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Justin Bieber hat die Hände in den Hosentaschen - eine Mischung aus Routine und Arbeitsmüdigkeit?

Wireless Festival

Zehntausende feiern mit Sean Paul und Justin Bieber

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Am zweiten Tag des Wireless Festivals treten neben Popgrößen wie Justin Bieber auch mehrere legendäre deutsche Hip-Hop-Bands im Waldstadion auf.

Justin Bieber ist da, bevor er da ist. Also in den Köpfen seiner Fans. Katharina (19) und Denise (20) sind extra aus dem niedersächsischen Walsrode so ziemlich genau 28 Stunden und 30 Minuten vor seinem Auftritt beim Wireless-Festival im Waldstadion angereist. „Wir wollen vor dem Stadion übernachten, damit wir morgen Justin so nah wie möglich sein können“, erzählt Katharina am Samstagnachmittag. In Tüten haben sie Decken, Schlafsack, Wasser und ein paar Sachen zum Wechseln dabei. Auf der Rückseite ihrer T-Shirts steht „My Mama don’t like you“, eine Textzeile aus Biebers Erfolgssong „Love yourself“. Auch andere Besucherinnen sagen immer wieder: „Am meisten freue ich mich auf Justin.“

Der kanadische Superstar ist zwar der Haupt-Act am Sonntag, aber das Line-up an beiden Festivaltagen ist auch ansonsten ziemlich beeindruckend. Protagonisten der nationalen und internationalen Pop-, R&B- und Hip-Hop-Welt sind da: Die legendären Deutsch-Hip-Hop-Stars wie die Beginner mit ihrem bekannten Rapper Jan Delay oder Freundeskreis mit ihrem Frontmann Max Herre. Aber auch der Berliner Rapper Marteria, der jamaikanische Dancehall-Superstar Sean Paul („She doesn’t mind“) und der zweite kanadische Superstar neben Bieber The Weeknd stehen auf der Bühne.

Das Wireless-Festival, das seit Jahren bereits erfolgreich in London läuft, feierte an diesem Wochenende seine Deutschlandpremiere im Frankfurter Waldstadion. 40 000 Besucher sollen an den zwei Tagen da gewesen sein. Richtig voll ist es am Samstagnachmittag aber noch nicht. Besucher können ziemlich entspannt umherlaufen: Vor dem Stadion ist auf der Wiese eine Art Rummelplatz aufgebaut. Mit bunten Fahrgeschäften, Popcornmaschine und Food Trucks mit Burgern und einer kleineren Bühne, auf der ein paar Rapper auftreten. Die meisten Besucher sind zwischen 20 und 30, ab und zu sieht man ein paar Teenies mit ihren Müttern. Der Klamottenstil erinnert an den von großen Festivals wie dem legendären Coachella in Kalifornien. Viele der jungen Frauen tragen romantisch geflochtene Zöpfe mit Blümchen im Haar, dazu kurze Kleidchen; ein sehr beliebtes Teilchen sind bauchfreie Shirts gepaart mit Jeans-Hotpants.

Manche der Hotpants lassen die Hälfte der Pobacken frei, was in manchen Fällen nur bedingt schön aussieht. Es scheint auch mäßig bequem zu sein. Oder es kommt doch noch eine Art Schamgefühl auf, jedenfalls sieht man immer wieder junge Frauen, die versuchen, das Stückchen Stoff am Po dann doch noch ein wenig weiter runterzuziehen, was aber nicht wirklich gelingt.

Jaqueline, 23, aus Wiesbaden hat dieses Problem nicht mit ihren Hotpants. Sie kann sich also auf die Musik konzentrieren. Gerade hat sie sich die KMN Gang, eine angesagte Rap-Crew aus Dresden, angeschaut. „Ich fand aber den Sound da nicht so gut.“ Das ändert sich, als der britische Sänger Rag ’n’ Bone Man, der mit „Human“ einen internationalen Hit landete, auf die Bühne tritt. „Jetzt ist der Sound viel besser als vorhin, als die jungen Deutsch-Rap-Crews dran waren“, sagt Alex, 22, aus Köln. Der kräftige Sänger Rag ’n’ Bone Man sieht mit seinen Tattoos und roten Haaren nach Rockstar aus, aber tatsächlich beeindruckt er mit seiner grandiosen Soulstimme.

Aus der gesamten Republik sind die Musikfans angereist: Berenixe (15) ist mit ihrer Schwester Mareike (21) aus Stuttgart da. „Das Ticket für beide Festivaltage zusammen hat 171 Euro gekostet. Das ist für die großartigen Künstler, die hier sind, völlig im Rahmen“, findet Mareike. „Schade ist nur, dass noch so wenig los ist.“ Zwar wird es von Stunde zu Stunde voller im Innenraum, aber viele Sitzplätze in den oberen Ränge bleiben frei.

