die deutsche Sprache leidet. Sich mit Goethe und Schiller auseinanderzusetzen, würde helfen.

Frankfurter Hausgespräche

„Ich geh’ Arzt“

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Um Niedrigschwelligkeit geht es bei den Frankfurter Hausgesprächen in diesem Jahr. In Musik, Literatur und Religion kommt diese vor. Die Diskussion zum Start ist ein Plädoyer für die deutsche Sprache.

Der Begriff Niedrigschwelligkeit ist in Mode gekommen. Mitte der 1980er Jahre sei er aufgetaucht, erläutert die Literaturwissenschaftlerin Anne Bohnenkamp-Renken, seit der Jahrtausendwende wachse seine Beliebtheit in der deutschen Sprache stetig. Und nun ist er gar so beliebt, dass er zum Titel der Frankfurter Hausgespräche wird. Im Holzhausenschlösschen, im Literaturhaus und im Haus am Dom diskutieren Podiumsgäste in den kommenden drei Wochen, was Niedrigschwelligkeit in Musik, Literatur und Religion bedeutet.

Wie so eine Diskussion aussehen kann, haben etwa 100 Menschen am vergangenen Mittwoch im Frankfurter Goethe-Haus erlebt. „Sprachwandel in Zeiten der Niedrigschwelligkeit: Geht uns die Bildungssprache verloren?“ lautete das Thema der Auftakt-diskussion der Hausgespräche. Oder, anders gefragt: Reicht es „Ich geh‘ Arzt“ zu sagen, wenn man einen Mediziner konsultieren will?

Nein, nicht immer, da waren sie sich auf dem Podium am Mittwoch grundsätzlich einig. Es wäre erfrischend gewesen, hätte sich jemand gegen den Bildungskanon gewandt. Die Organisatoren der Diskussionsreihe, drei Stiftungen und die vier Veranstaltungshäuser, hätten einen Rapper wie Haftbefehl aufs Podium setzen können. Haben sie nicht.

Neben Bohnenkamp-Renken saßen ein Uniprofessor, eine Deutschlehrerin, ein Sieger eines Diktatwettbewerbs und ein Liebhaber der deutschen Sprache: Roland Kaehlbrandt, der Vorstandsvorsitzende der Polytechnischen Gesellschaft. Zur Einführung in das Thema referierte er mit Verweis auf Jürgen Habermas über die Unterschiede von Bildungs- und Alltagssprache. Dann moderierte er die Diskussion, was ihn jedoch nicht davon abhielt, selbst ein Plädoyer für die deutsche Sprache zu halten. Mark Twain stellte einst fest, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen. Kaehlbrandt beteuerte: „Das stimmt nicht.“

Auch mit Goethe auseinandersetzen

Uwe Hinrichs, Professor für Südslawische Sprach- und Übersetzungswissenschaft an der Uni Leipzig, sagte, die Sprache der Examensarbeiten an der Uni habe „sehr gelitten“, sie werde „infiltriert und infiziert“ mit falschen Wendungen. Und er nannte Beispiele. Statt der „Bedeutung Deutschlands in der Welt“ würde für einige „die Bedeutung von Deutschland in der Welt“ als richtig gelten.

Patricia Baumann, Deutschlehrerin an der Carl-von-Weinberg-Schule in Frankfurt, betonte, sie korrigiere derartige Fehler immer wieder, „auch wenn es mühselig ist“. Bohnenkamp-Renken plädierte dafür, sich auch mit der Sprache alter Texte, etwa von Goethe, auseinanderzusetzen. Marco Soravia, hessischer Schülersieger bei einem Diktatwettbewerb im vergangenen Jahr, berichtete, er habe das getan und es sei interessant gewesen.

Dennoch, immer wieder versuchten sich die Diskutanten von der Sprachverfallsthese zu lösen. Niedrige Schwellen, hohe Schwellen – die Jugend müsse heute einfach mehrere Sprachregister ziehen können, so Kaehlbrandt. Oder anders: Gutes Pferd springt so hoch wie muss.

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