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Jahresvorschau 2023: Guck mal, wer da klebt

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Von: Stefan Behr

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Ein passendes Ambiente für die Personen, die vorgestellt werden.
Ein passendes Ambiente für die Personen, die vorgestellt werden. © Schoening

Auf dem Römerbalkon könnte es bald ziemlich eng werden. Wir verraten Ihnen, wie das Jahr 2023 wirklich wird.

Januar

Er ist wieder da! Verkleidet als Pizzabote und mit der Falschbehauptung, er bringe eine Familienpizza mit Sardellen für Heinrich XIII., erschleicht sich Ex-Oberbürgermeister Peter Feldmann Zugang zum Kaisersaal des Römers. Als der im Nachhinein doch misstrauisch gewordene Pförtner ergoogelt, dass Heinrich XIII. nie Kaiser war und auch keine Sardellen mag, ist es zu spät: Feldmann hat seine Hände mit Superkleber an die Balustrade des Römerbalkons geklebt. Sämtliche Lösungsversuche schlagen fehl. In einer Endloselegie beklagt Feldmann vom Balkon aus lautstark seine angeblich widerrechtliche Entmachtung durch Putschisten, ohne Beweise dafür zu präsentieren. Das Dauerlamento lockt zwar ein paar chinesische Touristen auf den Römerberg und trendet kurzzeitig auf Tiktok, aber die meisten Frankfurter sind eher genervt und die Anwohner fühlen sich um ihre Nachtruhe betrogen.

Februar

Der Magistrat unternimmt einen gewagten Versuch der Feldmannvergrämung und lässt den eigentlich auf den Abenteuerspielplatz Riederwald verbannten Michael Paris wieder in die Innenstadt. Genauer auf den Römerbalkon, in der Hoffnung, die Anwesenheit seiner alten kommunalpolitischen Nemesis könne den Verklebten dazu bewegen, sich loszureißen. Pustekuchen: Paris nutzt die Gunst der Stunde, um sich an Feldmann festzukleben und lautstark mitzulamentieren, dass er 2016 mit seiner Gruppierung „Politik ohne Partei“ nur wegen massiven Wahlbetrugs den Einzug in den Römer nicht geschafft habe. Beweise bleibt er schuldig. Jetzt zetern schon zwei Politiker vom Römerbalkon. Die Immobilienpreise rund um den Römerberg implodieren, die neue Altstadt verödet zusehends.

März

Relativ überraschend erringt der parteilose Kandidat Peter Wirth bei der Oberbürgermeisterwahl die absolute Mehrheit. Der bärenstarke „Bahnbabo“ hatte im Wahlkampf verkündet, er habe für jedes Problem eine Lösung, auch für schwer lösbare. Doch offenbar nicht für alle. Zwar stellt der Babo bei seiner ersten Amtskontrolle fest, dass weder Feldmann noch Paris im Besitz einer gültigen Balkonkarte sind. Aber beim Versuch, die beiden zu entfernen, bleibt er an Paris kleben. Immerhin löst er eine für drei Personen gültige Balkongruppenkarte und beauftragt Uwe Becker mit der Ausübung der nichtrepräsentativen Amtsgeschäfte.

April

Für viele überraschend klebt am 1. April der Rapper Haftbefehl am Babo. Und zwar freiwillig. „Hafti“ erklärt, er wolle damit als Betroffener ein Zeichen gegen die anhaltende Marginalisierung von Offenbachern in der Frankfurter Stadtgesellschaft setzen. Außerdem sei er eh gerade auf Entzug, und weil er wisse, wer der Babo sei, sei er der festen Überzeugung, dass der ihm mit starker Hand dabei helfen könne.

Mai

Der Römerbalkon sei „ein zu bedeutender Ort, um ihn ausschließlich alten und mehr oder weniger weißen Männern zu überlassen“, sagt Jutta Ditfurth in ihrem ersten Exklusivinterview mit dem Missy Magazine, nachdem sie sich an Haftbefehl angeklebt hat. Sowohl Ditfurth- als auch Hafti-Fans halten das anfangs für eine Problemnachbarschaft, aber die beiden verstehen sich wider Erwarten blendend. Das zeigt sich spätestens, als sie zusammen den alten Paula-Abdul-Hit „Opposites Attract“ interpretieren, den der Babo mit dem Handy aufnimmt und der es bis in die Top Ten auf Spotify schafft.

Juni

Das hat Ditfurth nicht gewollt! In ihrem zweiten Exklusivinterview mit dem Missy Magazine hatte sie kritisiert, dass noch immer keine Trans-Person auf dem Römerbalkon klebe. Und ist unangenehm überrascht, als eines Morgens plötzlich der Fernsehkoch Mirko Reeh an ihr klebt. Reeh bezeichnet sich selbst als „transfinanziell“, er sei eigentlich ein reicher Koch, gefangen im Körper eines armen. Ditfurth hält das für Unsinn, gibt aber zu, dass es noch schlimmer hätte kommen können – immerhin klebe sie nicht an Bäppi La Belle.

Juli

Langsam wird es voll auf dem Balkon. Die Klebstoffmarke Uhu übernimmt daher ein „humanitäres Sponsoring“, bringt eine schattenspendende Markise am Rathaus an und übernimmt – sehr zum Unmut von Reeh – das Catering. Natürlich nicht ohne Gegenleistung: Neben Reeh klebt das Unternehmen sein Maskottchen und startet die „Masked-Influencer-Challenge“: Wer errät, wer sich unter dem riesigen Plüsch-Uhu verbirgt, dem verspricht die Firma eine Familienpackung ihres neuen Superklebers „Akivisti“ als Belohnung.

