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Frankfurt: „Das Jahr 2022 ist der traurige Höhepunkt für das Bahnhofsviertel“

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Von: Boris Schlepper

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Michael Weber am Vorplatz des Hauptbahnhofs. Der Ortsbeirat will, dass die Fläche nach dem Ehepaar Emilie und Oscar Schindler benannt wird.
Michael Weber am Vorplatz des Hauptbahnhofs. Der Ortsbeirat will, dass die Fläche nach dem Ehepaar Emilie und Oscar Schindler benannt wird. © Peter Jülich

Ortsvorsteher Michael Weber spricht im Interview über die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel und den geplanten Bildungscampus Gallus.

Frankfurt - In einer Serie blicken wir zurück auf das Jahr in den 16 Ortsbeiräten in Frankfurt. Was waren die wichtigsten Themen, die den Ortsbezirk in den vergangenen zwölf Monaten bewegt und beschäftigt haben? Welche Erfolge oder Niederlagen gab es für das Stadtteilparlament? Wie geht es im kommenden Jahr weiter? Heute der Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleut, Innenstadt).

Herr Weber, in der Rebstöcker Straße im Gallus ist kurz vor Weihnachten ein Obdachloser auf dem Parkplatz eines Supermarktes erfroren. In Ihrem Ortsbezirk leben viele Menschen auf der Straße. Kann der Ortsbeirat etwas für sie tun?

Das ist eine tragische und traurige Geschichte. Die Stadt tut bereits sehr viel für Obdachlose. Es gibt Notunterkünfte oder etwa den Kältebus, den man hätte rufen können. Doch wollte der Mann offenbar draußen schlafen, und man kann ihn nicht zwingen. Das einzige, was möglich ist, ist, die Menschen auf der Straße anzusprechen, wie es ihnen geht und ob sie Hilfe brauchen. In so einem Fall bringt es auch wenig, dass der Ortsbeirat etwa gefordert hat, mehr Plätze für Menschen ohne Obdach zu schaffen.

Die sollten im Bahnhofsviertel entstehen. Die Menschen vor Ort sagen, die Lage habe sich dort durch Corona weiter verschlimmert – aber nichts passiere. Wie sehen Sie das?

Das Jahr 2022 ist der traurige Höhepunkt für das Viertel. So viele Beschwerden wie in diesem Jahr hatten wir noch nie. Viele fragen sich, wie so etwas in einem Land wie Deutschland, in einer reichen Stadt wie Frankfurt, passieren kann.

Was hat der Ortsbeirat unternommen?

Wir haben erneut viele Anträge gestellt, etwa um die Situation für Drogenabhängige zu verbessern. Wir wollen, dass Toiletten und Duschen eingerichtet werden. Derzeit nutzen viele die Trinkwassersäulen, um dort ihre Wäsche oder Wunden zu waschen. Da ist ein Hygiene-Center mit medizinischer Versorgung nötig. Auch gegen die Vermüllung, unter anderem durch Essensverteilungen, haben wir uns ausgesprochen. Getan werden muss auch etwas dagegen, dass Mülleimer umgekippt werden und der Inhalt über die Straßen verteilt wird. Die Tonnen dürfen einfach nicht so lange in der Öffentlichkeit stehen.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Lösung in der Niddastraße wird gesucht

Geschäftsleute hatte im September ein privates Sicherheitsunternehmen beauftragt, das in der Niddastraße patrouillierte – was danach vom Ordnungsamt verboten worden ist. Was halten Sie von derartigen Aktionen?

Es gibt viele Geschäfte und Lokale, die im Bahnhofsviertel Sicherheitsdienste engagieren. Rechtlich ist das schwierig, da die Flächen davor öffentlich sind. Man kann niemanden wegschicken, der sich dort aufhält. Ich habe aber auch Verständnis, dass niemand möchte, dass vor seinem Laden Drogen konsumiert werden und so Kundinnen und Kunden abgeschreckt werden. Deshalb gibt es derzeit Gespräche mit dem Präventionsrat, bei denen nach einer einvernehmlichen Lösung gesucht wird.

In einem zweiten Anlauf hat sich der Ortsbeirat im September dafür ausgesprochen, den Vorplatz des Hauptbahnhofs nach Emilie und Oskar Schindler umzubenennen – dem Ehepaar, das Tausende Juden gerettet hat. Ist es bedauerlich, dass der Antrag nicht einstimmig auf den Weg gebracht werden konnte?

Ja, ich finde es nicht besonders schön, dass das wegen einer einzelnen Meinung einer Randpartei gescheitert ist. Aber das ist eigentlich nicht erwähnenswert, der Antrag ist mit überwältigender Mehrheit verabschiedet worden, und das zählt am Ende.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Einwände der Behörden zur Umbenennung des Bahnhofs-Vorplatzes

Sie meinen, dass Ökolinx nur deshalb nicht für die Umbenennung stimmte, da die rechtspopulistische Wählergemeinschaft Bürger für Frankfurt (BFF) auch Antragsteller war?

Richtig, und auf die Kritik sind dann auch andere Fraktionen aufgesprungen. Dabei waren wir in der Sache alle einig.

Jüngst gab es noch Einwände der Behörden, der Name wäre zu lang und entspräche nicht städtischen Richtlinien. Wird es da noch eine Änderung geben – etwa nur Schindler-Platz?

Nein, es geht um das Ehepaar, und den Namen Oskar Schindler kennt weltweit jeder. Es handelt sich auch nur um einige wenige Buchstaben, die der Name zu lang ist. Aber das gibt es auch an anderen Stellen in der Stadt schon – das muss hier ebenso gehen. Da sollte das Amt nicht kleinlicher sein als nötig. Schließlich ist es keine postalische Adresse.

Zur Person

Michael Weber ist seit Mai 2021 Ortsvorsteher des Ortsbeirats 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleut, Innenstadt). Der 44-Jährige ist seit 2016 für die CDU-Fraktion Mitglied des Stadtteilgremiums und arbeitet als Lehrer an einer Frankfurt Schule.

Stärkste Fraktion im Ortsbeirat sind die Grünen mit fünf Mandaten, die mit Petra Thomsen die stellvertretende Ortsvorsteherin stellen. CDU und SPD haben jeweils drei Sitze, FDP und Linke je zwei. Ökolinx, Die Partei, Volt und BFF haben jeweils ein Mandat.

Die erste Sitzung im kommenden Jahr findet voraussichtlich am 24. Januar um 19 Uhr statt. Der Sitzungsort steht noch nicht fest. bos

Mitte Dezember hat die Stadt endlich den Rechtsstreit mit den beteiligten Firmen beigelegt und den Europagarten eröffnet. War das ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk für Sie?

Das ist einerseits erfreulich, auch wenn ich erwartet hätte, darüber nicht zufällig etwas zu erfahren. Wir haben in den vergangenen Jahren dazu so viele Gespräche mit dem Grünflächenamt geführt und verschiedene Anträge gestellt. Ich bin aber gespannt, wie es dort weitergeht, denn die Probleme, die den Rechtsstreit ausgelöst haben, sind ja damit nicht gelöst: nämlich, dass dort keine Bäume wachsen und nach jedem Regen große Pfützen entstehen.

Bildungscampus Gallus ist ein „Meilenstein“

Als positiv haben Sie vor kurzem das Ergebnis des Architektenwettbewerbs für den Bildungscampus Gallus bezeichnet, der künftig acht Einrichtungen beherbergen soll. Im Dezember hat die Stadt zwei erste Plätze gekürt. Sind Sie zufrieden mit den Ergebnissen?

