Theologe Khaled El Sayed ist der Vereinsvorsitzende, seine Tochter Aische, angehende Theologin, die Sprecherin.

Islamforum Frankfurt

Wer nicht fragt, bleibt dumm

  • schließen

Im Frankfurter Islamforum engagieren sich junge Muslime für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Sie beobachten mehr Anfeindungen, aber auch mehr Solidarität.

Die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört, stellt sich Aische El Sayed nicht. Die 24-Jährige ist Deutsche. In Frankfurt geboren und aufgewachsen. Sie studiert dort. Und sie ist Muslima. Das Kopftuch ist kaum zu übersehen. Beweisführung abgeschlossen. Indes: Junge Muslime wundern sich immer wieder, dass sie als fremd wahrgenommen werden. „Es hat zugenommen“, sagt El Sayed. Die bohrenden Blicke, die abfälligen Bemerkungen. „Aber es sind auch mehr geworden, die dagegen aufstehen.“

Mit zunehmender Sorge beobachten Muslime, dass das Klima ihnen gegenüber rauer wird. El Sayed und ein paar Freunde und Bekannte haben darum im Februar 2018 etwas sehr Deutsches getan: einen Verein gegründet. 32 Mitglieder hat der inzwischen. Sie wollen dazu beitragen, die Debatte zu versachlichen.

„Wir Muslime wollen über uns informieren“, sagt sie und lächelt. Wobei die Information sich durchaus auch an die Muslime selbst richtet.

„Es gibt nicht den einen Islam“, sagt die Studentin. Muslime müssten sich vor Ort orientieren, mit der Gesellschaft harmonisieren, in der sie leben. „Wir sind einer von vielen Vereinen, die sich gegründet haben, die Vielseitigkeit der Religion wieder zu stärken“, sagt sie.

„Religion wird oft als Regelwerk verstanden, das darfst du, das nicht“, sagt Khaled El Sayed. So rigoros geht es aber nicht. „Man muss erklären“, sagt der 55-Jährige. Khaled El Sayed ist in Kairo geboren und aufgewachsen. Er hat dort studiert, Germanistik. Und islamische Theologie im Nebenfach. Deutschland hat ihn schon immer fasziniert, sagt er. „Die Disziplin. Wie die Menschen nach dem Krieg alles wieder aufgebaut haben.“ 1989 ist er nach Frankfurt gezogen.

„Deutschland ist meine Wahlheimat“, sagt er. Nun ist er Vorsitzender eines Vereins, außerdem der Vater von Aische El Sayed. „Deutschland ist nicht meine Wahlheimat“, sagt die und lächelt etwas gequält. Es ist ihre Geburtsheimat. Und es kränkt sie, wenn jemand sie lobt: „Sie sprechen aber gut Deutsch.“

Islamforum Frankfurt: Wie sollen Muslime in der säkularen Stadtgesellschaft leben?

Islamforum


Der Verein hat sich gegründet, um Respekt, Toleranz und Verständnis innerhalb der Stadtgesellschaft zu fördern. Mitglieder sind vornehmlich junge Muslime, jünger als 30 Jahre.

Bildung, Dialog und Brücken sind die Vereinsthemen. Die Mitglieder wollen informieren über den Islam – Muslime und Nicht-Muslime. Dazu gibt es den regelmäßigen Montag-Workshop, 18 bis 20 Uhr, und die Einzelberatung, Dienstag und Donnerstag 17 bis 19.30 Uhr. Die Vereinsmitglieder bringen sich auch in der Zivilgesellschaft ehrenamtlich ein, helfen im Seniorenheim oder bei Sauberkeitskampagnen.

Das Forum ist unabhängig und frei von Gruppierungen, Ländern und politischen Richtungen. Entsprechend möchte es zu Vorträgen Experten einladen, die ihre theologische Ausbildung in Deutschland und nicht im Ausland absolviert haben. Die Mitglieder lehnen jegliche Art von Extremismus, Radikalismus und Diskriminierung ab.

Kontakt: Islamforum, Burggraben 6, in Höchst. Mail: bildung@fif.email, Telefon 79 18 86 73, 0174 / 174 66 33. www.islamforum-frankfurt.de (sky)

Allerdings hat sie sich auch eine gewisse Gelassenheit angeeignet. „Manche Leute meinen es gar nicht böse.“ Es komme darauf an, wie sie sich nähern. Manche Avancen ignoriert sie, manchmal fragt sie frech nach, ob alles in Ordnung sei. „Freundliche Unwissenheit kann aber auch ein Türöffner sein, miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Im Gespräch mit der Presse hält sich der Vater eher im Hintergrund. „Aische ist die Sprecherin des Vereins“, sagt er. Wohlwollend blickt er auf seine Tochter. Lauscht ihren Ausführungen, nickt zustimmend. Manchmal ergänzt er etwas: „Meine Tochter ist hier zur Schule gegangen.“ Sie habe Kant und Hegel gelesen. Und als Kind die Sesamstraße geschaut, wo es doch heißt: Wer nicht fragt, bleibt dumm. Also soll sie fragen, also können alle Muslime Fragen stellen.

Zum Beispiel montags, beim Islamforum im Burggraben in Höchst. Khaled El Sayed hält dort den Kurs „Basiswissen Islam“. In einem der schönsten Fachwerkhäuser Frankfurts. Pittoresk fügt es sich in die Höchster Altstadt ein, Kübelpflanzen stehen vor der Tür, von einem Bänkchen aus fällt der Blick aufs Schloss. Tiefentheologisch gehe es nicht zu, sagt der Theologe. Alltägliche Themen stünden im Vordergrund. Fragen der Teilnehmer. „Wie kann man als Muslim in der säkularen Stadtgesellschaft leben?“

Wie die fünf vorgeschriebenen Gebete mit dem Berufsleben vereinbaren? „Die Arbeit ist wichtig“, sagt der Theologe dazu bedächtig. Die vorgeschrieben Zeiten für das Mittags- oder Nachmittagsgebet ließen sich als Zeitspannen interpretieren. Wer es um Punkt zwölf nicht schafft, kann auch später nachbeten, Wenn es gar nicht anders geht, dann abends.

Islamforum Frankfurt: Diskussionen über Koran und Umweltschutz

Thema ist auch, wie der Koran, die heilige Schrift des Islams, zu verstehen ist. „Jeder meint, er könne sich einzelne Passagen herauspicken und sagen, danach muss ich handeln“, wundert sich Khaled El Sayed. Ohne den Kontext zu beachten. Ohne Quellenanalyse zu betreiben. Er schüttelt milde den Kopf. In Höchst erhalten Forumsbesucher das Rüstzeug, religiös unabhängig zu werden. „Sie lernen, wie sie an Wissen kommen.“ Werden weniger anfällig für Manipulation.

Genug mit der Religion, befinden Vater und Tochter dann aber. In ihrem Verein soll es ja um die Verständigung innerhalb der Gesellschaft gehen. „Kein Mensch definiert sich alleine über die Religion“, sagt Aische El Sayed. Es gebe viele Facetten und viele Identitäten.

Alle zwei Monate bietet das Forum Diskussionsrunden an. Die erste, zum Thema Diversität, haben 18 Gäste besucht. Mitglieder helfen im Seniorenheim, etwa bei Adventsfeiern. Religion sei da kein Thema, eher Kaffee und Kuchen. El Sayed lebt ohnehin mit Christen und Muslimen in der Familie. Sie hat kein Problem mit ihren Großeltern das Weihnachtsfest zu begehen, „ihre Traditionen zu respektieren. Im Verein hat sich auch eine Kindergruppe gegründet, die „Einhornhelden“. Neun Jungen und Mädchen engagieren sich dort für die Natur, für die Umwelt.

Nun will sich der Verein weiter im Stadtteil umhören, nach Kooperationen suchen. Bei der evangelischen Kirche hat er angeklopft. Auch eine Ausstellung soll es einmal geben. „Im Islam geht auch um Schönheit und Kunst. Es ist eine ästhetische Religion“, sagt Khaled El Sayed. Dann blickt er auf die recht kahlen Wände des Vereinsheims. Er lacht. „Wir machen das ja auch ehrenamtlich.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion