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Kinderarmut in Frankfurt: „Wir sehen in der Arche mehr Menschen, die wirklich Hunger haben“

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Von: Katja Thorwarth

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Die Archen leiden besonders unter den steigenden Lebensmittelpreisen.
Die Archen leiden besonders unter den steigenden Lebensmittelpreisen. © Jörg Carstensen/dpa

Die Inflation macht Menschen in benachteiligten Situationen zu schaffen - auch Kindern und Jugendlichen. Arche-Leiter Schröder aus Frankfurt im Gespräch.

Herr Schröder, Sie sind Leiter der Arche in Frankfurt. Ich erwische Sie gerade im Sommercamp ...
Ja, wir sind mit 25 Jugendlichen unterwegs, die sonst nicht in den Urlaub fahren können. Wir verbringen mit ihnen eine Woche in der Natur – zehn Kanus, Lagerfeuer, Zelten und ganz viel schöne Erlebnisse. Wir wollen einfach eine gute Zeit zusammen haben. Gleichzeitig gehört natürlich dazu, dass man etwas weniger schläft als sonst.

Was genau macht Ihre Institution, und wie viele Kinder / Jugendliche betreuen Sie?
Die Arche kümmert sich in Frankfurt um rund 700 Kinder und Jugendliche, die oft in benachteiligten Situationen leben, d.h., dass die Familien Schwierigkeiten haben, weil sie in Stadtteilen leben, in denen sich z.B. nicht dieselben Bildungschancen abzeichnen wie in anderen. Deshalb greifen wir diesen Kindern und Jugendlichen unter die Arme. Sie dürfen zu uns zum Frühstück und Mittagessen kommen, was jeweils kostenfrei für sie ist.

Sie können bei uns ihre Hausaufgaben machen und erhalten Unterstützung, wenn Lernfragen aufkommen oder sie Nachhilfe brauchen. Wir geben ihnen Raum, um zumindest ein stückweit eine unbeschwerte Kindheit zu erleben, um spielen zu können, gefördert zu werden, Musikunterricht zu erleben. Aber auch Sport und Kreatives kommen nicht zu kurz, so wie die angesprochenen Ferienfreizeiten, die es für Kinder sowie für Jugendliche regelmäßig gibt. Darüber hinaus gestalten wir ein Ferienprogramm, das es den Kindern ermöglicht, an unserer Gesellschaft teilzuhaben – an Kultur, an Sport und an Spaß.

Zur Person

Daniel Schröder (42) ist Leiter der Arche in Frankfurt und Regionalleiter in der Arche Deutschland Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Die Arche Frankfurt freut sich über Spenden und Unterstützung.

Arche in Frankfurt: „Wertschätzung ist für viele Kinder nicht real“

Wie sehen Sie das Problem Kinderarmut grundsätzlich? Und vor allem: Was macht das mit den Kindern / Jugendlichen?
Wir stellen fest, dass in unserer Gesellschaft kein Kind arm sein möchte. Kein Kind in der Arche möchte arm sein, und dennoch verstehen die Kinder oft erst im Teenager-Alter, was es eigentlich bedeutet, welche Förderung sie nicht bekommen haben: In einen Verein zu gehen, ein Hobby auszuüben, ein Musikinstrument zu lernen – das ist vielen unserer Kinder nicht möglich. Das ist eine Verarmung von Kindern. Wir als Arche reden – neben der materiellen Verarmung, dass Kinder nicht genügend zu essen haben, keine geeignete Kleidung oder auch mangelhaftes oder gar fehlendes Schulmaterial – von einer emotionalen Verarmung.

Daniel Schröder ist Leiter der Archen in Frankfurt.
Daniel Schröder ist Leiter der Archen in Frankfurt. © Privat

Die Kinder haben kaum Ansprechpartner und nur wenige Personen, die ihnen zugewandt sind. Sie müssen oft ausschließlich funktionieren und haben das Gefühl, dass sie selbst überflüssig sind. Sie fühlen sich fehl am Platz. Die Wertschätzung, die Kinder brauchen, um gut aufwachsen zu können und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, ist für viele Kinder nicht real. Das ist ebenso Verarmung wie die Tatsache, dass sie nicht die gleichen Bildungschancen haben.

