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Der Rohbau ist fertig. Aber sonst noch fast nichts.

Islam in Frankfurt

Eine Moschee, die nicht fertig wird

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Vor zehn Jahren wurde heftig über den Bau der Hazrat Fatima-Moschee in Frankfurt gestritten. Der Streit ist Geschichte. Doch die Moschee ist auch nach zehn Jahren noch nicht bezugsfertig.

Das Grün hat sich einen Großteil des Baustellengeländes zurückerobert. Durch die Baugitter am Fischstein-Kreisel strecken sich mannshohe Farne in Richtung Bürgersteig, als wollten sie aus einem Käfig ausbrechen. Zwischen dem Gestrüpp liegen Bretter, Bauschutt, Kabel. Und aus der Mitte der ungezügelten Vegetation erhebt sich der graue, unverputzte Betontorso eines Gotteshauses, das immer noch seiner Fertigstellung harrt.

„Hier, schauen sie! Das wird eines der Minarette“, sagt Ünal Kaymakçi, während er sich an einem Gerüst vorbei in den Innenraum der Hazrat-Fatima-Moschee drückt. Der Beobachter sieht nur eine etwa zwei Meter breite, vertikale Aussparung in der Außenwand, durch die der Wind in ein unfertiges Treppenhaus pfeift. Blickt man von innen nach draußen, erblickt man auf der gegenüberliegenden Straßenseite das goldene Zwiebeldach der orthodoxen Sankt-Nikolaus-Gemeinde. „Die Minarette werden nicht höher als der Kirchturm“, betont Kaymakçi, „wir wollen hier keinen Wettbewerb der Religionen.“

Nicht mehr als ein Rohbau

Zehn Jahre, nachdem erbittert über ihren Bau gestritten wurde, ist die Hazrat-Fatima-Moschee immer noch nicht mehr als ein Rohbau, ein Betonkörper ohne Glieder (Minarette) oder Herz (Inneneinrichtung). Wo irgendwann eine Glaskuppel den zweistöckigen Gebetsraum überspannen soll, wehrt sich eine blaue Plastikplane vergeblich gegen eindringendes Regenwasser. Provisorische Metallsäulen versperren die Terrasse im Erdgeschoss, auf der irgendwann Restaurantgäste sitzen könnten.

„Wenn sie mir damals gesagt hätten, dass das hier zehn Jahre dauert, hätte ich gesagt: Ich bin weg“, sagt Shamshad Hussain Malik, der zusammen mit Kaymakçi im Vorstand der Gemeinde sitzt. „Aber wir sind nicht müde geworden.“ Dabei wäre schon der Auftakt zum Moscheeprojekt geeignet gewesen, den Bauherren alle Motivation zu nehmen.

Kurz nach Bekanntwerden der Pläne bildete sich eine Bürgerinitiative, deren Initiatoren in dem muslimischen Sakralbau nicht weniger als ein Monument islamischer Landnahme erkennen wollten. „Hausen darf nicht muslimisch unterwandert werden“, hatte der Sprecher der Bürgerinitiative Horst Weißbarth seinerzeit vor rund 150 Zuhörern in einer Hausener Wirtschaft erklärt. Eine Lokalpolitikerin der rechtsextremen „Republikaner“ prognostizierte: „Die deutsche Kultur kann an einer weiteren Moschee in Hausen zerbrechen.“

Schrille Töne, die jedoch nur den Auftakt zu einer noch schrilleren Debatte bilden sollten, die am Ende die Gegner des Moscheebauprojekts verbittert und die übrige Frankfurter Öffentlichkeit erschrocken zurückließ. Anfeindungen durch islamophobe Internetportale, aus dem Ruder laufende Diskussionsveranstaltungen und Morddrohungen gegen Lokalpolitiker. Schlimme Begleiterscheinungen, die 2017 zu jeder Debatte um das Thema „Islam“ gehören. 2007 war das noch neu.

„Wir waren auf Widerstand vorbereitet“, erinnert sich Malik. Kurz zuvor war es bereits in Köln zu erbitterten Debatten über den Bau der Großmoschee des Dachverbands Ditib gekommen. In Frankfurt verstiegen sich einige Moscheebaugegner zu der Forderung, dass man doch einfach in der Innenstadt eine zentrale Moschee für alle Muslime bauen solle. Dass der Islam ebenso wie das Christentum unterschiedliche Konfessionen kennt – nicht weiter von Belang. Zwei Moscheen im Stadtteil sollten reichen, hieß es. Dass die beiden Gotteshäuser von sunnitischen Gemeinden genutzt wurden, während die Hazrat-Fatima-Gemeinde aus Schiiten besteht: noch so ein Detail, das nicht weiter beachtet wurde.

Kaymakçi macht ausholende Bewegungen, während er sich durch das dunkle Erdgeschoss bewegt. Links neben dem Eingang sollen kleine Läden entstehen. Ein Bäcker, eine Schneiderei, vielleicht ein Schmuckladen. Direkt gegenüber: ein Restaurant. „Das wäre auch gut für die Studenten“, sagt Kaymakçi. Von der unfertigen halbrunden Terrasse blickt man auf das Studentenwohnheim am Industriehof. Kaymakçi spricht im Konjunktiv. Zu lange dauert schon alles, zu oft kam doch noch etwas dazwischen.

Fünf Millionen Euro hat die Gemeinde inzwischen verbaut. Vor zehn Jahren hatte man noch mit drei Millionen kalkuliert. Ein Zehntel davon hatten die Gemeindemitglieder selbst aufgebracht. Der Rest wurde über Kredite finanziert. Als Sicherheit dient das Nebengebäude mit Kita und 14 Mietwohnungen. Fertiggestellt wurde es 2013. Es ist der Garant dafür, dass es weitergeht auf der Baustelle, auch wenn es gerade nicht so aussieht. Das Geld ist mehrfach ausgegangen und dann doch wieder geflossen.

Doch es waren nicht nur finanzielle Probleme, die dafür sorgten, dass die Hazrat-Fatima-Gemeinde nicht aus den Schlagzeilen kam. 2010 musste der damalige Imam, Sabahattin Türkyilmaz, zurücktreten, nachdem seine Teilnahme an einer israelfeindlichen Demonstration und eine Predigt, in der er für die Befreiung Palästinas von Zionisten gebetet hatte, öffentlich wurden. Für die Kritiker eine Bestätigung, dass auch in der Hazrat-Fatima-Gemeinde keine Trennung von Politik und Religion stattfinde. „Der Islam“ eben nicht eine Religion sei, wie das Christen- oder Judentum, sondern in erster Linie eine politische Ideologie mit totalitärem Herrschaftsanspruch.

„Die Kritiker damals waren ja nicht viele. Sie waren nur sehr, sehr laut“, sagt Kaymakçi heute, „der Zuspruch, den wir erfahren haben, war wesentlich größer.“ Misstrauen müsse man mit Offenheit und Transparenz begegnen. Er geht die Treppe zum Keller hinunter, kehrt jedoch nach wenigen Stufen wieder um. Der Unterbau steht unter Wasser. Irgendwann soll hier ein Mehrzweckraum entstehen, der auch von Vereinen und Institutionen aus dem Viertel genutzt werden könnte. Auf dem Vorplatz plant die Gemeinde die Errichtung eines Springbrunnens. Wann es so weit ist? „Wir hoffen nächstes Jahr“, sagt Kaymakçi. Versprechen kann er es nicht.

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