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Iris Bergmiller-Fellmeth vor dem Bunker Friedberger Anlage.

Portrait der Woche

Frankfurt: Vorsitzende der Initiative 9. November im Interview

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Iris Bergmiller-Fellmeth, Vorsitzende der Initiative 9. November, kämpft in Frankfurt mit Aufklärung und Bildung gegen rechts.

Die vier Scheiben aus schwarzem Granit lenken den Blick des Besuchers auf den gewaltigen Hochbunker im Hintergrund. Von Zwangsarbeitern wurde er 1943 errichtet, wo fünf Jahre zuvor die Synagoge dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer gefallen war. Seit 31 Jahren gibt es die Gedenkstätte an der Friedberger Anlage in Frankfurt. Am 9. November am späten Nachmittag werden hier ringsum Kerzen entzündet, um 18 Uhr wird der Frankfurter Architekt D. W. Dreysse zur Bedeutung dieses Ortes sprechen, alle Ausstellungen im Inneren des massiven Bauwerkes sind geöffnet, etwa zum Ostend als jüdischem Viertel.

So begeht die Initiative 9. November seit 1988 das Gedenken an die Pogrome von 1938, als überall in Deutschland die jüdischen Gotteshäuser brannten. Und doch ist in diesem Jahr alles anders. Der Terroranschlag von Halle am 9. Oktober, als ein bewaffneter Rechtsradikaler die dortige Synagoge angriff und zwei Menschen tötete, wirkt noch immer nach. „Dass es heute wieder möglich ist, dass jüdische Frauen und Männer um ihr Leben fürchten müssen, ist unfassbar“, sagt Iris Bergmiller-Fellmeth.

Frankfurt: „Die Juden haben immer alles gekriegt!“

Die Soziologin und Vorsitzende der Initiative tritt handfest und selbstsicher auf. Und doch kann auch sie den Schrecken nicht abschütteln. Wir stehen vor den Granitblöcken der Gedenkstätte, Fotografin Monika Müller bereitet gerade ihre Aufnahmen vor, als ein Mann in schäbiger Lederjacke und Jeans, mit einer Plastiktüte in der Hand, an uns vorüberläuft. „Die Juden haben immer alles gekriegt!“, ruft er laut, geht weiter, und dann noch mal: „Die Juden …“

Die 69-jährige Bergmiller-Fellmeth atmet tief durch. „Diesen Mann kenne ich schon“, sagt sie dann nur. Es ist nicht sein erster Auftritt dieser Art vor der Gedenkstätte. „Dieser Hass erschreckt mich“, sagt sie dann. Und fügt hinzu: „Wie unsicher muss jemand sein, dass er so von Angst geprägt wird.“

Am 9. November werden die Mitglieder der Initiative nachmittags vor der Gedenkstätte und dem alten Hochbunker an der Friedberger Anlage 5–6 in Frankfurt Kerzen aufstellen.

Ab 18 Uhr wird der Frankfurter Architekt D. W. Dreysse vor der Gedenkstätte zur Bedeutung des Tages und des Ortes sprechen.

Alle drei Ausstellungen im Bunker sind geöffnet. Zu sehen sind „Jüdisches Leben in Deutschland heute“ des Fotografen Rafael Herlich, „Ostend – Blick in ein jüdisches Viertel“ und „Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße“. jg

Wir gehen ins Innere des Bunkers, ins Erdgeschoss, wo die Initiative ihr kleines Büro hat. An den Wänden schwarz-weiße Erinnerungsfotos an drei Jahrzehnte Aufklärungsarbeit. Auf einem der Fotos ist die jugendlich erscheinende frühere Frankfurter Kulturdezernentin Linda Reisch (SPD) bei der Eröffnung der Gedenkstätte zu sehen.

Frankfurt: Kampf gegen Neue Rechte 

„Bei vielen Menschen sorgen die massiven Veränderungen ihres Lebens durch die Globalisierung für eine große Verunsicherung“, sagt die Kuratorin. Sie mahnt dazu, beim Kampf gegen die Neue Rechte und den Antisemitismus „immer auch die soziale Frage zu bedenken“.

Bergmiller-Fellmeth ist, wie sie selbst lächelnd sagt, durch die Revolte des Jahres 1968, durch den Aufbruch dieser Zeit geprägt. Die Schwäbin ließ sich damals zur Erzieherin ausbilden, kämpfte dafür, die repressive Praxis in den Kindergärten zu verändern, studierte dann Soziologie. Sie kam ins Rhein-Main-Gebiet, nach Rüsselsheim, baute dort den Bereich Frauenbildung an der Volkshochschule auf. Später übernahm sie für lange Zeit die Leitung des Kulturbetriebes der Stadt Rüsselsheim, zu dem neben der Volkshochschule auch die Musikschule und andere Einrichtungen zählen.

