Auf dem Opernplatz treffen sich am Samstag Abend tausende Menschen, um sich zu unterhalten und Alkohol zu trinken.  
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Auf dem Opernplatz treffen sich am Samstag Abend tausende Menschen, um sich zu unterhalten und Alkohol zu trinken.  

Innenstadt

Aufräumaktion am Frankfurter Opernplatz

  • vonSabine Schramek
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Freiwillige Helfer sammeln Müll ein, während andere feiern. Die Stadt Frankfurt hält sich zurück.

Seit Wochen ist das Müllproblem am Opernplatz ein Thema, über das leidenschaftlich diskutiert wird und bei dem jeder die Verantwortung auf andere schiebt. Jetzt haben Frankfurter Bürger das Problem selbst angepackt. Mit Mülltüten, Masken, Besen und freundlichen Worten.

Was braucht man, um am Opernplatz junge Leute feiern zu lassen und den zentralen Ort trotzdem am nächsten Morgen nicht wie ein Meer aus Müll aussehen zu lassen? Zehn Freiwillige, 200 Müllbeutel, fünf Besen, 20 Paar Handschuhe, Feingefühl, Engagement und dreieinhalb Stunden richtiges Anpacken. „Am liebsten würde ich einfach Müllbeutel verteilen“, schrieb der Frankfurter Zahnarzt Alfonso Padilla vor einer Woche wütend auf Facebook. Gesagt, getan. Was mit vier Freiwilligen am Samstag vor einer Woche begann, hat am vergangenen Freitagabend zehn Leute ins Partygewühl gelockt. „Der Opernplatz ist für alle da. Und wir wollen ihn sauber“, sind sich die Helfer einig.

Zurück bleibt Müll.  

Es sind keine Leute, die sich sonst langweilen, sondern Leute, die trotz Vollzeitjobs soziale Verantwortung übernehmen, wenn die Politik nicht mehr weiterweiß. Um 0.30 Uhr in der Nacht auf Samstag ist der Opernplatz brechend voll. Es wird gelacht, getrunken, gerangelt und getanzt. Dazwischen wuseln der Zahnarzt, ein Dolmetscher, eine Immobilienexpertin, ein Sicherheitsexperte, eine Verlagsangestellte, ein Marketingmann und eine Reporterin paarweise mit Mülltüten um die feiernden Grüppchen. „Bitte nehmt diese Tüte, packt euren Müll da rein und stellt sie an die Mülleimer“, lautet ihr Mantra.

Und: Die Leute freuen sich darüber. Niemand reagiert harsch. „Tolle Aktion, die ihr da macht“, heißt es immer wieder. Manche vermuten, dass die Putztruppe auf dem Opernplatz bezahlt ist. „Im Gegenteil. Wir haben die Mülltüten, Besen, Handschuhe, Masken und das Desinfektionsmittel für unsere Hände selbst gekauft“, ist die Antwort an jene, die die laue Sommernacht mit Alkohol und ohne Maske lautstark feiern. Viele folgen den Bitten der Mülltütenverteiler. Maria kommt aus Portugal und spricht, einen Besen in der Hand, auf Englisch mit dem Partyvolk. „Ich wohne im Bahnhofsviertel, fühle mich sicher, aber der Müll hier auf dem Platz ist unglaublich“, sagt sie kopfschüttelnd und verteilt lächelnd Tüten.

Manche schämen sich

Die wenigen Mülleimer auf dem Platz sind längst voll. Am Rand des Opernplatzes steht ein Container. Er ist geschlossen, die Leute stellen ihre Gläser, Flaschen, Pizzakartons darauf ab oder sitzen darauf, um sich das Treiben anzusehen. „Der Container wurde hingestellt, damit da Müll rein kann“, erklärt Padilla. „Dass er dafür offen sein muss, ist wohl vergessen worden.“ Er zuckt ungläubig mit den Schultern, nimmt einen Besen und fegt. Manche Besucher schämen sich, als sie sehen, dass jeweils zwei Freiwillige Müll zwischen ihren Füßen zusammenkehren, Flaschen, zerbrochenes Glas und Kartons in die Säcke stopfen. Sie helfen mit. Es ist heiß, der Schweiß läuft in die Masken.

Vom Ordnungsamt oder der Polizei ist niemand zu sehen. Abstandsregeln wegen Corona scheinen vergessen. „Ein idealer Platz, um auf Superspreader zu treffen“, sagt Michael, der sich beruflich mit dem Virus befasst. Er war auch beim ersten Mal dabei und würde den Platz am liebsten geräumt sehen. An jenem Samstagabend hatten Flaschensammler Leute auf dem Platz angespuckt. Mitten ins Gesicht. „Das ist ja Körperverletzung“, gruselte sich Padilla. Andere hatten später an den Türen der Alten Oper gerüttelt. „Das geht gar nicht“, finden die Freiwilligen.

Immer wieder beruhigen die Tütenverteiler und Kehrer in brenzligen Situationen, wenn sich ein paar Jugendliche in die Haare kriegen. Es funktioniert mit Geduld und Lächeln. „Es ist schlimm, wie es hier abgeht“, stellen alle fest, äußern aber gleichzeitig Verständnis für die Feiernden.

„Die Clubs sind zu, die Leute waren monatelang zu Hause und brauchen soziale Kontakte und das Gefühl, feiern zu können“, sagt Padilla. Um halb vier morgens ist der Opernplatz sauber. Unzählige Tüten stapeln sich rund um Mülleimer und den abgeschlossenen Container.

„Es ist schön und traurig zugleich“, findet Dolmetscher Mehmet nach getaner Arbeit. „Wir lieben unsere Stadt und unseren Opernplatz. Darum sind wir hier.“ Dass die Stadt selbst es nicht in den Griff bekommt, was zehn Freiwillige in drei Stunden durch schlichtes Anpacken schaffen, versteht niemand hier.

„Die FES muss jetzt nur noch die Tüten mitnehmen und das, was wir nicht geschafft haben“, freut sich Padilla. „Am nächsten Wochenende kommen wir wieder. Vielleicht findet die Politik bis dahin ja eine Möglichkeit, das zu tun, was wir tun.“

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