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Jede Menge Drive

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Von: Oliver Teutsch

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Dieter Wesp hat sich für eine Tafel am Geburtshaus von Theodor W. Adorno an der Schönen Aussicht eingesetzt.
Dieter Wesp hat sich für eine Tafel am Geburtshaus von Theodor W. Adorno an der Schönen Aussicht eingesetzt. © Peter Jülich

Dieter Wesp ist Stadtführer, Hobbymaler und Marathonläufer / Von Oliver Teutsch

Langeweile kennt Dieter Wesp nicht. Denn bevor dem zertifizierten Frankfurter Stadtführer langweilig wird, konzipiert er lieber eine neue Stadtführung. „Es wäre doch langweilig, immer nur Neue Altstadt zu machen“, findet der 69-Jährige. Es gibt kaum eine Gegend in Frankfurt, zu der Wesp nicht schon eine Führung angeboten hat: ob Stadtwald oder Osthafen, Riederwald, Malerviertel, Ernst-May-Siedlung oder Hauptfriedhof. Für das städtische Areal hat Wesp eine besondere Expertise. Kaum einer kann so gut zeigen, wo Prominente wie Marcel Reich-Ranicki, Emil Mangelsdorff oder Arthur Schopenhauer begraben sind. „Dafür gibt es keine öffentliche Ressource“, sagt Wesp.

Warum sich ein Mensch, der 1953 im südhessischen Erzhausen geboren wird, in Frankfurt überhaupt so gut auskennt, ist eine lange Geschichte. Wobei Wesp betont, „ich fühle mich seit dem 1. September 1969 als Frankfurter“. An jenem Tag beginnt seine Lehre bei den Farbwerken Höchst als Chemielaborant. Es ist eine eigene Welt, mit über 2000 Lehrlingen, einer eigenen Berufsschule und gewerkschaftlichen Fortbildungen, die Wesp besondere Freude machen. „Auf die andere Seite zu wechseln und als Referent zu arbeiten, hat mich gereizt.“ Denn erklärt hat auch der kleine Dieter schon gerne, selbst im Wald. „Ich bin auf Spaziergängen mit meinen Bestimmungsbüchern immer voraus geschickt worden, weil ich mit meinen Erklärungen genervt habe.“

So holt Wesp am Hessen-Kolleg sein Abitur nach, studiert Erwachsenenfortbildung und landet schließlich bei der IG Metall. Dort ist er zunächst dafür zuständig, die Belegschaft auf die Umstellung bei der Datenverarbeitung vorzubereiten. Nachdem die IG Metall am 1. Mai 1996 online ging, war Wesp als Leiter der Onlinemedien aber auch immer mehr dafür verantwortlich, für redaktionelle Inhalte zu sorgen. Nach gut 20 Jahren bei der IG Metall hatte er dann keine Lust mehr und wollte lieber als Stadtführer arbeiten.

Doch Wesp beschränkt sich nicht nur auf Führungen, sondern liebt es, sich in historische Sachverhalte regelrecht zu verbeißen. Wie damals, als er aus Neugier begann, über die Geschichte der Villa Kennedy zu recherchieren. Dabei stieß er 2016 im Institut für Stadtgeschichte auf eine Liste, die sein Herz höher schlagen ließ. „Haus und Grunderwerb der Stadtgemeinde Frankfurt am Main von Juden seit 1933“ liest er und findet auf 13 Seiten 170 Grundstücke aufgezählt, die sich die Stadt in Zeiten des Nationalsozialismus unter den Nagel gerissen hat, darunter auch die Villa Kennedy. Weder beim Fritz-Bauer-Institut noch beim Institut für Stadtgeschichte ist die vom damaligen Baudezernenten Adolf Miersch in Auftrag gegebene Liste bekannt. Wesps Fundstück kurbelt die Forschung wieder an. „Das war mein wichtigster Erfolg“, findet Wesp, der mittlerweile sogar im Vorstand des Fördervereins des Fritz-Bauer-Instituts ist.

Auch um Theodor W. Adorno hat sich Wesp verdient gemacht. Er hat zu Adornos Spuren in Oberrad geforscht und angeregt, dass für die Familie Wiesengrund-Adorno ein Stolperstein verlegt wird. Auf die Frage, welchen Anteil er daran habe, dass am Geburtshaus des Philosophen in der Schönen Aussicht am Dienstag eine Gedenktafel enthüllt wird, sagt Wesp unumwunden, „die hätte es ohne mich nicht gegeben“. Denn Wesp ist seit 2018 auch im Vorstand des Kuratoriums Kulturelles Frankfurt, einer Tochter der Polytechnischen Gesellschaft. Wesp regte die Gedenktafel im Kuratorium an und machte auch gleich einen Vorschlag, wie diese Tafel aussehen solle. „Ich wollte da jetzt keine Bronzetafel, sondern eine Tafel, die Nichteingeweihten verrät, was es mit Adorno auf sich hat.“

Bei der Frage, woher sein großer Wissensdurst komme, denkt Wesp eine ganze Weile nach. Er habe in seiner Biografie „so eine Art Klassenwechsel durchgemacht“. Wesps Vater war Dreher, er stammt aus einem echten Arbeiterhaushalt und war der Erste in seiner Familie, der Abitur gemacht hat. „Man behält sein ganzes Leben lang so einen kleinen Rest von ‚Du gehörst nicht dazu‘“, findet Wesp. Sich Selbstbewusstsein zu erarbeiten, „gibt einen solchen Drive, dass man immer weitermacht“.

Einen ziemlichen Drive hat Wesp nicht nur beim Recherchieren. Er ist passionierter Läufer und hat schon 25 Marathons in den Beinen. Seine Bestzeit steht bei beachtlichen 3:24 Stunden. Mit seiner kleinen Sachsenhäuser Laufgruppe joggt er dreimal die Woche vom Theodor-Stern-Kai bis zur Gerbermühle und zurück. Immer am Main lang, auch an der Schönen Aussicht vorbei. Das Laufen hat für ihn etwas Entspannendes. „Da komme ich auch auf Lösungen, die ich am Schreibtisch nicht finde“, erzählt Wesp, der seit 1994 mit Museumspädagogin Rosemarie verheiratet ist, seiner strengsten Kritikerin. „Sie sagt mir dann nach Führungen, ich solle mir nicht an die Nase fassen oder meine Zettel besser sortieren.“

Entspannen kann Wesp auch beim Malen in Acryl. „Da kann es schon recht expressionistisch zugehen“, sagt der Hobbymaler schmunzelnd. Im kommenden Jahr wird er aber wohl häufiger beim Laufen entspannen, denn dann will er nach einer längeren Verletzungspause noch ein letztes Mal beim Frankfurt-Marathon mitlaufen. Langweilig wird es Wesp auch im nächsten Jahr sicherlich nicht.

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