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Feinste Organza-Spitze an der Jacke aus Anzugstoff: Gabriele Hennig arbeitet an ihrem Hosenanzug für den Weltkongress.

Handwerk

Frankfurterin vertritt Deutschland auf Weltkongress der Maßschneider

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Gabriele Hennig vertritt Deutschland beim Weltkongress der Maßschneider in Italien.

Dass Gabriele Hennig ihr Handwerk beherrscht, sieht man daran, dass man nichts sieht: Nähte verstecken sich schier unsichtbar unter den Blüten aufwendiger Spitze, Säume und Futter sind mit winzigen Stichen von Hand genäht, Nahtzugaben mit feinstem Organza-Schrägband versäubert, Applikationen mit transparentem Garn auf dem Oberstoff befestigt. Hennig flicht Aufhängerschlaufen, bezieht Knöpfe mit dem Stoff des Kleidungsstücks, das sie verschließen sollen - und zwischendrin, wenn das Kreuz schmerzt, schlingt sie ein Thera-Band um den Griff der Fixierpresse und macht Fitnessübungen: „Wir Schneider haben es ja alle an der Wirbelsäule.“

Kein Wunder, denn die Damenschneidermeisterin beugt sich bereits seit Jahrzehnten über Nähmaschinen, Zuschneidetisch und Bügelbrett. In rund 40 Jahren hat sie 60 Lehrlinge in ihrem Couture-Atelier im Frankfurter Westend ausgebildet und unzähligen Menschen Anzüge, Kostüme, Abend- oder Hochzeitskleider auf den Leib geschneidert. Mit dem Ausbildungsbetrieb ist seit kurzem Schluss, sie selbst aber denkt gar nicht daran, mit der Schneiderei aufzuhören. „Das ist meine Passion, warum sollte ich denn aufhören zu nähen?“, fragt die 69-Jährige. „Ohne Lehrlinge habe ich meine Freiheit und kann hier arbeiten, dass die Fetzen fliegen.“

Und so hat sie spät im Berufsleben auch entdeckt, dass sie ihr Handwerk nicht nur meisterlich beherrscht, sondern sogar Preise damit gewinnen und die Welt bereisen kann.Auf den Bundeskongressen der Maßschneider in Kiel und Wiesbaden gewann sie 2016 und 2018 Goldmedaillen und zusätzlich den Award ihrer Zunft für das gekürte Modell mit der höchsten Punktzahl: 100 von 100. „Beim zweiten Mal war mir das schon fast peinlich“, sagt Hennig über ihren Erfolg, den sie gleichwohl genießt. „Die Jury schaut sich da wirklich jeden Stich an. Es geht nicht um Mode, sondern ums Handwerk.“ Im Schrank hat sie bereits den Stoff für den Wettbewerb beim nächsten Bundeskongress in Dortmund 2020 liegen. Und auf ihrer Schneiderpuppe hängt eine Jacke, mit der sie kommende Woche nach Verona reist.

Weltkongress der Maßschneider

Vom 2. bis 7. August treffen sich dort die besten Maßschneiderinnen und Maßschneider zum Weltkongress - „und ich vertrete Deutschland“, sagt Hennig stolz. Als beste Damen-Maßschneiderin der letzten Bundeskongresse war sie die erste Wahl für ihre Innung - zusätzlich reist noch eine Herren-Maßschneiderin aus Dresden an. Aus einem dunklen Anzugstoff des italienischen Traditionsunternehmens Zegna hat Hennig ein raffiniertes Modell kreiert; hat die Schnittteile kreuz und quer zerschnitten und mit Satinpaspeln zu einem neuen geometrischen Muster zusammengesetzt. Mit Stecknadeln befestigt sie eine zarte Organza-Spitze, die später Kragen und Ärmelsaum der Jacke zieren soll - ein Hingucker für die Modenschau in Verona.

Die zierliche Frau, die sich fast ihre gesamte Garderobe selbst näht, freut sich auf den Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt und auf die Reise an sich, „das italienische Flair“ und die „Aida“, die sie sich in der Oper anhören und dazu eine ihrer preisgekrönten Roben tragen möchte. „Früher hatte ich für so etwas gar keine Zeit, ich musste ja meine Lehrlinge ausbilden und hatte als alleinerziehende Mutter eines Sohnes auch gar nicht das Geld dafür.“

Ihr Vater hatte eigentlich einst anderes mit ihr vor, erzählt sie. „Ich komme aus einer Ärztefamilie, für ihn war klar, dass ich Abitur machen und studieren würde.“ Als sie stattdessen nach der zehnten Klasse die Bettinaschule verließ, um 1968 ihre Ausbildung zur Damenschneiderin zu beginnen, „war mein Vater völlig geschockt“. Sie aber, die die Grundlagen des Handwerks bereits von ihrer Mutter, einer Hobbyschneiderin, gelernt, sich Puppenkleider und eigene Kleidungsstücke geschneidert hatte, „wusste, das ist mein Beruf“.

Mit nur 23 Jahren legte sie 1973 ihre Meisterprüfung ab und eröffnete ihr eigenes Maßatelier, in dem sie 1978 auch anfing auszubilden. In den 90ern wurde sie Vorstandsmitglied in der Maßschneider-Innung Frankfurt-Main-Taunus und im Meisterprüfungsausschuss.

An ihrem Beruf gefallen ihr die Materialien, „das Haptische“, sagt Hennig und reibt ihre Finger aneinander, als hielte sie einen Stoff dazwischen. „Dass man etwas selbst kreiert und auch fertigstellt - das Erfolgserlebnis ist groß, man sieht ja die Arbeit, die man geleistet hat, das fertige Modell.“ Und kommende Woche können es auch ihre internationalen Kolleginnen und Kollegen in Verona bewundern.

Kontakt:www.hennig-couture.de

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