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Insider befragt

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Die Vorwürfe in der TV-Sendung „defacto“ stützen sich auf Aussagen von Ex-Mitarbeitern.

Anders als bei der Wallraff-Reportage über die Psychiatrie in Höchst stützt sich die „defacto“-Redaktion mit ihrer Kritik an der Akutpsychiatrie des Frankfurter Universitätsklinikums vor allem auf Insider-Informationen. Während sich die Wallraff-Journalistin als vermeintliche Praktikantin einschmuggelte und vor Ort selbst Aufnahmen machte, werden in dem „defacto“-Bericht vor allem Aussagen von vermutlich ehemaligen Mitarbeitern über die „schlimmen Zustände auf der Station“ zitiert.

Ein zentrales Thema ist die ständige Überbelegung der Akutpsychiatrie, die für die Patienten ebenso wie für das Personal eine zusätzliche Belastung in einer ohnehin schon aufgeladenen Atmosphäre darstellt. In der Akutpsychiatrie werden Patienten aufgenommen, denen ein Richter bescheinigt hat, für sich oder andere eine lebensbedrohliche Gefahr darzustellen. „Gewalt auf der Akutstation“ komme regelmäßig vor, heißt es in dem „defacto“-Bericht. „Immer wieder“ komme es vor, dass Mitarbeiter verletzt würden oder dass sie wegen der hohen Arbeitsverdichtung „unnötig aggressiv“ reagierten.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten mit sogenannten Überlastungsanzeigen reagiert. Diese „alarmierenden Schreiben“ seien von der Klinik „nicht bearbeitet, sondern lediglich abgeheftet“ worden. Die Schreiben würden „ad acta“ gelegt, „ohne, dass etwas passiert“. Außerdem hätten die Mitarbeiter einen Brief an den Personalrat verfasst, der dem HR vorliege.

Dem Brandbrief zufolge müssten Mitarbeiter „15 bis 30 Überstunden im Monat“ ableisten, die Dienstpläne seien „eine Katastrophe“. Man werde an freien Tagen und im Urlaub angerufen, um einzuspringen. Die Arbeitsbelastung sei so hoch, dass für die Anamnese (Krankheitsgeschichte, Anm.d.Red.) nur „zwei bis drei Minuten Zeit“ blieben.

Der ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Jürgen Graf, und der Leiter der Psychiatrie, Andreas Reif, haben die Vorwürfe bestritten. Sie räumten allerdings ein, dass es in den Monaten April und Mai eine Überbelegung gegeben habe, aber nicht in dem genannten Umfang.

Auch bei den aufgezählten Mängeln im Sanitärbereich, sei die Situation bei weitem nicht so entwürdigend wie behauptet: Es gebe keine getrennten Duschen für Männer und Frauen, „in einigen Räumen“ bilde sich Schimmel, und die Akutstation sei „oft unsauber“. Dies treffe so nicht zu, erklärten Graf und Reif in einem Hintergrundgespräch.

Allerdings sei die räumliche Situation in dem fast 100 Jahre alten Gebäudekomplex in der Niederräder Heinrich-Hoffmann-Straße äußerst unbefriedigend. Das von Martin Elsaesser errichtete Gebäude steht unter Denkmalschutz. Eine Sanierung dürfte mit hohen Auflagen verbunden sein. Im Gespräch ist nun ein Neubau, der mit der alten Psychiatrie verbunden werden könnte. Mit einem schnellen Baubeginn ist nicht zu rechnen.

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