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Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt in der Alten Oper.
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Bundespräsident Joachim Gauck beim Festakt in der Alten Oper.

25 Jahre Deutsche Einheit

„Innere Einheit neu erringen“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Den ganzen Tag begleitete FR-Reporter Claus-Jürgen Göpfert die Bundespolitiker bei ihren Auftritten in Frankfurt. Hier hält er besondere Augenblicke fest.

Bereits am Morgen hat der Bundespräsident das Protokoll wissen lassen, dass er etwas länger reden möchte. Dass er ein wenig ausbrechen will aus dem engen Korsett der Feier zur 25. Wiederkehr der Deutschen Einheit in Frankfurt.

Vor den Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur in der Alten Oper nimmt sich Joachim Gauck dann also Zeit. Der 75-Jährige spricht ruhig, eindringlich, ohne Unsicherheit, in dem Bewusstsein, dass er an diesem 3. Oktober die vielleicht wichtigste Rede seiner Amtszeit hält.

Und er macht den Menschen in Deutschland Mut: Das ist seine zentrale Botschaft. „Wir dürfen den Geist der Zuversicht niemals aufgeben – wir sind die, die sich etwas zutrauen!“ Hunderttausende von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, bedeuteten eine neue Herausforderung: „Die Aufgabe der inneren Einheit stellt sich neu, wir müssen sie neu erringen.“

Gauck blendet zurück auf den Sommer, als die Flüchtlinge auf deutschen Bahnhöfen mit Beifall begrüßt worden waren: „Das war ein starkes Signal gegen Hass und Gewalt, darauf darf man zu Recht stolz sein – Danke, Deutschland!“ Da brandet großer Applaus im Konzerthaus auf.

Der Politiker spricht aber auch von „Sorge“, die sich einschleiche, ja „Angst vor der Größe der Aufgabe“. Und in Abwandlung eines Satzes von Willy Brandt aus dem Jahre 1989 sagt er: „Es soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammengehörte.“ Das brauche Zeit. Gauck äußert die „dringende Bitte“, jetzt keine inneren „Feindschaften“ entstehen zu lassen. Der Bundespräsident fordert „eine europäische Lösung der Flüchtlingsfrage“. Wieder Beifall. Er macht deutlich: „Unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Deutschland werde die Ausgaben erhöhen müssen, um die Ursachen der Flucht in den Heimatländern zu bekämpfen. Und Gauck verlangt auch „eine bessere Sicherung der europäischen Außengrenzen“.

Neben Gauck steht während seiner Rede die deutsche Fahne mit dem Bundesadler, über dem Podium spannt sich ein Banner mit dem Wort „Freiheit“: das zentrale Motto für den Politiker. Die Integration der Flüchtlinge in Deutschland könne gelingen. Denn das „innere Band“, das den Staat zusammenhalte, bleibe „unsere gemeinsame Wertegrundlage“. Der Bundespräsident fügt hinzu: „Diese unsere Werte stehen nicht zur Disposition.“ Da gibt es den stärksten Applaus.

Der Auftritt des Bundespräsidenten

Der Festakt in der Alten Oper wird zur Stunde des Bundespräsidenten. Als er seine Rede beendet, hält es das Publikum nicht mehr auf seinen Sitzen: Die Menschen feiern Gauck mit stehendem Applaus. Der wirkt irritiert, macht einen Ansatz, in die Menge zu winken, tut es aber dann nicht, geht zur früheren DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier, schüttelt ihr die Hand und setzt sich auf seinen Platz in der ersten Reihe.

Da sitzt Gauck ganz alleine, während alle um ihn herumstehend applaudieren. Auch der 88-jährige Hans-Dietrich Genscher, der im Rollstuhl gekommen ist, erhebt sich. Auf der Pressetribüne herrscht Übereinstimmung: Der Bundespräsident hat seine Sache gut gemacht. Die Journalisten diskutieren, ob der 75-Jährige zu einer zweiten Amtszeit antreten wird. Die Zweifler sind in der Mehrheit.

Die Stunde der Bürgerrechtler

Die Einheitsfeier ist auch die Stunde der ehemaligen DDR-Bürgerrechtler. Etwa 50 von ihnen sind gekommen auf Einladung von Bundesratspräsident Volker Bouffier (CDU), dem hessischen Ministerpräsidenten. Sie sitzen in den ersten Reihen, sowohl beim Gottesdienst im Kaiserdom, als auch beim Festakt in der Alten Oper. Marianne Birthler ist da, die frühere Direktorin der Stasi-Unterlagenbehörde. Aber auch die Regisseurin und Autorin Freya Klier, der Grüne Werner Schulz und Vera Lengsfeld, die der letzten, freigewählten Volkskammer der DDR angehört hatte. Freya Klier zitiert „Freiheitsgedanken“ von Jacob Grimm, Mitglied der Paulskirchen-Nationalversammlung von 1848: „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien ...“ Die Bürger in Frankfurt können sich derweile einen Stasi-Gefangenenwagen anschauen.

Weit weg vom Volk

Wo ist nur das Volk geblieben? In den ersten Stunden dieses 3. Oktober in Frankfurt am Main feiern „die Verfassungsorgane“, wie das Protokoll sie nennt, völlig unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es ist eine gespenstische Szenerie. Die Wagenkolonnen von Bundespräsident, Bundeskanzlerin, des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, des Bundestags- und des Bundesratspräsidenten rollen durch eine menschenleere, abgesperrte Innenstadt. An den Sperrgittern alle zwei Meter ein Polizist. Es ist 9 Uhr morgens, als sich die Journalisten beim ersten der sogenannten „Pressepunkte“ vor der Paulskirche sammeln. Die „Verfassungsorgane“ tragen sich dort ins Goldene Buch der Stadt ein. Bürger sind an den Absperrungen keine zu sehen. Das ändert sich erst später, vor der Alten Oper, nach dem Festakt.

Gegen neue Grenzen

Gleichsam in letzter Minute hatte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) als Gastgeber der Einheitsfeier noch das Protokoll geändert – und 30 Flüchtlinge zum zentralen Festakt in die Alte Oper eingeladen. In seiner Rede begrüßt sie Bouffier „auf der klaren Grundlage der Werte Deutschlands“.

Die 30 selbst sind unter den mehr als 1000 Gästen nicht zu identifizieren. Doch am Morgen schon hatte Betelihem Fisshaye gleichsam für alle Migranten gesprochen, beim Festgottesdienst im Kaiserdom. Die 18-jährige Abiturientin kam vor zehn Jahren als Flüchtling aus Eritrea nach Frankfurt. „Ich finde es verrückt, wenn Menschen heute neue Grenzen ziehen“, sagt sie, „zwischen sich und sogenannten anderen, die anders aussehen, anders glauben.“ Draußen in der Stadt gibt es Proteste gegen Ausgrenzung.

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