Das ist ein Meilenstein, wir warten schon lange darauf, dass es da vorangeht. Allerdings müssen die beiden ersten Plätze noch überarbeitet werden. Ein Entwurf etwa ist schwierig, was die Barrierefreiheit angeht und weil Klassenräume ohne viel Tageslicht geplant sind. Beim anderen fehlen Außenflächen für die Kindertagesstätte. zudem sind Teile der Quäkerwiese einbezogen.

Los geht es auf dem Block zwischen Idsteiner, Schwalbacher, Krifteler Straße und Frankenallee erst 2024, dann sollen die ersten Bestandgebäude abgerissen werden. Mit einer Fertigstellung ist in zehn bis 15 Jahren zu rechnen. Ist das früh genug?

Das Projekt muss beim Amt für Bau und Immobilien oberste Priorität haben und weiter vorangetrieben werden. Der Stadtteil wartet schon so lange darauf.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Ortsvorsteher „zufrieden“ mit Plänen für altes Polizeipräsidium

Eingesetzt haben Sie sich für die Julius-Leber-Schule an der Friedberger Anlage. Die Berufsschule braucht mehr Platz und wartet seit langem auf eine Sanierung.

Ja, wir können leider nur immer wieder darauf hinweisen und Druck machen. Ärgerlich ist bei der Julius-Leber-Schule, dass direkt daneben seit mehr als zehn Jahren die ehemalige Friedrich-Stoltze-Schule leer steht. Das Gebäude müsse nur saniert werden, dann könnte es genutzt werden. Warum das nicht angegangen wird, ist für mich unverständlich.

Lange leer steht auch das alte Polizeipräsidium an der Friedrich-Ebert-Anlage. Der Ortsbeirat hat jetzt die Pläne vorgestellt bekommen, demnach dort bis zu 600 Wohnungen entstehen und zwei Hochhäuser. Was halten Sie von dem Vorhaben?

Ich bin durchaus zufrieden – es ist eine Schande, dass so ein schönes Gebäude seit Jahren zerfallen ist. Wir brauchen mehr Wohnungen, und dort entsteht auch 30 Prozent geförderter Wohnraum. Wichtig für die Menschen vor Ort ist, dass auf dem Areal eine Kita, Läden sowie eine neue Turnhalle für die Falkschule vorgesehen sind – das wird das gesamte Viertel deutlich aufwerten. Positiv ist zudem, dass Wege geplant sind, um das neue Quartier durchqueren zu können.

Eingeschränkt fühlen sich dagegen derzeit Menschen im Gutleut und im Gallus: Seit Teile der Camberger Brücke gesperrt sind, klagen Anwohnende, dass sie nicht mehr von einem Stadtteil in den anderen kommen. Wie kann man da helfen?

Eine Ersatzbrücke für Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, kann anscheinend nicht gebaut werden. Dann muss man wenigstens einen Bus fahren lassen, das wäre für viele eine Erleichterung.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Bekommt die Skate-Anlage endlich eine Beleuchtung?

Der Ortsbeirat will, dass der Bus 87 weiter eingesetzt wird.

Richtig, es braucht auf jeden Fall eine Lösung, da von der Sperrung viele betroffen sind, und diese mindestens zwei Jahre dauert.

Eingesetzt hat sich der Ortsbeirat auch dafür, dass die Skate-Anlage unter der Friedensbrücke in den Abendstunden Licht erhält. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig hat dem allerdings eine klare Absage erteilt, aus Gründen des Umweltschutzes. Akzeptieren Sie das?

Ich verstehe nicht, warum sich die Stadt da so vehement dagegen sperrt. An dieser Stelle ist es Quatsch, den Schutz von Natur und Insekten anzuführen. Das gesamte Mainufer und die Brücke sind bereits hell erleuchtet, nur unter der Brücke ist es dunkel. Die Skater und Skaterinnen bringen sich inzwischen eigene, mobile Flutlichter mit, um noch etwas länger fahren zu können.

Interview: Boris Schlepper

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