Frankfurt: Skinheads  gab es „selbst in der DDR“

Erst spät, als sie ihre eigene Familiengeschichte erforschte, fand sie heraus, dass ihre Urgroßmutter Jüdin gewesen war, entdeckte die alte Geburtsurkunde. Mitglied der Initiative 9. November in Frankfurt ist sie schon seit vielen Jahren, doch erst seit ihrer Pensionierung 2010 fand sie die Zeit, sich intensiv dort zu engagieren.

Der alltägliche Antisemitismus, wie wir ihn gerade erlebt haben, aber auch die Wahlerfolge der Rechtsextremen in den östlichen Bundesländern erschrecken sie. Sie erinnert sich an die rechtsradikalen Skinheads in den 80er Jahren, „selbst in der DDR gab es sie“. Sie versucht, ihren Optimismus nicht zu verlieren. „Wenn ich nicht die Hoffnung hätte, durch Bildung etwas zu bewirken, könnte ich meine Arbeit nicht machen.“ Das klingt wie ein Motto.

Bildung und Aufklärung: Das war schon ihr Bestreben, als sie noch den Kulturbetrieb der Stadt Rüsselsheim leitete. Gerade hat sie die Ausstellung „Vom DP-Lager Föhrenwald nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße“ kuratiert, die im Inneren des Bunkers zu sehen ist. Sie erinnert an die Geschichte jüdischer Überlebender des Holocaust in der unmittelbaren Nachkriegszeit in Frankfurt, Ein weithin unbeleuchtetes Kapitel. Viele Waisenkinder kamen damals in der Stadt an, verstört und gezeichnet, ihre Angehörigen waren in den Todeslagern umgebracht worden.

9. November: Erinnern reicht nicht. Dem ausgrenzenden „Wir“ muss man ein inkludierendes Gesellschaftsbild entgegensetzen. Gerade am 9. November.

Bergmiller-Fellmeth setzt große Hoffnung auf die Pläne, den alten Hochbunker mit Unterstützung der Stadt zu einem regelrechten Museum auszubauen. Es ist geplant, dass das städtische Amt für Immobilien (ABI) dazu eine Machbarkeitsstudie erstellt. „Das Geld für die Studie ist da, doch vom Amt haben wir längere Zeit nichts mehr gehört.“

Frankfurt: Kampf um Aufklärung und Bildung ist mühsam

Die Vorsitzende der Initiative will sich jetzt an Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) wenden, ein Gesprächstermin ist vereinbart. Ermutigt wird Bergmiller-Fellmeth auch vom Direktor des Archäologischen Museums in Frankfurt, Wolfgang David. Der Wissenschaftler, der schon im ehemaligen Konzentrationslager Dachau Ausgrabungen organisiert hatte, will die Fundamente der alten Synagoge unter dem Bunker freilegen und zeigen. Auch für dieses Projekt bräuchte es allerdings die Unterstützung der Stadt Frankfurt.

Der Kampf um Aufklärung und Bildung ist mühsam, die Soziologin weiß es. Aber sie will gerade jetzt, in einer Zeit, in der Rechtsextreme Erfolge feiern, nicht aufhören. „Wir sind gefordert, wir alle müssen Farbe bekennen“, sagt sie schlicht. Tatsächlich wachse die Initiative 9. November immer weiter, sei längst nicht mehr nur eine Sache der Alten. „Auch junge Leute treten bei.“ 1400 Menschen haben die Ausstellungen im Bunker in diesem Jahr bislang besucht.

Bergmiller-Fellmeth und ihre Mitstreiter, von denen sie vor allem den Fotografen Rafael Herlich hervorhebt, organisieren unermüdlich Führungen für Schulklassen und Studierende, aber auch wissenschaftliche Symposien.

Wird sie nicht müde, woher nimmt sie die Kraft für ihren Kampf? Die frühere Erzieherin antwortet mit einem Bild, das in ihrer Erinnerung immer fortbesteht. Als die Gedenkstätte 1988 eröffnet wurde, begann man die Namen aller Menschen zu verlesen, die von Frankfurt aus in die nationalsozialistischen Todeslager deportiert worden waren. „Am zweiten Tag waren wir erst beim Buchstaben B angekommen“, sagt sie. Acht Monate lang lasen die Mitglieder der Initiative jeden Samstag, bis das Ende der Liste erreicht war.

„Ich bekomme die Kraft weiterzumachen aus der Gruppe“, sagt sie. „Ohne die Gruppe besäße ich diese Kraft nicht.“

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