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Susanne Pfeffer, ist seit 2018 Direktorin des Museum für Moderne Kunst in Frankfurt.

Porträt

„Das Internet hat nichts mit der realen Erfahrung von Kunst zu tun“

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Ein Besuch bei der Direktorin des Museums für Moderne Kunst (MMK), Susanne Pfeffer, vor der Wiedereröffnung des Hauses am 16. Mai.

Allenthalben Handwerker, die im leuchtend weißen Foyer ein neues Entree schaffen. Abstand ist das Gebot der Stunde auch im Museum für Moderne Kunst (MMK). Das Haus im Frankfurter Stadtzentrum rüstet sich für die Wiedereröffnung im Zeichen der Corona-Pandemie am 16. Mai. Die Kasse, die Garderobe durch transparente Scheiben geschützt. Durch ein Labyrinth von schmalen Gängen geht es bis ins Büro der Direktorin, dessen Wände wie stets ein Puzzle von Kunst. Susanne Pfeffer empfängt den Gast mit Mund-Nasen-Schutz und legt ihn während der gesamten Besuchszeit nicht ab. So wie der Besucher auch nicht.

Es entsteht also ein Dialog, ohne dass wir uns wirklich sehen können. Ohne dass wir die Mimik des anderen lesen können. Eine entfremdete Situation, wie sie typisch ist für Corona-Zeiten. Nur dadurch, dass wir uns schon länger kennen, ist das Zwiegespräch überhaupt zustande gekommen. Pfeffer hat in den zweieinhalb Jahren an der Spitze des MMK energisch Zeichen gesetzt, künstlerisch wie kunstpolitisch. Die 47-jährige ist entschlossen, der Pandemie zu trotzen. Aber natürlich gab es Rückschläge, ist auch Angst mit im Spiel.

Situation  in den USA prekärer

Die geplante Ausstellung der jungen US-Lyrikerin und Künstlerin Precious Okoymon im Alten Hauptzollamt konnte nicht mehr eröffnet werden, die 27-Jährige, die in New York lebt, schaffte es gerade noch zurück, bevor die USA die Grenzen schlossen. „Es ist ihre erste große Einzelausstellung, wir hoffen, dass wir sie ab Ende Juni, Anfang Juli zeigen können“, sagt die Direktorin. Pfeffer ist, spätestens seit sie als Kuratorin des deutschen Pavillons bei der Biennale in Venedig 2017 den Goldenen Löwen gewann, ein Star des internationalen Kunstbetriebes, weltweit bestens vernetzt. Aus den USA erreichen sie alarmierende Nachrichten. „Meine Freunde dort schätzen, dass 30 Prozent der US-Museen als Folge von Corona weg sind.“ Das ist so ein knapper Satz, wie er typisch ist für die Kuratorin.

Blumige Wortgirlanden sind ihre Sache nicht. Die Situation der Kunst und der Künstler in den USA sei prekärer als hierzulande, weil sie mehr als in Deutschland auf die Unterstützung privater Mäzene angewiesen sind. Und die bricht jetzt weg. Beim Museum für Moderne Kunst dagegen stünden die Geldgeber zu ihrem Wort, Vorstandsvorsitzender der „Freunde des MMK“ ist der Milliardär Stefan Quandt. „Die privaten Unterstützer ziehen sich bei uns nicht zurück.“ Pfeffer weiß freilich nur zu gut, was die Pandemie in Deutschland in der freien Kunstszene angerichtet hat. „Die Situation für viele ist existenziell“, bilanziert sie. „Viele Ausstellungen fallen weg, viele Budgets werden gekürzt.“

MMk

Die „Retrospektive Frank Walter“ im Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt, Domstraße 10, wird am 16. Mai eröffnet. Sie ist bis Sonntag, 15. November 2020, zu sehen.

Öffnungszeiten und Eintrittspreise sind dann unter der E-Mail mmk@stadt-frankfurt.de oder unter der Telefonnummer 069 / 212 304 47 abrufbar. jg

Die Direktorin reagiert: Sie will in den nächsten Monaten verstärkt neue Kunstwerke für das Museum ankaufen, um so zumindest ein wenig Abhilfe zu schaffen.

Für Pfeffer geht es stets auch um die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Kunst entsteht, um die geschichtlichen Zwänge und Zusammenhänge. So ist es auch bei der großen Retrospektive der Arbeiten des Malers, Bildhauers und Dichters Frank Walter (1926-2009), die sie jetzt vom 16. Mai an zeigt. Eines Mannes, der auf der Karibik-Insel Antigua, einer der „Inseln über dem Winde“, geboren wurde, später in England und Deutschland lebte. In Gelsenkirchen gar in einer Kohlenzeche arbeitete. Natürlich spiegelt diese Werkschau, die Arbeit in Deutschland, auch Kolonialismus und „sehr schockierende Erfahrungen mit Rassismus“ (Pfeffer).

Es ist typisch für die Kunsthistorikerin, dass sie 2019 vor Ort recherchiert hat, auf der Antilleninsel, dass sie dort Nachfahren Walters getroffen hat und etwa 5000 Arbeiten in Augenschein nahm, von denen nun etwa 400 gezeigt werden. Pfeffer ist glücklich darüber, den Menschen jetzt wieder die unmittelbare Erfahrung von Kunst bieten zu können. Vom Internet als Ersatz für den Museumsbesuch hält sie nichts: „Das Internet hat nichts mit der realen Erfahrung von Kunst zu tun.“ Gerade in der Malerei gehe es um „Materialität, Oberfläche, Tiefe“. Für die Kuratorin steht fest: „Viele Dinge kann man nicht über das Internet verhandeln.“

Aber auch sie sah sich in ihrer persönlichen Kommunikation in den zurückliegenden Wochen auf Telefon- und Videokonferenzen reduziert. Gerade für Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeiten unmittelbar zeigen wollten, sei das nicht nur „anstrengend“, sondern auch „traurig“ gewesen.

Pfeffer macht sich keine Illusionen

Pfeffer macht sich keine Illusionen. Die Corona-Pandemie hat den gesellschaftlichen Stellenwert der Kunst unmissverständlich vor Augen geführt: „Die Baumärkte offen, die Museen zu: Ich finde es schon problematisch, wie wenig die Lage der Kunst thematisiert worden ist.“ Die Chancen, dass die Menschen etwas lernen aus der Erfahrung der Pandemie, dass sich in der Gesellschaft etwas ändert, beurteilt die MMK-Direktorin eher skeptisch. „Ich habe die Hoffnung, dass die Orientierung am Konsum etwas kritischer gesehen wird.“

Vom 16. Mai an versucht sich die Kuratorin nun an der Präsentation von Kunst unter den Bedingungen der Pandemie. Also Besuch mit Mund-Nasen-Bedeckung und Abstand untereinander. Es ist ein erster Schritt hin zur Normalität, mehr nicht. Normalerweise müsste Susanne Pfeffer jetzt reisen, um künftige Ausstellungen vorzubereiten, „ich müsste Künstlerinnen und Künstler real treffen“. All das ist gegenwärtig nicht möglich.

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