+
Er muss weiter warten und Geduld haben: Intendant Michael Quast auf der Probebühne.

Raumnöte

Desaster für die Fliegende Volksbühne

  • schließen

Die Fliegende Volksbühne kann in diesem Jahr nicht mehr ihre eigene Spielstätte eröffnen und daher keine Stücke mehr in Frankfurt spielen.

Bei der Fliegenden Volksbühne in Frankfurt geht es jetzt um die Existenz. Das kleine Theater um den Komödianten Michael Quast hat einen Schaden von mehreren Hunderttausend Euro erlitten. Denn seit wenigen Tagen ist klar, dass in diesem Jahr unter der Adresse Großer Hirschgraben 19 überhaupt keine Stücke mehr gespielt werden können.

Eigentlich sollte der umgebaute historische Cantatesaal mit der Premiere von „Reineke Fuchs“ am 19. September das feste Domizil der Volksbühne sein. Doch die Eröffnung musste zunächst abgesagt werden – und jetzt ist das Ende völlig offen. Dem Bauherren, dem städtischen Wohnungskonzern ABG, ist es bis heute nicht gelungen, das Theater fertigzustellen.

ABG-Chef Frank Junker und Intendant Quast erzählen zwei ganz unterschiedliche Geschichten über das Scheitern des neuen Theaters. Die Puzzleteile setzen sich zu einem spannenden Protokoll zusammen. Junker gibt der ungewöhnlichen Hitze der vergangenen Wochen die Schuld an der abgesagten Premiere – das Thermometer kletterte in Frankfurt auf 40 Grad. Durch diese Temperaturen sei es im Erdgeschoss der Theaterbaustelle zu einem nicht vorhersehbaren Schimmelbefall gekommen.

Junker: „Betroffen war ausgerechnet die Technikzentrale – da ging gar nichts mehr.“ Ein „Dominoeffekt“ traf dann nach seinen Worten auch andere Gewerke. Bauarbeiten seien wegen der Gefahr für die Atemwege der Männer nicht mehr möglich gewesen.

Deshalb habe die Baustelle stillgelegt werden müssen. Mittlerweile wird wieder gearbeitet am Großen Hirschgraben.Und der Schimmel ist nach Angaben Junkers beseitigt.

Doch es geht um mehr. Bis heute verfügt Intendant Quast nach eigener Darstellung über kein Schriftstück, in dem der Bau geregelt ist. „Ein Vertrag mit der ABG ist nie zustande gekommen“, klagt er.

Lange habe man verhandelt mit dem Unternehmen. Im ersten Entwurf des Kontrakts sei noch der 1. Januar 2019 als Termin für die Übergabe des Theaters genannt worden.

Das bestreitet Junker rundheraus. „Der 1. Januar war nie ins Auge gefasst.“ Der ABG-Geschäftsführer will seinerseits „nichts über den Gang der Vertragsverhandlungen über die Presse kommunizieren“.

Nur so viel sagt Junker: Es habe „unterschiedliche Vorstellungen“ darüber gegeben, wer von den beiden Vertragspartnern welche Kosten zu tragen habe. Der ABG-Manager behauptet aber: „Wir haben den Vertrag nicht mehr im Haus – er liegt seit Wochen Herrn Quast vor.“

Da der Kontrakt nie unterschrieben worden sei, habe die ABG der Fliegenden Volksbühne auch „keinen verbindlichen Termin für die Eröffnung genannt“. Der 19. September für die erste Premiere sei von Quast selbstständig festgelegt worden – die ABG habe ihn nie bestätigt. Auch über die Konsequenzen der geplatzten Theatereröffnung gehen die Meinungen weit auseinander.

ABG-Chef Junker sieht kühl „keinen Anlass für Schadensersatz“. Schließlich habe der Konzern der Fliegenden Volksbühne „nichts zugesagt“. Quast hofft dagegen auf Hilfe durch die Stadt. „Wir sprechen über finanzielle Unterstützung.“ Am 20. September wollen Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD), Junker und Quast sich im Dezernatsbüro treffen.

An diesem Tag soll der gordische Knoten durchschlagen werden. „Da wird ein Termin für die Eröffnung festgelegt“, verspricht der ABG-Geschäftsführer. Hartwig erhofft sich „einen finalen Übergabetermin“ für das neue Theater.

Die Stadträtin macht außerdem eine für die Volksbühne erlösende Zusage: Sie wird „Michael Quast in dieser Situation finanziell unterstützen“. Auch ABG-Geschäftsführer Junker zeigt sich großzügig. „Ich habe Herrn Quast sogar angeboten, in unseren Bürgerhäusern zu spielen.“ Doch das habe der Theaterchef dankend abgelehnt. Inzwischen hat das Team der Volksbühne damit begonnen, bereits entrichtetes Eintrittsgeld für die erste Spielzeit an mehr als 2000 Menschen zurückzuzahlen. Allein hier kommt eine fünfstellige Summe zusammen.

In dem kleinen Büro des Theaters am Großen Hirschgraben treffen viele Solidaritätsadressen ein. „Die Leute ärgern sich und sagen: Das kann doch nicht wahr sein“, berichtet Intendant Quast.

Andere Unterstützer schlagen ihm vor, seine Erfahrungen mit der Stadt Frankfurt zum Theaterstück zu machen und auf die Volksbühne zu bringen. Da muss der Schauspieler selbst in seiner schwierigen Situation doch lachen: „Eine Lokalposse ist es allemal.“

Erst einmal darf er sich darüber freuen, dass ihm das Schauspiel Frankfurt einen Solidaritätsabend im Theater am Willy-Brandt-Platz in Aussicht gestellt hat – über einen Termin wird gerade gesprochen. Da zeigt sich die Kulturstadt Frankfurt dann von ihrer guten Seite.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare