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Emil Mangelsdorff spielt immer noch Saxofon. 

Kultur

Jazz als Friedensbotschaft

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An diesem Samstag feiert der gebürtige Frankfurter Emil Mangelsdorff seinen 95. Geburtstag. 

Gerade hat er wieder drei Stunden geübt. Für den Saxofonisten ist das unabdingbar. „Wenn du aussetzt und nichts machst, dann geht bald auch nichts mehr“, sagt Emil Mangelsdorff. Also improvisiert er, nimmt sich ein Stück vor, nimmt es gleichsam auseinander und setzt es wieder zusammen. „Du musst die Technik behalten und den Ansatz.“ Dazu gehört in Mangelsdorffs Alter eine eiserne Selbstdisziplin. An diesem Samstag feiert der gebürtige Frankfurter seinen 95. Geburtstag.

Sein geplanter Auftritt im Frankfurter Holzhausenschlößchen in diesem April, schon lange ausverkauft, musste natürlich abgesagt werden, wie alle öffentlichen Musikveranstaltungen. Der Jazzmusiker bewahrt sich den gewohnt nüchternen und ironischen Blick auf die Corona-Pandemie und ihre Folgen. Die romantische Hoffnung, die Menschheit möge durch die Krise umkehren und von ihrem selbstzerstörerischen Kurs Abstand nehmen, teilt er nicht. „Die Politik wird nicht davon wegkommen, auf das Wachstum der Wirtschaft zu setzen“, prophezeit er.

Mangelsdorff ist schon lange ein Kritiker der herrschenden Verhältnisse. Und ein unermüdlicher öffentlicher Mahner vor der Wiederkehr des Faschismus. Der Praunheimer weiß, wovon er spricht. Er hat das alles am eigenen Leib erlebt. Im Alter von 14 Jahren gehörte der junge Klarinettist zu einer Combo, die im „Rokoko“ an der Frankfurter Kaiserstraße tatsächlich Jazz spielte, obwohl das von den Nationalsozialisten verboten war. Die Mitglieder der „Hotclub Combo“ lebten gefährlich und unterschieden sich schon äußerlich stark vom Idealbild der Hitlerjugend. Sie trugen die Haare lang und die Sakkos bis zum Knie. Immer wieder schleppte die Gestapo die Musiker zum Verhör, bedrohte sie. Am 20. April 1943, „Führers Geburtstag“, war es wieder soweit. Doch diesmal kam Mangelsdorff nicht mehr frei. Wochenlange Haft, Schläge, danach zwangsweise zum Kampfeinsatz an die Ostfront in Russland.

Unermüdlicher Mahner

Bis zum letzten Tag, bis zum 8. Mai 1945, erlebte der junge Mann den Horror des Krieges. Es folgten mehr als vier Jahre russischer Gefangenschaft. All das machte Mangelsdorff bis heute zum engagierten Kämpfer für Frieden und Völkerverständigung. Als Medium setzt er seine Musik, den Jazz, ein.

Bis heute spricht er von der „politischen Dimension“ seiner Musik. Schon 1957 gehörte er mit seinem Bruder, dem Posaunisten Albert Mangelsdorff, zu einer Gruppe junger deutscher Jazzmusiker, die nach Polen eingeladen wurde. In das Land also, das unter dem Nazi-Terror besonders gelitten hatte. Die jungen Musiker, unter ihnen auch der Sänger Bill Ramsey, wurden vom polnischen Publikum begeistert empfangen.

Mangelsdorff entwickelte sich musikalisch weiter, spielte Bebop und Cool. Bis in seine jüngste Formation hinein, mit den polnischen Musikern Vitold Rek am Bass und Janusz Stefanski am Schlagzeug, bleibt er überzeugter Europäer. Und er hält an seinen Zeitzeugengesprächen mit Schulkassen und Studierenden fest.

Mangelsdorff wäre nicht mehr er selbst, würde er seinen 95. Geburtstag nicht öffentlich ziemlich herunterspielen. „Ist nicht so von Bedeutung, ist mir ziemlich schnuppe.“ Aber das stimmt natürlich nicht, wie er dann auch ehrlich zugibt. Die Feier mit den Freunden und den vielen Fans wird nachgeholt. Und das Konzert im Holzhausenschlößchen ist einfach auf den April nächsten Jahres verschoben worden.

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