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Intendant der Frankfurter „Komödie“: Der Psychiater des Volkes

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Immer Haltung bewahren: Claus Helmer auf der Bühne der „Komödie“.
Immer Haltung bewahren: Claus Helmer auf der Bühne der „Komödie“. © Renate Hoyer

Seit 50 Jahren führt Claus Helmer als Intendant die „Komödie“, seit mehr als 65 Jahren steht er als Schauspieler auf der Bühne.

Hinter seinem Schreibtisch aus dunklem Holz mit den elegant geschwungenen Füßen hängt eine Grafik, die entfernt an eine Bühne erinnert, bevölkert von allegorischen Figuren. Ein Werk des österreichischen Malers Ernst Fuchs, eines der Väter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Claus Helmer schätzt den Künstler sehr. Dass der Prinzipal der „Komödie“ in Frankfurt seinen Besucher überhaupt empfangen kann, dass er nun seit 50 Jahren als Intendant das Theater führt, hat der gebürtige Brünner seiner robusten Gesundheit zu verdanken. Im Alter von wenig mehr als einem Jahr wäre er fast an einer Lungenentzündung gestorben, 1945 als Baby beim sogenannten Todesmarsch von vertriebenen Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach Westen. „Die Leute haben sich zu Fuß dahingeschleppt, etliche wurden erschossen, es war lebensgefährlich.“

Der 78-Jährige erzählt das alles in sanfter österreichischer Sprachmelodie, die seinen Worten den Schrecken ein wenig nimmt. Es ist typisch für den Schauspieler, dass er diese dunklen Seiten seines Lebens nicht ausspart, bewusst anspricht. Helmer war immer mehr als der oberflächliche, lächelnde Hallodri, den Unwissende nun einmal mit dem Boulevard verbinden. Er nimmt sein Handwerk, seine Kunst sehr ernst und übt sie mit Leidenschaft aus.

In 120 Stücken hat er auf der Bühne gestanden, an 5320 Abenden. Manchmal hat er mit großen Schmerzen gespielt, mit einem eingeklemmten Ischiasnerv oder einem entzündeten Zahn. „Ich habe in der Garderobe in den Teppich gebissen“, sagt er beiläufig. Doch dann schleppte er sich wieder raus auf die Bretter, vor das Publikum.

Selbstverständlich für ihn, dass er Haltung wahrt, stets im Sakko mit Einstecktuch erscheint, darum kämpft, keine Vorstellung ausfallen zu lassen. Er habe, sagt er, „einen kulturpolitischen Auftrag“. Doch seit 2020 hat es Helmer mit einem Gegner zu tun, der selbst ihn in die Knie zwingt. Die Corona-Pandemie. Nur 60 bis 70 Plätze darf er im Zuschauersaal der „Komödie“ nutzen, das deckt die Kosten nicht. Zumal der Eigentümer des Gebäudes an der Neuen Mainzer Straße von ihm nach wie vor die volle Miete verlangt. Und auch die Stadt Frankfurt lässt von dem sechsstelligen Betrag nichts nach, den er für die Räume des Fritz-Rémond-Theaters am Zoo, seiner zweiten Bühne, entrichten muss.

Ohnmächtig registriert er die schwindende Bedeutung des Theaters in der Gesellschaft. „Wir sind nicht mehr so wichtig.“ Fußball besitze Bedeutung, dürfe die Arenen füllen, während das Theater „an letzter Stelle“ stehe. Aber Helmer wäre nicht Helmer, ließe er sich von dieser Situation unterkriegen. Hat nicht schon der legendäre Bertolt Brecht gesagt, dass Theater unterhaltend sein müsse? Von diesem Motto hat sich der Intendant sein Leben lang leiten lassen.