August

Jetzt auch noch die Jacob Sisters! Die verbliebenen drei Sangesschwestern sind die Überraschungskleberinnen des Spätsommers. Ihre Sprecherin Eva erklärt, sie wollten vor allem „zeigen, dass wir auch noch da sind“, und zudem ein Zeichen gegen Altersdiskriminierung und Schlager-Shaming setzen. Dass die drei ihre Pudel an der Balustrade festkleben, wird von der Tierrechtsorganisation Peta scharf kritisiert, die nicht ganz zu Unrecht anmerkt, dass die drei Hunde offensichtlich panische Angst vor dem Riesen-Uhu haben. Die Sisters weisen die Kritik zurück: Die Pudel seien „Kummer gewöhnt“, und der Uhu ernähre sich nach einer ausgiebigen Diskussion mit Reeh eh nur noch vegan.

September

Es ist ein tragischer Unfall: Bei den Aufnahmen für die HR-Talkshow „Live vom Balkon“ streicht Rosi Jacob aus Neugier („Ist das echt?“) über das Haar von Moderator Michel Friedman – und bleibt kleben. Friedman verweigert aus Eitelkeit und in der Hoffnung, „das wächst sich aus“, eine Kahlrasur und verbleibt auf dem Balkon. Intellektuell ist das zweifellos eine Bereicherung. Vor allem Friedmans kontroverse Diskussionen mit dem Plüsch-Uhu, der sich als querdenkender Wutvogel positioniert, gelten als Glanzleistung der neuen Debattenkultur und werden unter dem Titel „Ich und mein Vogel“ als Friedman-Podcast extrem populär.

Oktober

Überhaupt machen die Frankfurter so langsam ihren Frieden mit dem besetzten Balkon. Durch die vielen Neuzugänge ist die Balkonshow unterhaltsamer, diskursiver und musikalischer geworden. Und die Stadt profitiert: Die mit einem Millionenbudget von Netflix produzierte Rosa-von-Praunheim-Doku „Frankfurt – kleben und kleben lassen“ landet in 27 Ländern auf Platz eins und verdrängt „Harry & Meghan Unchained“ von der Spitze. Selfies vom Römerbalkon werden der heiße Scheiß auf Instagram, Celebrities aus aller Welt erklären die Mainmetropole zum Hotspot, darunter die Kardashians, Lady Gaga, Billie Eilish und Keanu Reeves. Die Tourismus + Congress GmbH nutzt die Gunst der Stunde und verkauft Balkonslots für teuer Geld, der Römer wird zum Luxushotel umgebaut, Stadtverordnetenversammlung und Magistrat ziehen behelfsweise in das leer stehende ehemalige „Institut für vergleichende Irrelevanz“. Die Immobilienpreise steigen rasant, die neue Altstadt verdrängt Edinburgh, Valencia und Doha als Top-Locations der In-Crowd.

November

In einem Nacht-und-Nebel-Geschäft kauft der beliebte US-Unternehmer Elon Musk für 17 Milliarden Dollar den kompletten Römer. Er entlässt sämtliche Hotelangestellten und ersetzt sie durch Elektro-Cyborgs. Musk verspricht, den Römerbalkon noch attraktiver zu machen und zugleich das kulturelle Erbe der städtischen Streitkultur ehrend zu bewahren. Der alte Balkon wird samt Angeklebten abmontiert und in das Museum für Kommunikation gebracht. Auf dem neuen, etwas protzigen Hightech-Balkon diskutieren, singen und streiten ab sofort Elon Musk, eine sehr gut gemachte Donald-Trump-KI, der Musiker Kanye West, eine holographische Simulation von Dschingis Khan und die Schauspielerin Amber Heard. Das will aber niemand so recht sehen oder hören. Nach zwei Wochen gibt Musk auf und verkauft den Römer für 20 Milliarden Dollar an den beliebten Investor Lars Windhorst. Der hat auch schon Pläne, verrät sie aber nicht.

Dezember

Wie es mit dem Römer und Windhorst weitergeht, ist unklar. Aber die Balkonkleber haben genug vom Dasein als Museumsinventar. In einer konzertierten Aktion des Gebäudereinigers Wisag und der Goethe-Uni unter der Leitung von Entsorgungsfachmann Peter Postleb gelingt es, die Verklebten endlich zu erlösen. Für die endet das Jahr 2023 ausnahmslos versöhnlich. Feldmann und Paris haben sich zusammengerauft und eröffnen eine Herrenboutique in Wuppertal, die auch ganz gut läuft. Ditfurth und der erfolgreich entgiftete Haftbefehl gründen ein Label für woken akustischen Hip-Hop, das nicht so gut läuft, aber im Feuilleton lobend erwähnt wird. Mirko Reeh bekommt eine Kochshow auf Rhein-Main-TV zur besten Sendezeit. Michel Friedman schließt einen lukrativen Vertrag als Markenbotschafter für Drei-Wetter-Taft ab. Die Jacob-Sisters feiern ein umjubeltes Comeback als Vorgruppe der Abba-Avatar-Show in London. Peter Wirth nutzt die Einnahmen aus dem Römerverkauf, um den ÖPNV nicht nur kostenlos zu machen, sondern Passagiere fürs Mitfahren zu bezahlen - und wird so der beliebteste Oberbürgermeister seit Walter Kolb. Die Uhu-GmbH verzeichnet einen Rekordgewinn und lüftet das Geheimnis des Plüsch-Uhus: Unter dem Gefieder steckte Bäppi La Belle. Aber das hatten die meisten bereits geahnt. (Stefan Behr)

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