Das Schulsystem unterstützt benachteiligte Kinder nicht

Findet eine gesellschaftliche Ausgrenzung statt? Fühlen sich die Kinder / Jugendlichen stigmatisiert?
Natürlich findet eine Ausgrenzung statt, denn in unserm Schulsystem können oft die Kinder, die leistungsschwächer sind, ihren Rückstand mit Unterstützung der Eltern wettmachen und entsprechend in unserer Gesellschaft erfolgreich sein. Was ist jedoch, wenn die Eltern diese Möglichkeit nicht haben. Das Schulsystem unterstützt diese Kinder nicht und somit fallen sie durch das Raster und treffen sich dann oft in Schulklassen, die alle perspektivlos und bildungsmüde sind. Daraus entstehen natürlich neue soziale Probleme, und die Kinder sind in der Gefahr, auf die falsche Spur zu rutschen. Oft realisieren das die Kinder und Jugendlichen erst zu spät, dass sie nicht die gleichen Chancen wie Kinder aus anderen Bildungsschichten haben.

Von der Inflation und der Energiekrise sind besonders Menschen mit geringem Einkommen bzw. Menschen, die Sozialgeld empfangen, betroffen. Bekommen Sie diese Entwicklung zu spüren? Und: Inwiefern betrifft es Sie als Institution?
Die aktuell stattfindende Inflation und Energiekrise trifft die Arche als Institution sowie natürlich die Familien in besonderem Maße. Wir als Arche sind davon in der Form betroffen, dass uns Spenden wegbrechen, weil langjährige Unterstützer aufgrund der steigenden Energiepreise nun selbst entsprechende Vorkehrungen treffen müssen und nicht mehr spenden können. Somit verlieren wir Spender - allerdings werden die Aktivitäten der Arche fast ausschließlich durch Spenden finanziert. Ebenso sind wir natürlich selbst in unseren Einrichtungen von steigenden Nebenkosten und Energiepreisen betroffen. Zusätzlich machen sich die gestiegenen Lebensmittelpreise im Rahmen der regelmäßigen Essensversorgung bemerkbar.

Kinderarmut: Ampel macht für die Schwächsten der Gesellschaft zu wenig

Viel schlimmer ist jedoch, dass wir immer mehr Menschen in den Archen sehen, die wirklich Hunger haben. Familien, die nicht mehr genügend zu essen haben, die weiterhin sehr sparsam sind, Familien, die oft 2-3 mal in der Woche nur Toast mit Frischkäse essen, weil es sonst am Ende des Monats nicht reicht. Bereits die Corona-Krise hat viele Familien finanziell an den Rand gebracht, und die jetzt steigenden Lebensmittel- und Energiepreise geben ihren weiteren Teil dazu. Wir gehen davon aus, dass der Hunger in Deutschland weiter zunehmen wird – speziell in den Schichten, die eh schon so gebeutelt sind.

Macht die Ampel-Regierung genug gegen Kinderarmut? Und wie sieht die Situation im reichen Frankfurt aus?
Die Ampel-Regierung ist natürlich bemüht, vieles zu entlasten. Dennoch ist dies an der Stelle, bei den Schwächsten der Gesellschaft, zu wenig. Wir müssen die Familien hier in einem anderen Maße unterstützen. Wir als Arche tun das bereits in Form von kostenlosen Lebensmittelpaketen sowie Schul- und Lernpaketen, damit das kommende Schuljahr gut von vielen Kindern geschafft werden kann. Auch das ist nicht selbstverständlich und führt oft zu großen Problemen. Die Situation in Frankfurt ist entsprechend der bundeseinheitlichen Situation so, dass wir einfach belastetere Stadtteile haben, in denen häufiger Familien wohnen, die diesem Druck ausgesetzt sind. Derzeit ist noch wenig spürbar von einer gezielten Hilfe für diesen Teil unserer Gesellschaft hier in Frankfurt.

„Wir wünschen uns Solidarität und Anteilnahme“

Was erwarten Sie von der Politik?
Lösungen zu schaffen, nicht mit der Gießkanne zu arbeiten, sondern speziell dort zu unterstützen, wo die Not wirklich am größten ist.

Und von der Gesellschaft?
Hier wäre das Wort „Erwartung“ das falsche Wort. Wir wünschen uns weiterhin eine Beteiligung zugunsten dieser Kinder und Jugendlichen. Wir wünschen uns die Solidarität und die Anteilnahme und die weitere Mithilfe, dass wir hier zusammenstehen und diese Kinder im Blick haben. Denn diese Kinder sind besonders und sie haben es verdient, dass man sich für sie investiert. Wir haben schließlich nur diese Kinder. (Interview: Katja Thorwarth

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