RÖMERBRIEFE

Intime Momente im Römer

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    Georg Leppert
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Wir standen neben Markus Frank, als Frankfurt die IAA verlor. Solche Erlebnisse wecken Begehrlichkeiten. Die FR-Glosse aus dem Frankfurter Rathaus.

Göpfert: Und du warst wirklich live dabei, als er es erfahren hat?

Leppert: Ja, ich stand keine fünf Meter neben ihm.

Göpfert: Und standen auf dem Tisch tatsächlich Chips?

Leppert: Ja. Aber davon zu essen, wäre pietätlos gewesen.

Es gibt Momente im Leben eines Römer-Reporters, die vergisst man nicht. Der erfahrenere Reporter von uns beiden wird zum Beispiel immer davon erzählen können, wie es damals war, als Lutz Sikorski Verkehrsdezernent werden wollte, und dann kamen die „vier Schweine“ in der rot-grünen Koalition und wählten ihn nicht.

Der etwas weniger erfahrene Reporter von uns hat jetzt auch so einen Moment. Vielleicht nicht ganz so krass… obwohl, es war schon sehr emotional. Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) hatte am Mittwoch voriger Woche die Journalisten in sein Büro eingeladen. Sie durften zuhören, wie er mit den Herren vom Verband der Automobilindustrie telefonierte. Nun hatte Frank natürlich gedacht, dass die ihm sagen: Glückwunsch, Herr Frank, Frankfurt hat bei der Wahl zum Standort der IAA die zweite Runde erreicht (und unter uns und nur in Klammern: Wir werden schon bei Ihnen bleiben, wir wollten nur den unverschämten Sozi erschrecken wegen seiner Rede, die dann auch fast wörtlich in dieser Zeitung namens FR stand, ach so, ein Reporter von denen hört zu, dann schönen Tag noch).

Es kam anders. Frank sprach leise, er sprach nicht sehr viel, einmal sagte er „traurig“, dann schüttelte seine echt toughe Büroleiterin den Kopf und wurde etwas bleich – und die gute Andrea Brandl war immerhin schon dabei, als Frankfurt nicht Austragungsort der Olympischen Spiele wurde. Dann legte Frank auf, ging zwei Schritte auf die Journalisten zu, wir gingen zwei Schritte auf ihn zu, und Frank sagte: „Ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen…“

Jetzt muss man mal sagen: Respekt vor Markus Frank. Klar hatte er mit diesem Ablauf nicht gerechnet. Aber die Möglichkeit, dass Frankfurt im Rennen um die IAA in der ersten Runde ausscheidet, bestand natürlich. Trotzdem lud er die Journalisten zur Live-Reportage ein. Chapeau.

Das erwarten wir natürlich jetzt auch von unseren anderen Politikerinnen und Politikern. Konkret möchten wir dabei sein…

– wenn Peter Feldmann (SPD) zum AWO-Bundesvorstand fährt und dort das überhöhte Gehalt seiner Frau zurückzahlt. In bar;

– wenn Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) erfährt, dass Sodexo acht von zehn Ausschreibungen fürs Schulessen gewonnen hat – trotz der von Weber entwickelten Richtlinien, durch die kleinere und regionale Anbietern bessere Chancen haben sollen;

– wenn Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) den Mainkai wieder für den Verkehr freigibt und als erstes Fahrzeug ein fetter SUV mit den Wutbürgern Herbert Schmoll („Sachsenhausen wehrt sich“) und Jochem Heumann („Die CDU auch, obwohl sie die Sperrung im Stadtparlament beschlossen hat“) über die Straße brettert;

– wenn Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne) den Nilgans-Zaun im Ostpark um zwei Meter erhöht, aber sofort eine Gans drüberfliegt.

Und alle Politiker, die sagen, diese Momente seien ihnen zu intim, sollen sich ein Beispiel an Markus Frank nehmen.

Claus-Jürgen Göpfert und Georg Leppertberichten für die Frankfurter Rundschau aus dem Römer.

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