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Im Palmengarten genießt eine Besucherin das sonnige Herbstwetter.

Leben im Westend

Jede Menge zu tun im Westend

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Zwischen Botanischem Garten und Palmengarten geht es nur auf den ersten Blick ruhig zu. Viele Menschen haben hier im Westend etwas zu erledigen – und fast alle eine Geschichte zu erzählen. Man muss sie nur fragen.

Die Herbstsonne gibt ihr Bestes, aber wirklich erwärmen kann sie die Luft nicht mehr. Sechs, vielleicht sieben Grad, mehr dürften es an diesem Dienstagmorgen im Westend nicht sein. Vermutlich auch deswegen ist im Botanischen Garten und im angrenzenden Grüneburgpark nicht viel los. Die wenigen Jogger, die unterwegs sind, tragen trotz des sonnigen Wetters Mützen und Handschuhe. Einsam ziehen sie ihre Runden, die meisten mit Kopfhörern in den Ohren. Das hektische Treiben der Stadt scheint weit weg. Es ist so still, dass jede Krähe, jeder Rabe zum Solisten wird.

Auch auf dem kleinen Platz am Rand des Gartens an der Siesmayerstraße ist es still. Es herrscht höchste Konzentration. Die 4c der Franckeschule hat hier im Jugendverkehrsgarten in den vergangenen Wochen sicheres Fahrradfahren gelernt. Heute steht die Abschlussprüfung an. „Alle sind ein bisschen aufgeregt“, erzählt Klassenlehrer Jens Kleemann. Die Schülerinnen und Schüler müssen auf ihren Rädern zeigen, was sie können. Ampeln, Kreisel, Kreuzungen – alles hier sieht genauso aus wie im echten Straßenverkehr. Nur eben kleiner.

Die theoretische Prüfung hat die 4c schon hinter sich. Wer auch die praktische bestehe, dürfe mit seinem Fahrrad im Straßenverkehr fahren, weiß Kleemann. „Als ich klein war, haben wir auch noch einen Aufkleber für unser Fahrrad bekommen“, erinnert er sich. Ob es den nach bestandener Prüfung heute immer noch gebe, wisse er allerdings nicht, sagt er und muss zurück zu seiner Klasse.

Während die 4c noch auf nachgebauten Miniaturstraßen unterwegs ist, fährt im echten Verkehr, nur wenige Meter entfernt auf der Siesmayerstraße, ein grün-gelber Bus mit Stuttgarter Kennzeichen vor. Kaum ist er auf einer der letzten freien Parkflächen zum Stehen gekommen, springt eine Gruppe von Geschäftsleuten aus Indien heraus und läuft in Richtung Palmengarten. Zeit für ein Gespräch haben sie nicht, „we are so sorry“, auch keine fünf Minuten. Stattdessen klettert der Busfahrer die Stufen an der Tür herunter. „Ich habe auch länger Zeit“, sagt Fatih Salem und lacht.

Seit sechs Jahren fährt er für das Busunternehmen Reisegruppen quer durch Europa. „Heute bin ich um halb fünf in Stuttgart losgefahren, weil ich die indische Gruppe um halb neun in ihrem Hotel in Frankfurt abholen sollte“, berichtet Salem. Sie hätten eigentlich gegen Mittag bei einem Termin in Stuttgart sein sollen. Doch daraus wurde nichts. „Um Viertel nach neun kamen sie aus dem Hotel und meinten, dass sie lieber den Palmengarten besichtigen wollen“, erzählt der 37-Jährige. Und weil er den für die Gruppe Verantwortlichen nicht habe erreichen können, sei er eben hierhergefahren. „Wann die Gruppe wieder da ist und wir loskönnen, weiß ich allerdings nicht.“

Für Fatih Salem kein Problem: Das Warten auf die Fahrgäste ist er gewöhnt. „Ich gehe spazieren und manchmal“, er zeigt auf den Bus, „habe ich auch mein Rad dabei.“ Dann zückt Salem sein Handy, „ich will euch unbedingt noch was zeigen“. Er spielt ein Video ab, das ihn gemeinsam mit einem Orchester zeigt, aufgenommen vor rund zwei Wochen in Venedig. Dorthin habe er die Musiker gefahren – für Fatih Salem ganz spezielle Gäste, denn bei seinem allerersten Auftrag als Busfahrer war er mit dieser Gruppe unterwegs. Dass er mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun habe, sei das Beste an seinem Beruf, erzählt er. „Für mich ist das ein Traumjob.“

Mittlerweile ist es zehn nach zehn, am Botanischen Garten und der nördlichen Siesmayerstraße ist kein Parkplatz mehr frei. Eine Frau in einer weißen Bluse steigt aus ihrem Auto aus. Nein, für ein kurzes Gespräch habe sie keine Zeit. Sie sei im Café im Palmengarten verabredet, sagt sie, entschuldigt sich und läuft auf die andere Straßenseite.

Auf dem Gehweg neben ihrem Auto klebt unterdessen ein Mann Plakate an eine Werbesäule. „Seit fünf Uhr bin ich schon auf den Beinen“, erzählt Dagli Yasar und stellt sein Equipment – Eimer und Besen – kurz zur Seite. Macht ihm der Job Spaß? „Welcher Job macht schon Spaß?“, fragt der Bornheimer zurück. Aufgewachsen sei er in der Türkei, „in Adana“, betont Yasar. Seit 1980 wohnt er in Frankfurt. Auch seine beiden erwachsenen Kinder leben in der Stadt. Den Job als Plakatekleber macht der 55-Jährige als Selbstständiger. „Die Bezahlung ist echt scheiße“, findet Yasar. Für ein Plakat bekomme er 25 Cent. „Heute stehen so um die 100 Säulen auf meinem Plan, das hier ist jetzt etwa die fünfzigste.“

Seinen weißen Lieferwagen, am Kofferraum mit einem Eintracht-Sticker beklebt, hat er direkt neben der Säule am Straßenrand geparkt. Aus der offenen Schiebetür dröhnt das Radio. „Damit ich bei der Arbeit Unterhaltung habe und auch weiß, was so passiert“, erklärt Yasar. Dann ist das letzte Plakat geklebt. Yasar packt seine Sachen ein und fährt über die von Bäumen gesäumte Straße davon, weiter zur nächsten Säule, die irgendwo in Frankfurt auf ihn wartet.

Dann steht plötzlich wieder die Frau mit der weißen Bluse auf dem Gehweg. Sie hätte jetzt doch ein paar Minuten Zeit für ein Gespräch, sagt sie und stellt sich als Dorothea von Schenck vor. Auch ihre Freundin Felicitas von Brevern ist mitgekommen. Anders als die meisten Menschen, die an diesem Morgen zwischen Palmengarten und Botanischem Garten unterwegs sind, sind die beiden nicht hier, um zu arbeiten. Im Gegenteil: „Wir haben gerade unseren Jour fixe im Café im Palmengarten“, erzählt von Brevern. Einmal im Monat treffen sich die beiden hier für rund zwei Stunden mit anderen Freunden.

Woher sie sich kennen? Die Frauen schauen sich etwas ratlos an und müssen dann lachen – offensichtlich eine nicht ganz einfache Frage. „Wir kennen uns über gemeinsame Freunde“, sagt von Brevern dann. „Stimmt“, ergänzt Dorothea von Schenck. „In Frankfurt trifft man einfach so nette Leute.“

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