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Hier spielten einst Jimi Hendrix und Janis Joplin - und im Moment niemand mehr: die 1963 eröffnete Jahrhunderthalle.

Jahrhunderthalle

„Wir haben alle zu kämpfen“

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Keine Shows bis Ende des Jahres: Geschäftsführer Moritz Jaeschke spricht über die Not von Hessens größter privater Kulturinstitution und der Veranstaltungsbranche allgemein.

Herr Jaeschke, wie geht es Ihnen als Geschäftsführer der Jahrhunderthalle in Frankfurt? Raubt Ihnen das Coronavirus nicht manchmal den Schlaf?

Zum Glück kann ich noch gut schlafen, aber natürlich beschäftigt mich die Situation quasi Tag und Nacht. Die Jahrhunderthalle ist ein komplett privates Haus und die größte private Veranstaltungsinstitution in Hessen. Das unterscheidet uns von den öffentlichen Kultureinrichtungen. Wir haben nicht die öffentliche Hand im Hintergrund, die uns unterstützt und absichert.

Haben Sie jetzt in der Krise keine Unterstützung vom Land oder vom Bund erhalten?

Vom Land gibt es verschiedene Töpfe für die Kulturförderung, wir haben aus einem dieser Programme die maximale Summe von 18 000 Euro erhalten. Doch wir haben von März bis Juli allein etwa 3,7 Millionen Euro Umsatz eingebüßt, da ist das nicht mehr als der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Der Bund hat für das Programm „Neustart Kultur“ eine Milliarde Euro bereitgestellt, da sind wir aber meistens nicht anspruchsberechtigt. Kultur, insbesondere wenn es um Live-Musik geht, scheint bei 1000 Quadratmetern Publikumsfläche aufzuhören.

Wie meinen Sie das?

Überspitzt formuliert heißt das: Kultur ist das, was nur wenige Menschen interessiert. Nun im Ernst: In Bezug auf Live-Musik richten sich die Förderungen an die kleineren Clubs und Spielstätten, da gehört die Jahrhunderthalle in ihrer Größenordnung nicht dazu. Auch Veranstalter werden gefördert, aber wenn sie als Veranstalter eine eigene Spielstätte haben, haben sie darauf wiederum keinen Anspruch. Die Jahrhunderthalle fällt somit aus allen Fördertöpfen raus. Mehr als 90 Prozent der Kultur in Deutschland findet in kleineren Häusern statt oder ist ohnehin in öffentlicher Hand. Es gibt bundesweit nur zehn, vielleicht 15 private Spielstätten in der Größe der Jahrhunderthalle oder größer.

Warum trifft die Krise private Veranstalter und Kunstschaffende so hart?

Die meisten Konzertveranstalter sind wie wir private Veranstalter. Die staatlichen, subventionierten Kulturstätten wie zum Beispiel die Städtischen Bühnen oder die Alte Oper finanzieren sich dagegen nicht ausschließlich aus den Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Die Jahrhunderthalle, deren größter zu zahlender Posten die Pacht für das Gebäude ist, finanziert sich allerdings zu hundert Prozent aus den Eintrittspreisen. Es gilt die einfache Regel: Ohne Eintritt kein Umsatz.

Moritz Jaeschke ist seit Januar 2008 Geschäftsführer der Jahrhunderthalle an der Pfaffenwiese in Frankfurt. Obwohl derzeit keine Veranstaltungen in dem ikonischen Kuppelbau stattfinden, hat der 47-Jährige genug zu tun mit Konzertverschiebungen und Neuplanungen.

Was letztlich auch die Künstlerinnen und Künstler trifft.

Aber weniger die großen Stars, die bei uns auftreten, die haben ihre Schäfchen meist im Trockenen. Aber jeder große Star hat eine Crew, die auch von etwas leben möchte, die große Menge der Solo-Selbstständigen in unserem Business. Und dann gibt es ja noch die vielen Künstlerinnen und Künstler, die weniger berühmt sind, Musical-Darsteller zum Beispiel oder Orchester- und Ensemble-Mitglieder. Bei vielen geht es im Moment um die Existenz.

