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Durchgestartet mit Märchen, "Danni Lowinski" und einem unverstellten Blick auf den Tod: Drehbuchautor David Ungureit.
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Durchgestartet mit Märchen, "Danni Lowinski" und einem unverstellten Blick auf den Tod: Drehbuchautor David Ungureit.

David Ungureit

"Jetzt ist das goldene Zeitalter des Fernsehens"

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Wie schreibt man eigentlich erfolgreiche Drehbücher? Ein Gespräch mit dem Filmpreisträger David Ungureit aus Frankfurt.

Plan A war ganz klar: Musik als Beruf, sagt David Ungureit. Aber wie das so ist in Deutschland, wer als junger Musiker diesen Plan hat, muss meist irgendwann B sagen. Plan B war das Drehbuchschreiben. Volltreffer. Der Frankfurter hat jüngst den Hessischen Drehbuchpreis gewonnen.

Wie man das schafft, darüber spricht Ungureit mit der FR in seinem „zweiten Wohnzimmer“, Paris’ Bar in Sachsenhausen.

„In meinem Kopf ist der Film immer schon fertig“, sagt der 53-Jährige. „Jede Szene, jede Bewegung, jeder Gesichtsausdruck. Das ist das Schöne.“ Das ist das Drehbuch. Da schreibt er alles hinein, jede Szene, jede Mimik. Dann kommt das Filmteam. „Und dann“, Ungureit lacht, „denken die Zuschauer, das hätte sich der Schauspieler alles selbst ausgedacht.“ So ging es beispielsweise mit der TV-Serie „Das Pubertier“, für das er Drehbücher schrieb, mit der preisgekrönten Reihe „Danni Lowinski“, mit den „Anrheinern“, für die er auch das Storykonzept lieferte, mit „Rennschwein Rudi Rüssel“ und mit zahlreichen Märchenverfilmungen für die ARD. Obwohl – da dachten die Zuschauer vermutlich, die Brüder Grimm hätten das Drehbuch geschrieben.

Die Kaffeemaschine in Paris’ Bar (der Wirt ist Grieche und heißt Paris) zischt. „Schneegestöber“ heißt das Drehbuch, für das Ungureit im Oktober beim Hessischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Es ist ein Happy End nach 16 Jahren Arbeit an einem Stoff, für den es kein Happy End geben kann. Erzählt wird die Geschichte eines Todkranken, der alle Kontakte abbricht und zum Sterben ins Hospiz geht. Keine Dokumentation – eine fiktionale Erzählung. „Autor David Ungureit schafft es, dieses eigentlich traurige Thema so humorvoll und stark zu erzählen, wie man es kaum erwarten konnte“, lobte die Filmpreis-Jury.

Die Realität war das Vorbild. „Vor 16 Jahren kannte noch keiner so richtig Hospize“, erinnert sich der Frankfurter. Aber ihn interessierte der Ort, also bat er, sich dort umsehen zu dürfen. „Und dann habe ich gemerkt, das ist ein guter Ort, auch für einen Film. Kein depressiver Ort – es war eigentlich sehr lustig.“ Die Pfleger hätten einen Termin mit einer Bewohnerin vereinbart und als Ungureit eintraf, sagten sie der Dame, der Herr vom Fernsehen sei jetzt da. „Die Frau wohnte dort seit 14 Tagen“, schildert er, „die durchschnittliche Aufenthaltsdauer lag bei 16 Tagen. Aber ihre Reaktion, als ich vor der Tür stand, war: „Einen Moment, ich steh auf und tanz ’ne Runde.“

Trockener Humor im Angesicht der letzten Stunden. „So waren die Leute da fast alle“, sagt Ungureit bewundernd. „Weil im Prinzip keine Regeln mehr gelten. Weil jeder eigentlich mit dem Rest seiner Zeit machen kann, was er will – zumindest in dem Umfang, in dem er das noch kann.“

Der Vater zweier Söhne fährt täglich von Sachsenhausen in sein Büro nach Ginnheim, um zu schreiben. Oder er bleibt in einer Ecke von Paris’ Bar und schreibt dort. Dass er in Frankfurt aufwuchs, hängt auch mit der Frankfurter Rundschau zusammen: Seinen Vater Heinz Ungureit zog es aus Westfalen an den Main, er war in den 60er Jahren für eine kurze Zeitspanne Feuilletonredakteur der FR, ehe er zum Fernsehen wechselte und unter anderem ZDF-Filmchef wurde. „Deshalb habe ich um das ZDF einen Bogen gemacht“, sagt der Sohn und lacht wieder. „Ich hatte aber sowieso eher eine Affinität zum Schreiben als zum Film.“

