Yusuf Kilic, Leiter der Interkulturellen Bühne, im Foyer des Theaters mit einem Plakat in kyrillischer Schrift, das für „Drei Schwestern“ von Tschechow wirbt.
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Yusuf Kilic, Leiter der Interkulturellen Bühne, im Foyer des Theaters mit einem Plakat in kyrillischer Schrift, das für „Drei Schwestern“ von Tschechow wirbt.

Porträt

Interkulturelle Bühne Frankfurt: Vermittler zwischen den Kulturen

  • Anja Laud
    vonAnja Laud
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Als Leiter der Interkulturellen Bühne bringt Yusuf Kilic unterschiedliche Nationen zusammen. Die Corona-Krise stellt die Bühne und ihn vor neue Herausforderungen.  

Die Zeit der Pandemie lädt zur Selbstreflektion ein. „Ich bin immer für Weltoffenheit eingetreten, für die Begegnung von Mensch zu Mensch, über kulturelle Grenzen hinweg. Dieses Ziel habe ich erreicht, an dem werde ich immer festhalten“, antwortet Yusuf Kilic, Leiter der Interkulturellen Bühne in Frankfurt, auf die Frage, ob er alles noch einmal so machen würde, wenn er die Chance auf ein zweites, neues Leben hätte. Er hoffe dann allerdings auch auf neue Ideen, fügt er hinzu. „Die gleichen möchte ich nicht noch einmal realisieren müssen. Das wäre langweilig.“

Neue Ideen sind auch jetzt nötig, um die Interkulturelle Bühne durch die Corona-Krise zu führen. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr droht der Spielstätte in Alt-Bornheim das Geld auszugehen. Als Yusuf Kilic sie vor 25 Jahren gründete, wollte er einen Ort schaffen, an dem sich Menschen unterschiedlicher Nationen und Kulturen begegnen können. Im März, zu Beginn des Shutdown in Deutschland, als er die Bühne schließen musste, spendeten Zuschauerinnen und Zuschauer dem gemeinnützigen Trägerverein des Theaters Geld, und die Stadt Frankfurt, die es seit 2018 jährlich mit insgesamt 20 000 Euro unterstützt, überwies gleich mehrere Monatsraten auf einmal. Doch im September wird das Geld, das so zusammengekommen ist, aufgebraucht sein, wenn sich nicht weitere Spender finden, denn die Mietkosten für den Theatersaal im Hinterhof laufen weiter, auch wenn er verwaist ist.

Programm

Die Interkulturelle Bühne , Alt-Bornheim 32, in Frankfurt hat für den Herbst folgende Premieren geplant:

Samstag, 12. September, 20 Uhr: „Beziehungsweise: Hintergründige Komik mit Sketchen und Liedern von Kurt Tucholsky und Karl Valentin“

Freitag, 25. September, 20 Uhr: „Der Bär“ (Anton Tschechow)

Freitag, 9. Oktober, 20 Uhr: Drei Schwestern (Anton Tschechow), in russischer Sprache

Freitag, 6. November , 20 Uhr: „Geschwister“ (Klaus Mann).

Donnerstag, 26. November , 20 Uhr: Das 8te Kraut (Erich Niederdorfer), Gastspiel. November, 17 Uhr

Freitag, 11. Dezember, 20 Uhr: Die Möwe (Anton Tschechow) 

Gleichwohl haben Yusuf Kilic und seine Mitstreiter – der Trägerverein hat über 100 Mitglieder – für den Herbst ein Programm auf die Beine gestellt. „Es nützt nichts zu jammern. Man muss weitermachen und das Beste hoffen“, sagt der 62-Jährige, der vor über 40 Jahren die Türkei verließ, weil es ihm dort zu eng wurde. Der Schauspieler und Regisseur ging nach Deutschland, erst lebte er in Stuttgart, 1990 kam er wegen eines Engagements nach Frankfurt. „Und dann bin ich hier irgendwie hängen geblieben“, sagt er.

Yusuf Kilic spielte in TV-Serien wie der „Schattenmann“ mit, doch irgendwann hatte er es satt, wegen seines Migrationshintergrunds immer die gleichen klischeebeladenen Rollen angeboten zu bekommen. Er gab die Schauspielerei auf, arbeitete als Dolmetscher und für das Jugendamt, nebenher baute er das auf, was einmal die Interkulturelle Bühne werden sollte – erst als Theatergruppe, die Gemeindesäle bespielte, später dann mit fester Spielstätte in Alt-Bornheim.

Mit ähnlicher Konsequenz schlug Kilic auch 2016 den Bürgerpreis aus, den die Stadt und die Stiftung Frankfurter Sparkasse jedes Jahr vergeben, um ehrenamtlich Arbeitende zu würdigen. Er sollte in der Kategorie „Alltagshelden“ geehrt werden. Zuvor hatte er jahrelang vergeblich bei Stadt und Stiftung um Unterstützung für sein Theater geworben.

„Wie geht das zusammen, mich als Theaterleiter ehren zu wollen, aber das, was wir hier machen, nicht zu fördern“, sagt er. Die Stadt gab sich immerhin zwei Jahre später einen Ruck, die Stiftung hat bis heute keines der Projekte der Interkulturellen Bühne gefördert, die über all die Jahre zu einer festen Institution im Stadtteil geworden ist.

Yusuf Kilic lässt sich davon in dem, was er als seine Lebensaufgabe ansieht, nicht beirren: Menschen unterschiedlicher Herkunft an einem Ort zusammenzubringen, damit sie sich kennenlernen und sich austauschen können. Und, was in der derzeitigen Krise noch viel wichtiger ist: diesen Ort auch unbedingt zu erhalten.

Dabei geht es ihm mit der Interkulturellen Bühne nicht darum, Unterschiede zu glätten. Akteure, die dort auftreten, die meisten Laien, müssen nicht der deutschen Hochsprache mächtig sein. „Sie können auch gebrochenes Deutsch sprechen oder in ihrer Muttersprache. Sie sollen sich einbringen, so wie sie sind“, sagt Kilic und erzählt von einer Inszenierung des Shakespeare-Klassikers „Romeo und Julia“, bei der die Darsteller ihren Text in sieben verschiedenen Sprachen vortrugen und die Zuschauer trotzdem das, was auf der Bühne geschah, verstehen konnten.

Wenn im Herbst „Der Bär“, ein Einakter des russischen Schriftstellers Anton Tschechow, Premiere hat, kommen Darsteller zusammen, die je nach Ursprungsland Deutsch, Spanisch und Russisch sprechen werden. Und auch das Publikum, das sich an der Bar im Foyer trifft, wird bunt gemischt sein. Russische Besucherinnen und Besucher in feiner Kleidung, weil der Theaterbesuch für sie etwas Besonderes ist, und Besucher anderer Nationen, die vielleicht in Jeans erscheinen. „Und trotzdem kommen alle irgendwie ins Gespräch“, sagt Kilic.

Das Spendenkonto lautet: Interkulturelle Bühne e.V., Postbank Frankfurt am Main, IBAN: DE10500100600078469606, BIC (SWIFT): PBNKDEFF. Es werden auf Wunsch Spendenbescheinigungen ausgestellt. Weitere Infos unter interkulturelle-buehne-frankfurt.de.

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