Wie viele Menschen sind in der Jahrhunderthalle beschäftigt?

Die Jahrhunderthalle hat zwanzig feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Seit April sind alle in Kurzarbeit und damit finanziell wenigstens einigermaßen abgesichert. Aber da hängt ja noch viel mehr dran. Es gibt die freien Mitarbeiter, die Gastronomie, den Ordnungsdienst, das Reinigungspersonal, die Technik und und und. Im Schnitt waren an einem normalen Veranstaltungstag in der Jahrhunderthalle etwa 100 Leute im Einsatz.

Dann kam der Lockdown. Wie haben Sie reagiert?

Nach dem ersten Schock haben wir mit Reparatur- und Wartungsarbeiten begonnen, die eigentlich für den Sommer geplant waren. Die haben wir vorgezogen und ganz viel schon im Frühjahr erledigt. Ende Mai haben wir dann die Stage-Drive-Kulturbühne auf dem Parkplatz an der Jahrhunderthalle eingerichtet, um Künstlern eine Perspektive zu geben und die Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten. Das Publikum seinerseits konnte aus dem Auto heraus Live-Shows erleben.

Und heute?

Seit August gibt es wieder Flohmärkte auf dem Außengelände und erste kleine Veranstaltungen in den Nebenräumen.

Aber sämtliche Konzerte und Großveranstaltungen sind bis Jahresende abgesagt oder verschoben worden.

Wir sind immer an die offiziellen Verordnungen gebunden. Denen zufolge sind Spezialmessen und Fachmärkte unter Einhaltung der Hygiene-Richtlinien in Hessen wieder erlaubt, Konzerte und Veranstaltungen mit mehr als 250 Gästen hingegen nicht. Und ein Event mit nur 250 Menschen im Kuppelsaal, in den mit Stehplätzen normalerweise bis zu 5000 Menschen passen, macht wirtschaftlich keinen Sinn. Unter bestimmten Auflagen könnten wir mehr Zuschauer einlassen, da arbeiten wir gerade an einem Bestuhlungsplan. 900 Leute wären mit entsprechendem Abstands- und Hygiene-Konzept kein Problem. Die Wirtschaftlichkeit solcher Veranstaltungen ist allerdings ein anderes Thema. Wir haben eher noch mit anderen Problemen zu tun.

Nämlich?

Die internationalen Künstler kommen einfach nicht. Die Regeln und Maßnahmen verändern sich ständig, sowohl hierzulande als auch im Ausland. Außerdem sind die Auftritte ja meist in große Tourneen eingebunden, und wenn die Tour abgesagt wird, fallen eben überall die Konzerte aus.

Und das Publikum?

Ein ganz großes Thema ist das Vertrauen. Speziell der Lockdown und der Umgang damit hat zu sehr viel Vorsicht und Angst geführt. Die Leute sind noch sehr zurückhaltend, wieder Konzerte oder Theater zu besuchen oder ins Kino zu gehen, vielleicht auch deswegen, weil sie das Gefühl haben, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Während des Lockdowns gab es viel Solidarität und Verständnis allüberall. Das hat sich ja mittlerweile etwas gewandelt. Ist der Ton in der Kulturbranche auch rauer geworden?

Nein, das kann ich nicht feststellen. Dadurch, dass wir alle noch voll drinhängen in der Krise, dominiert eher das Gefühl, dass wir alle in einem Boot sitzen. Die Situation ist aber auch die: Alle kämpfen, und niemand hat etwas zu verschenken.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

In Bezug auf das Veranstaltungspublikum wünsche ich mir, dass die Menschen ihre Scheu vor Indoor-Veranstaltungen ablegen und sehen, dass ein Konzertbesuch in einem professionell geführten Haus tausendmal sicherer ist, als viele andere Situationen in ihrem täglichen Leben. Und ich wünsche mir, dass die Politik bei der Planung ihrer Maßnahmen und Programme die private Kultur angemessener berücksichtigt.

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