Er ist der Sohn des Schauspielers Ernst Georg Helmer. Sein Vater war in der Nazizeit sogar zum Direktor des renommierten Theaters am Schiffbauerdamm in Berlin aufgestiegen. Aber nur für kurze Zeit, da er sich mit den Machthabern anlegte. Der Vater wurde in eine Strafeinheit an die Ostfront gezwungen, geriet in russische Kriegsgefangenschaft und starb 1944 in einem Lager. Claus hat seinen Vater nie kennengelernt. Er wuchs umgeben von Frauen auf: Großmutter, Mutter, Tante und die neun Jahre ältere Schwester. „Ich musste die Familie ernähren, alle Männer waren gefallen.“

Zur Person

Claus Helmer wurde am 23. Februar 1944 in Brünn geboren. Schon mit zwölf Jahren debütierte er als Schauspieler, unter anderem beim Burgtheater in Wien.

Seine Schauspielausbildung absolvierte er von 1959 bis 1962 im Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Bis 1960 hatte er schon 40 Theaterrollen gespielt.

1967 trat er zum ersten Mal im Frankfurter Boulevard-Theater „Komödie“ auf. 1972 wurde er Direktor des Hauses.

Im März 1995 übernahm Helmer auch die Direktion des Fritz-Rémond-Theaters am Zoo und rettete das Haus vor der drohenden Schließung.

Der Neubau der „Komödie“ an der Neuen Mainzer Straße entstand 1999.

Bis heute steht Helmer auch als Schauspieler auf der Bühne. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehört der Stoltze-Preis. jg

Mit zwölf Jahren trat er zum ersten Mal vor Publikum auf, am 13. März 1956, im Kleinen Theater im Konzerthaus in Wien, im Drama „Süden“ des Schriftstellers Julien Green, das vor dem Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs spielt und neben dem Krieg auch den Rassismus spiegelt. Und schon wenige Wochen später, am 28. September 1956, gab der Heranwachsende sein Debüt am legendären Burgtheater, als Heinrich VI. in „Jeanne d’Arc“. Es war die Zeit, in der US-amerikanische und französische Autoren, die in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verboten waren, das deutschsprachige Theater prägten. Und der junge Helmer war Teil dieses Aufbruchs, spielte in Stücken von Sartre und Anouilh. Er bestand die Prüfung am berühmten Max-Reinhardt-Seminar und wurde zur Schauspielausbildung mit einer Sondererlaubnis aufgenommen, weil er erst 16 Jahre alt war.

Auch im jungen Fernsehen trat er damals auf, spielte an der Seite des großen Hans Moser. Mit 18 Jahren ging er nach Deutschland, um die Einberufung in die österreichische Armee zu vermeiden. Dort gab es dann eine Weichenstellung: Ein Engagement bei Regisseur Peter Zadek in Ulm wurde abgesagt, als der nach Bremen wechselte. So entschied Helmer sich für eine Bühne in Düsseldorf und schlug den Weg eher zur Komödie ein. 1965 gastierte er erstmals in Frankfurt am Main, 1972 bekam er das Angebot, dort verantwortlicher Geschäftsführer der „Komödie“ zu werden.

In den fünf Jahrzehnten seither hat Helmer das Boulevardtheater zur Blüte geführt. Wir stehen jetzt auf der Bühne und blicken in den Zuschauerraum. „Nichts gegen den Schwank“, sagt der Intendant mit Nachdruck. In den zwei Stunden der Vorstellung mache er den Menschen eine Freude. „Und es ist schön, den Leuten Freude zu bereiten.“ Helmer posiert für die Fotografin, sieht sich als „Psychiater des Volkes“. In den vergangenen 50 Jahren kamen viele namhafte Schauspielerinnen und Schauspieler nach Frankfurt, um bei und mit Helmer auf der Bühne zu stehen. Im Foyer eine Ahnengalerie schwarz-weißer Fotografien: Georg Thomalla, Gunther Philipp, Walter Giller, Paul Dahlke, Karin Dor, Eva Pflug. Zwei Männer hatten es ihm besonders angetan, wurden enge Freunde: Claus Biederstaedt und Paul Hubschmid. „Das waren noch Herren, intelligent und mit Niveau.“

