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Teilnehmerinnen beim „Jewish Women Empowerment Summit“ in Frankfurt.

„Jewish Women Empowerment Summit“

Jüdische Frauen diskutieren in Frankfurt über „toxische Maskulinität“ und Gleichberechtigung

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Beim „Jewish Women Empowerment Summit“ in Frankfurt diskutieren Frauen über Gleichberechtigung, Beruf und das Verhältnis zur jüdischen Orthodoxie.

Es gibt diese Sätze, die Dalia Grinfeld eigentlich nicht mehr hören kann: „Gleichberechtigung? Haben wird doch schon“, zum Beispiel. Oder: „Metoo unter Juden gibt es doch nicht.“ Und vielleicht der abgeschmackteste von allen: „Jüdische Frauen sind so und so.“ Grinfeld gibt wieder, was sie selbst zu hören bekommen hat. Die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD) wirkt nicht verärgert, beinahe etwa amüsiert, ob der Klischeehaftigkeit dieser Aussagen. Und auch auf vielen Gesichtern im großen Saal des Frankfurter Ignatz-Bubis-Gemeindezentrums liegt ein etwas spöttisches Grinsen. Man kennt solche Sprüche – als jüdische Frau.

Es sind etwa 40 Zuhörerinnen, die an diesem Donnerstagabend zur Eröffnung des „Jewish Women Empowerment Summit“ gekommen sind. Drei Mal so viele Teilnehmerinnen haben sich für die viertägige Veranstaltung, deren Titel sich etwas grob als „Konferenz zur Selbstermächtigung jüdischer Frauen“ übersetzen ließe, angemeldet. Vier Tage lang wollen Frauen aus der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands in Arbeitsgruppen, bei Podien und Vorträgen Themen wie die Vereinbarkeit von Job und Familie, Ambivalenzen von Frauen in der Sexualität oder auch das Verhältnis zur eigenen Religion diskutieren.

Die Idee zu dieser jüdischen Frauenkonferenz entstand vor etwa einem Jahr, erklärt Laura Cazés, Referentin der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, eine der Hauptorganisatorinnen der Konferenz: „Wir wollten einen Raum aufmachen, den junge jüdischen Frauen nutzen könne, um sich mit Themen zu befassen, die sich beschäftigen.“ Vor gut einem halben Jahr dann begann die Organisation der Veranstaltung. „Es geht hier um Befähigung“, erklärt Cazés, „es geht darum, Frauen das Gefühl zu geben, dass, auch wenn sie noch nicht alle Chancen haben, sie sich diese erkämpfen können.“ Eine feministische Selbstverortung.

Teilnehmerinnen formulieren große Ansprüche

Sich austauschen, Netzwerken, gemeinsame Positionen entwickeln. Es sind alles andere als kleine Ansprüche, die die Teilnehmerinnen im Vorfeld der Eröffnungsveranstaltung formulieren. „Der erste Schritt ist ein Ort, wo jüdische Frauen zusammen können“, erklärt JSUD-Vorsitzende Dalia Grinfeld. Und dieser Ort ist nicht ganz zufällig des Zentrum der jüdischen Gemeinde Frankfurts.

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) betont in ihrer Ansprache, dass die Frankfurter Gemeinde besonders aktiv am Stadtleben teilnehme. Zugleich erinnert sie an die jüdische Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim und ihr Wirken in Frankfurt. Barbara Traub, Mitglied des Zentralrats der Juden des Vorstands der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), spricht über den hohen Anteil jüdischer Frauen in den Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts. „Wir haben viele Vorbilder, an denen wir uns orientieren können“, so Traub.

Man werde in den kommenden Tagen auf jeden Fall auch „ein paar kritische Themen“ ansprechen, betont Sabena Donath, Leiterin der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden. Zum Beispiel, wie es sein könne, dass Frauen heute so gut ausgebildet seien wie nie zuvor, aber nach wie vor unterrepräsentiert seien in Politik und Wirtschaft. Es werde um „toxische Maskulinität“ gehen, um das Verhältnis zur jüdischen Orthodoxie und um die anstehenden Parlamentswahlen in Israel, bei denen die Arbeiterpartei verstärkt auf Kandidatinnen setze.

Über den Köpfen der Rednerinnen, projiziert auf eine Leinwand, prangt an diesem Donnerstagabend das Logo der Konferenz. Sechs weibliche Comicfiguren, unterschiedlich groß, unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche Körperformen. Die Antithese zu der von Dalia Grinfeld zitierten Aussage, wonach „jüdische Frauen so und so sind“. Wenn, das zeigt sich auch im Publikum, dann sind sie so und so und so und so und so.

Diversität, auch das wird in den kommenden Tagen Thema sein. Was am Ende rauskommt, steht noch nicht fest. „Aber alles was wir hier machen“, sagt Sabena Donath, „geht am Ende auch woanders hin. Nach draußen.“

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