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Institut für Sozialforschung Frankfurt: 100 Jahre alt und noch immer relevant

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Von: George Grodensky

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Ministerin Angela Dorn überbringt Glückwünsche und gewissermaßen auch Arbeitsaufträge: die Gesellschaft kritisch zu begleiten etwa.
Ministerin Angela Dorn überbringt Glückwünsche und gewissermaßen auch Arbeitsaufträge: die Gesellschaft kritisch zu begleiten etwa. Walter Vorjohann (2) © Walter Vorjohann

Land, Stadt, Universität und das Kollegium feiern die Gründung des Instituts für Sozialforschung 1923. Auftakt ins Festjahr.

Da scheint etwas zusammen gewachsen zu sein. Seit 1. Juli 2021 leitet der Soziologe Stephan Lessenich das Frankfurter Institut für Sozialforschung (IfS). Zuvor ist er in München tätig gewesen. Sein Büro an der Senckenberganlage trägt die Zimmernummer 1a. Irgendwer hat einen gelben Zettel darüber gepappt mit dem Zusatz „Güteklasse“. Bürohumor, aber mit Zuneigung. Wo doch das Haus voller Gäste ist. Am Montag haben Institut, Stadt, Land und Universität 100 Jahre IfS gefeiert.

Die Reden und Grußworte im proppevollen Sitzungssaal sollen der Auftakt ins Festjahr sein. Etliche Veranstaltungen werden folgen. Es geht ja quasi um den Geburtstag der kritischen Theorie selbst, der Frankfurter Visitenkarte, wie Goethe-Uni-Präsident Enrico Schleiff sagt. Da ist man schnell versucht, das Wörtchen „legendär“ zu schreiben, man traut sich aber nicht. Lessenich ist nicht nur kritischer Denker, er kann zuweilen auch scharfzüngig spötteln. Etwa darüber, dass die Würdigung „legendär“ unpassend ist, ebenso wie der Verweis auf „heilige Hallen“, weil das Institut doch seit jeher sich um Entmystifizierung der Gesellschaft bemühe, also gerade nicht um Legendenbildung. Sondern darum, den Menschen einen Spiegel vorzuhalten, der nicht realisierte Potenziale zeige.

Entsprechend soll das neue Forschungsprogramm werden. Verwurzelt in der kritischen Theorie, ohne „ihrer Schwerkraft zu erliegen“. „Gesellschaftskritik auf Höhe der Zeit“, verspricht Lessenich und dass es um nichts weniger als das Ganze gehe, um die Zukunft der Menschheit. Das wolle man kollektiv, kooperativ und kollegial erarbeiten.

Die Frankfurter Schule beschränke ihren Blick nicht mehr nur auf Deutschland und Europa. Das Globale im Lokalen sei nicht mehr auszublenden. In Abwandelung des Bonmots von Georg Lukács, der sich und die kritischen Kollegen einst im Grand Hotel Abgrund wähnte, in kritischer Klage gegen die Welt aber gleichzeitig gemütlich darin eingerichtet, sieht Lessenich die Welt am spätkapitalistischen Abgrund angekommen.

Aber wie durch den Vormittag kommen, ohne die Mythen und Geschichten zu bemühen? Nun, das geht nicht, das sieht auch Lessenich ein. Das beginnt bei der Festmusik, die natürlich nicht einfach nur schön klingt, sondern „ganz im Sinne Adornos“ zeitgenössisch ist, wie die Cellistin und Professorin an der Hochschule für Musik Katharina Deserno zur Einführung sagt. Und sie ist Spiegel der Gesellschaft, der unauflösbaren Widersprüche. So geht es bei den „Sieben Rosen“ von Violeta Dinescu zwar um schöne Blumen, aber eben auch über dornenbewehrte Gewächse.

Jutta Ebeling, ehemals Frankfurter Bürgermeisterin und heute Vorsitzende des Stiftungsrates des Instituts, ist schlicht froh, dass Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nach der NS-Zeit, vor der sie Jahre zuvor flüchten mussten, ins Land der Täter zurückgekehrt sind. Ebeling bringt die Geschichte auf die Formel: „Aufbruch, Vertreibung, Mord, Rückkehr.“

Jubiläumsjahr

Adornos Kompositionen stehen am Samstag, 4. Februar, um 18 Uhr auf dem Programm eines konzertanten Abends am Flügel von Theodor W. Adorno im Institut für Sozialforschung, Senckenberganlage 26. Das IfS kooperiert hier mit dem Verein für Ästhetik und angewandte Kulturtheorie. Anmeldung: anmeldung@ifs.uni-frankfurt.de

Die Konferenz „Unhaltbare Zustände“ lässt die Marxistische Arbeitswoche von Pfingsten 1923 wieder auferstehen. Das Institut nennt sie darum launig die „Zweite Marxistische Arbeitswoche“. Alle 100 Jahre könne man mal eine Arbeitswoche einlegen, scherzt Institutsleiter Stephan Lessenich. Und das an Pfingsten 2023, vom 26. bis 29 Mai, Campus Bockenheim.