Die erste richtige Festivalstimmung schafft die Hip-Hop-Crew Freundeskreis, die nach zehn Jahren in diesem Sommer wieder zusammen auf der Bühne steht, wie Frontmann Max Herre erzählt. „Viele von euch sind so jung. Ich weiß gar nicht, ob ihr unsere alten Sachen noch kennt“, sagt der 44-Jährige zum Publikum, von dem die meisten vom Alter her seine Kinder sein könnten. Sie kennen sie aber. Auch das legendäre Lied „A-N-N-A“ beherrschen sie mit den Zeilen „Immer wenn es regnet, muss ich an dich denken“. Das Lied machte die Hip-Hopper vor 20 Jahren bekannt. Auch Herres Frau, die Sängerin Joy Denalane, ist nach Frankfurt gereist und singt mit ihm die Zeilen „Schön, dass du wieder da bist“ aus ihrem Lied „1ste Liebe“.

Und dann kommt Marteria, der deutsche Rapper mit den schönen blauen Augen, und lässt die Menge ganz viel springen. Auch im Papierschnipselregen. Wie er in Interviews vorab erzählte, wäre er fast an seinem übermäßigen Alkoholkonsum gestorben. Jetzt ist der 34-Jährige aber clean und superfit zurück. Der Sound seines neuen Albums „Roswell“ klingt härter als seine alten Hits. In einem abgedrehten Beat gemischt mit Bollywoodelementen verpackt er seine Gesellschaftskritik. Mit Militärjacke und goldenen Epauletten springt er über die Bühne bei seinem ironischen „Revolutions“-Song „El Presidente“. Aber auch seine poppigeren Vorgängerhits wie „Lila Wolken“ oder „Kids - (2 Finger an den Kopf)“ rappt er. Da kann auch eine mitgebrachte Mutter um die 50 nicht anders, als ihre gelbe, aufgeblasene Gummihand im Takt zu den Zeilen „Peng, Peng, Peng“ zu bewegen. Ein Anfang-20-Jähriger nimmt dafür seine Brezel.

Es ist 22 Uhr am Samstag, als The Weeknd, der kanadische R&B-Superstar, der eigentlich Abel Makkonen Tesfaye heißt und äthiopischer Abstammung ist, auf die Bühne kommt. Er trägt eine Jeansweste mit einem großen Kreuz am Rücken. „Starboy“ steht darüber. So heißt auch sein Album und einer seiner zahlreichen Hits. Ganz viele junge Frauen haben sich ein abwaschbares „Starboy“-Tattoo auf den Arm oder an den Nacken gemalt. Und sie schreien begeistert, als sie ihn live sehen.

Zwei britische Frauen streiten sich lautstark, wer nun näher an der Bühne stehen dürfe. Manche der Hippie-Mädchen haben zu viel getrunken, andere haben nicht genug Wasser getrunken und müssen raus: frische Luft schnappen. Dabei verpassen sie die nur knapp eine Stunde andauernde, aber dank superschöner Stimme großartige Performance des 27-Jährigen. Das romantisch klingende „Can’t Feel my Face“ erzählt aber nicht vom Verknalltsein, sondern vom Taubheitsgefühl bei seiner früheren Kokainsucht. Er hat schon viel durch: harte Drogen, viel Sex. Immer wieder wird The Weeknd als der neue Michael Jackson gefeiert. Eine Geste hat er sich definitiv beim King of Pop abgeschaut. Immer wieder greift er sich in den Schritt, so als ob er checken wolle, dass auch alles wirklich noch da ist.

Nach dem Auftritt schaut der Sänger noch im angesagten kleinen Bahnhofsviertel-Club „Oye“ in der Taunusstraße vorbei. „Digster Pop“, der Youtube-Kanal seiner Plattenfirma Universal, hat eine Party anlässlich seines Platinalbums hier gegeben. Clubbesitzer Mengi Zeleke sagt: „The Weeknd war sehr herzlich und bodenständig.“

Den Auftritt seines kanadischen Landsmanns Justin Bieber, der allein knapp 90 Millionen Fans auf der sozialen Plattform Instagram hat, sieht er am nächsten Abend nicht mehr. Vielleicht auch besser so. The Weeknds aktuelle Freundin ist die Schauspielerin und Sängerin Selena Gomez. Die Ex-Freundin von Justin Bieber. Der 23-Jährige sei gerade Single, sagte er noch vor wenigen Tagen. Seine Fans, die sich selbst „Beliebers“ nennen, freut das sehr. Als er am späten Sonntagabend endlich da ist, schreien sie ihre Liebe raus – und nicht nur die Mädels.

In grauem Sweatshirt zu schwarzen Shorts und mit weißen Tennissocken tanzt er über die Bühne, durchchoreografiert mit zwölf Tänzern. Sein erstes Lied: „Mark my words“. Später folgen Titel wie „As long as you love me“. Auch seinen allerersten Erfolgs-Song „Baby” singt der 23-Jährige, der immer wieder seine Hände beim Singen in den Shorts hat – das wirkt wie eine Mischung aus Routine und Ausgebrannt-Sein. Immerhin arbeitet er seit Kindertagen. Eine normale Jugend kennt er nicht. Seit er 16 ist, schreien Mädchen los, wenn sie ihn sehen. Und dann wirft er am Ende des Abends seine weißen Sneakers in die Menge. Keine Sorge: Es gab keine Verletzten.

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