Heute ragt Helmer wie ein Solitär aus der Vergangenheit in eine Theaterszene hinein, die vehement die Diskriminierung von Frauen und den Rassismus beklagt. Der Intendant bezieht klar Stellung. „Ich finde, der Respekt und die Würde eines Menschen sind unantastbar.“ Aber es habe sich etwas verändert. „Ich bin vorsichtig geworden“, sagt der Theaterdirektor auch. Seit drei Jahren ist immer eine dritte Person mit dabei, wenn er eine junge Schauspielerin zum Vorsprechen empfängt. Die Atmosphäre am Theater verkrampfe immer mehr. „Man traut sich nicht mehr, eine Schauspielerin zu umarmen.“ Und doch bleibe Theater auch Körperlichkeit: „Wir haben mit Berührungen zu tun, man küsst sich.“ Die Maßstäbe am Theater hätten sich erheblich verschoben. Ein in den 50er Jahren gefeierter Regisseur wie Fritz Kortner wäre heute untragbar: „Er hat bei den Proben Schauspieler niedergemacht.“ Dass dies heute nicht mehr geschehe, sei ein Fortschritt.

Helmer hat das Boulevardtheater weiterentwickelt. 60 bis 70 neue Stücke liest er im Jahr: „Von zehn sind nur zwei brauchbar.“ Er holt viele englische und französische Autorinnen und Autoren auf die Bühne; ein gefeierter Erfolg vor Corona war etwa „Monsieur Claude und seine Töchter“. Da war die Frau an seiner Seite, ohne die der Theatermensch nicht denkbar ist: seine Ehefrau, die Schauspielerin Christine Glasner. Seit 35 Jahren sind sie nicht nur verheiratet, sondern stehen gemeinsam auf der Bühne.

50 Jahre Intendant der „Komödie“: Das soll jetzt gefeiert werden, nachdem Helmers 65-jähriges Bühnenjubiläum als Schauspieler schon von der Pandemie durchkreuzt wurde. Und noch ein Jahrestag ging unter: Mehr als ein Vierteljahrhundert führt der Intendant auch bereits das Fritz-Rémond-Theater am Zoo. 1995 hatte Helmer auf den Malediven ein Alarmruf des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler (SPD) erreicht: Es gelte, das überschuldete Haus am Zoo zu retten. Helmer ließ sich auch von Außenständen in Höhe von 2,3 Millionen Mark nicht abschrecken. Er sah sich in der Verpflichtung dem Theatergründer Fritz Rémond gegenüber, bei dem er 1965 sein erstes Gastspiel in Frankfurt gegeben hatte.

Das Haus am Zoo ist für Helmer der Ort des bürgerlichen Stadttheaters, die Palette reicht von „Minna von Barnhelm“ über „Loriots dramatische Werke“ bis hin zum Demenz-Schauspiel „Vater“. Von einer Aufgabe dieses Theaterstandorts, wenn die Stadt im Zoo-Gesellschaftshaus einmal ein Kinder- und Jugendtheater eröffnet, will der Intendant nichts wissen: „Es steht nichts zur Debatte.“

Mit dem Schlüsselbund in der Hand, der alle Türen öffnet, durchstreift Helmer die „Komödie“. Zwölf Personen zählt das Team hier im Theater. Aber in Wahrheit, sagt der Prinzipal, „kümmere ich mich um alles“. Gerade plant er die Spielzeit 2022/2023. Er habe schon einmal kurz darüber nachgedacht, seine Nachfolge zu regeln, sagt der 78-Jährige. Es folgt ein wienerisches Lächeln. „Aber so ein künstlerischer Leiter ist ja schwer zu finden.“

65 Jahre steht Helmer auf der Bühne - hier ist er als als 12-Jähriger bei einer Aufführung zu sehen.
65 Jahre steht Helmer auf der Bühne - hier ist er als als 12-Jähriger bei einer Aufführung zu sehen. © Renate Hoyer

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