Die diesjährigen Adorno-Vorlesungen bestreitet Ilka Quindeau vom 5. bis 7. Juli. Die Professorin für Klinische Psychologie an der Frankfurt University of Applied Sciences spricht über „Spuren des Anderen - Antisemitismus aus psychoanalytischer Perspektive“. Campus Bockenheim.

Auf der Internationalen Wissenschaftlichen Tagung „Futuring Critical Theory“, vom 13. bis 15. September, stellt das Institut für Sozialforschung sein aktuelles, überarbeitetes Forschungsprogramm vor, unter anderem. Campus Westend.

Ein Sommer- und Straßenfest plant das IfS für den 22. Juni 2024 auf dem Campus Bockenheim. sky

Mehr Info im Netz unter:

www.ifs.uni-frankfurt.de

Eine Rückkehr, die von beiden Seiten aus gesehen bemerkenswert ist, findet die aktuelle Kulturdezernentin der Stadt, Ina Hartwig. Die Institutsmitglieder waren im eigentlich so weltoffenen und liberalen Frankfurt in der NS-Zeit gleich doppelt verfolgt, weil sie linksintellektuell waren und jüdisch. Es sei großes Glück, dass sie der Rückkehr zugestimmt haben. Frankfurt, der OB Walter Kolb, habe sich aber auch bemüht, sagt Hartwig. „Das war auch nicht selbstverständlich.“ Zuweilen gab es in der jungen Republik eine recht zögerliche Entnazifizierung.

Den Zivilisationsbruch hat die Frankfurter Schule zum Gegenstand ihrer Forschung gemacht, betont Angela Dorn, Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst. „Es ist die Aufgabe der freien Wissenschaft in einer Demokratie, gesellschaftliche Entwicklungen immer wieder kritisch zu reflektieren.“

Das IfS stehe seit Horkheimer, Benjamin und Adorno in einer philosophischen Tradition, die sich nicht damit begnüge, die Welt zu interpretieren, sondern sie auch verändern wolle, lobt Dorn. Adornos Studien dazu, warum Menschen anfällig für faschistische Ideologien werden, seien bis heute ein zentraler Beitrag zum Verständnis der Entwicklung zum Totalitarismus. „Wir müssen nicht nach Russland schauen, auch bei uns träumen Rechtsradikale, Reichsbürger und Querdenker von einem starken Führer“, sagt Dorn.

Umso mehr halte sie die Demokratie für die einzige wirksame Idee, um die aktuell nötige Transformation im Angesicht der Klimakatastrophe zu leisten. Auch wenn sich schon die Frage stelle, wie die repräsentative Demokratie schnell genug handeln könne, „um den radikalen Wandel herbeizuführen, der nötig ist“. Just im Wissen um den Wert von aktueller kritische Theorie, habe das Land 2021 das Budget des Instituts erhöht. Von rund 620 000 auf gut 870 600 Euro im Jahr.

Stephan Lessenich freut’s, er bedankt sich auch für die „ideelle Unterstützung“, die er vom Triumvirat, wie er es nennt, aus Stadt, Land und Universität erhalte. „Das Gefühl, gewollt zu sein“, helfe dem Institut sehr, sagt er. Und kündigt Gegenleistungen an. Das neue, unbequeme Forschungsprogramm etwa, auch wolle man die Rolle der Frauen am Institut rekonstruieren. Und ein großes, digitales Editionsprojekt zur Heimkehrerstudie beginnen. Die hatte in den 50ern Aufsehen erregt mit Untersuchungen zu antidemokratischen Einstellung von Wehrmachtsoldaten.

Und Horkheimers Satz über die kritische Theorie zitiert Lessenich dann auch: „Es muss nicht so sein, die Menschen können das Sein ändern, die Umstände dafür sind jetzt vorhanden.“

Adornos Sitzungszimmer ist gut besucht an diesem Montag.
Adornos Sitzungszimmer ist gut besucht an diesem Montag. © Walter Vorjohann

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