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"Ist das Angie?"

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Tausende Menschen drängen sich am Tag der Deutschen Einheit in Frankfurt am Flussufer auf der Ländermeile.
Tausende Menschen drängen sich am Tag der Deutschen Einheit in Frankfurt am Flussufer auf der Ländermeile. © dpa

Zur Einheitsfeier kommen hunderttausende Menschen in die Frankfurter Innenstadt. Die einen feiern nachdenklich, die anderen stimmungsvoll.

Von Timur Tinç

Über die Freßgass ziehen Gerüche von Wurst, Lachs und gebrannten Mandeln. Kinderwagen mit lila Luftballons, die ein schwarzer Adler mit der Unterzeile Bundesrat schmückt, schieben sich durch das Gedränge. Hunderttausende sind am 3. Oktober zum großen Einheitsfest in die Frankfurter Innenstadt gekommen, um den 25. Jahrestag der Wiedervereinigung zu feiern. „Ich finde es super“, sagt Karin K., die extra aus Heidelberg gekommen ist. Sie steht im großen Pavillon der Bundesregierung am Roßmarkt, in dem sich die einzelnen Ministerien vorstellen. Karin K. muss einem Polizisten ausweichen, der Bilder von einer violetten Flüssigkeit (Kunstblut, das Demonstranten ausgekippt haben) auf dem Teppichboden macht. „Mir ist erst im Nachhinein bewusst geworden, welche Bedeutung der Mauerfall hatte“, erklärt die 56-Jährige, ohne sich um den Polizisten groß zu scheren. Das Fest gefällt ihr ausgezeichnet. „Das muss man feiern“, findet sie und berichtet von einer tollen Lesung im Metzler-Park.

Jazz an der Hauptwache

Neben den vielen Flyern, Informationsbroschüren und Gesprächen im Pavillon sind besonders die kostenlosen Utensilien begehrt. Weiße und hellblaue Stofftaschen des Bundesinnenministeriums gehen weg wie warme Semmeln. „Ich frag’ jetzt, ob sie Schulsachen haben“, sagt eine Jugendliche zu ihrer Mutter vor dem Ministerium für Bildung und Forschung. Hatten sie aber nicht, musste sie enttäuscht feststellen. Ernüchtert ist auch eine junge Frau nach einem Blick in eines der Dixi-Klos vor einem großen Büchergeschäft auf dem Rathenauplatz. „Wir gehen woanders hin“, sagt sie zu ihrer kleinen Tochter und zieht von dannen.

Die nächste größere Menschentraube hat sich an der Hauptwache gebildet. Auf der Bühne von Batschkapp und Tigerpalast spielt gerade das Landes-Jugend-Jazz-Orchester Hessen. Während der Sound über die riesigen Boxen dröhnt, ist die Stimmung auf dem Liebfrauenberg, dem „Platz der Geschichte“, etwas gedrückter, nachdenklicher. Hierher kommen nur Interessierte, die etwas über die Wiedervereinigung erfahren wollen. Michael Heiser hat sich in einen ehemaligen Gefangenentransporter mit vier winzigen Zellen gezwängt. „Wenn man das so sieht, wird einem das Ganze wieder sehr gegenwärtig“, sagt der Mittfünfziger, nachdem er wieder rausgeklettert ist. Er hätte 1989 nie erwartet, dass die Mauer fällt. „Ich hätte gedacht, dass die DDR zu Mitteln wie in China greift.“ Bei der Niederschlagung des Volksaufstandes in Peking wurden 2600 Menschen auf dem Platz am Tor des Himmlischen Friedens umgebracht.

Spongebob oder Goethe?

„Für mich hat der Tag der deutschen Einheit eine enorme Bedeutung“, sagt Roland Jahn, der 1983 gewaltsam aus der DDR ausgebürgert wurde. Heutet leitet der einstige SED-Gegner und Bürgerrechtler die Stasiunterlagen-Behörde. „Es kann nur gefeiert werden, wenn man weiß, was einmal war“, findet Jahn. Zeitzeugengespräche mit ehemaligen Gefangenen sowie Blicke in die Archive tragen ihren Teil auf dem „Platz der Geschichte“ dazu bei, die DDR „als Unrechtsstaat zu begreifen und den Rechtsstaat zu schätzen“, so Jahn. Von der Freiheit des Rechtsstaates profitieren auch die Kleinsten, die sich auf dem Sportfest an der Konstablerwache tummeln und noch nicht verstehen, was da gerade gefeiert wird. Im Spielpark einer Drogeriemarktkette lässt sich eine Mama mit ihren zwei Kindern vor dem berühmten Porträt Goethes mit den zwei linken Füßen fotografieren. Fotograf, zum Aufmuntern: „Kennt ihr Spongebob?“ Mama: „Nee.“ Fotograf: „Aber Goethe vielleicht?“ Gut, wenn man im Leben immer noch eine B-Lösung parat hat. Nebenan setzt eine andere Mama mit ihrem Nachwuchs durch pure Reibung eine Klangschale derart in Schwingung, dass diese zu tönen anfängt und das Wasser darin lustig sprudelt. Ein Wunder. Wenn die DDR das damals schon gekonnt hätte, wäre sie vielleicht noch am Leben.

Es gibt auf dem Einheitsfest am Mainufer ungefähr 16-mal so viele verschiedene Biersorten wie 2006 bei der Fußball-WM und 250-mal so viele Weine. Und es ist zum Teil Zaubertrank: Der Stoff aus Meck-Pomm bringt einen in handgestoppten 17 Sekunden zurück nach Hessen. Und Landesvater Volker Bouffier ist mittendrin. Auf der Berliner Straße erscheint der Ministerpräsident, begleitet von einem halben Dutzend Leibwächter. „Ist das die Angie?“, fragt eine Frau und zückt schon ihr Smartphone. Nein, es war nur Bouffiers Gattin Ursula. Das Handy verschwindet wieder in der Tasche. (mit ill)

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