Und zur Gitarre. In den 80ern und 90ern war er auf Tour mit Bands wie EDV und Dr. Doctor, es gab Fernsehauftritte, eine CD. Er schrieb seine Magisterarbeit über die Geschichte Deutschlands im Spiegel seiner Schlager. „Du kannst ziemlich genau das Wesen eines Staats anhand seiner populären Musik nachzeichnen“, sagt er.

„Jugendliche Arroganz“

Überall war Musik, aber dann gewann am Ende doch: das weiße Blatt. „Es liegt vor dir, du hast freie Hand. Das Nachdenken ist die Arbeit.“ Vorhang auf für die Fantasie. Am meisten Spaß machen die Dialoge. „Die Beschneidungen kommen später, sprich: das Budget.“ Es beherrscht die Filmindustrie. Darum wurde auch nichts aus dem allerersten Drehbuch, das David Ungureit gemeinsam mit einem ehemaligen Schulkameraden aus dem Wöhler-Gymnasium schrieb, einem Science-Fiction-Stoff. Die beiden Freunde merkten schnell: „Dafür gibt es in Deutschland kein Geld.“ Sie hatten zuvor ein Krimidrehbuch in die Hände bekommen und waren zu dem Urteil gekommen: „Was’n Mist!“ Der Entschluss stand fest: Das können wir besser. „Jugendliche Arroganz“, sagt er heute. Aber, wie so oft, die Frechheit siegte, wenn auch mit Verzögerung.

Neue Gäste kommen ins Café, man kennt sich, man grüßt sich. Eine langwierige Sache, das Drehbuchschreiben, viel Warterei, viele Exposés und Konzepte, und dann wieder Zeitdruck: ein Monat für einen 45-Minüter, zwei Monate für ein Filmdrehbuch, so geht das häufig. Und am Ende wird man kaum erwähnt. Nach der Gala zum Hessischen Filmpreis sprachen alle von Stargast Ulrich Tukur; Ungureits Erfolg war eine Randnotiz in den Gazetten. Oder die Kinowerbung: „Ein Film von …“ und dann folgt der Name des Regisseurs. „Dabei hätten all diese Leute keine Arbeit, wenn es die Drehbuchschreiber nicht gäbe“, sagt der Autor und zitiert Billy Wilder: „Für einen guten Film braucht man drei Dinge: Ein gutes Buch, ein gutes Buch, ein gutes Buch.“ Ungureit zuckt mit den Schultern. „Es ist unser Schicksal, dass das beim Publikum nicht angekommen ist. Drehbuchautoren gelten als Jammerlappen, obwohl jeder weiß: Sie haben recht.“

Meisten Siegerdrehbücher blieben unverfilmt

Das Drehbuch für „Schneegestöber“, an dem er über die Jahre immer weiterarbeitete – niemand wollte es verfilmen. Hospiz geht nicht, hieß es. „Erst jetzt sind Branche und Publikum bereit dafür“, glaubt der Autor. „Vielleicht hat der Preis die Aufmerksamkeit dafür geschaffen.“ Was nicht heißt, dass der Film auch gedreht wird. Verblüffend, aber wahr: Die meisten Siegerdrehbücher der vergangenen Jahre seien unverfilmt geblieben, sagt er. Eine Jury sei eben aufgeschlossener für ungewöhnliche Ideen als jene, die später mit dem fertigen Film Geld verdienen wollten.

Nun gilt es also, einen Produzenten und ein Budget aufzutreiben. Schwierig, in einer Zeit, in der das herkömmliche Fernsehen immer stärker durch das Internet unter Druck gesetzt wird? „Jetzt ist das goldene Zeitalter des Fernsehens“, widerspricht Ungureit. „Es gibt neue Player, die Streamingdienste. Sie werden auch mehr selbst produzieren, das belebt das Geschäft.“ Und das gibt Hoffnung für Leute mit Ideen: „Ich freue mich über jeden Erfolg einer fiktionalen Geschichte – das hält Sendeplätze offen.“ Vielleicht ja auch für das „Schneegestöber“. In die Jahreszeit würde es passen.

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