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Industrie in Frankfurt: „1200 gute Arbeitsplätze sind in Gefahr“

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Von: Christoph Manus

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Vieles im Industriepark Fechenheim ist alt. Doch dort ist einiges in Bewegung. Die Unternehmen am Standort würden gern kräftig investieren.
Vieles im Industriepark Fechenheim ist alt. Doch dort ist einiges in Bewegung. Die Unternehmen am Standort würden gern kräftig investieren. © Michael Schick

Im Industriepark Fechenheim herrscht große Unruhe, seit Clariant den Verkauf des Geländes eingeleitet hat. Die Allessa-Geschäftsführung hofft nun auf städtische Hilfe.

Eigentlich gäbe es im Industriepark Fechenheim Grund für Zuversicht. Auf dem traditionsreichen Chemieareal ganz im Osten Frankfurts ist einiges in Bewegung. Große Investitionen sind geplant. Die Biotech-Firma Biospring ist seit Jahren auf Wachstumskurs und breitet sich zusehends auf dem Gelände aus. Etwa 1200 Menschen arbeiten dieser Tage auf dem früheren „Cassella“- Areal, deutlich weniger als in Hochzeiten des Chemiebetriebs. Doch beim Chemieunternehmen Allessa, das auch als Standortbetreiber fungiert, herrscht Optimismus. „Hier gibt es eine vitale Struktur, viel Dynamik“, sagt Standortleiter Ulrich Haase bei einem Rundgang über das Gelände. „Wenn man das Wachstum von Biospring und Corden Pharma sieht, kann die Zahl der Beschäftigten im Industriepark steigen.“

Doch niemand auf dem von Backsteingebäuden geprägten Gelände zwischen Hanauer Landstraße und Main weiß, wie es nächstes Jahr weitergeht. Seit der Chemiekonzern Clariant vor gut einem Monat angekündigt hat, den Industriepark zu verkaufen – und den Verkaufsprozess schon im ersten Halbjahr 2023 abschließen zu wollen –, ist plötzlich nichts mehr sicher. Beschäftigte, Kunden wollen wissen, wie es weitergeht. Auch die Allessa-Chefs können es ihnen nicht sagen.

Allessa kann bis 2031, vielleicht auch bis 2041 bleiben - doch das Unternehmen will mehr Planungssicherheit

Allessa hat das Gelände noch bis 2031 gepachtet und bereits einseitig eine Option auf Verlängerung des Vertrags bis ins Jahr 2041 gezogen. Doch in der Chemiebranche denkt man in langen Zeiträumen. Neue Anlagen müssen Jahrzehnte laufen können, damit sich die Investition rentiert. „Wir brauchen Planungssicherheit über die Jahre 2031 und 2041 hinaus“, sagt Allessa-Geschäftsführer David Kremer am Dienstag im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. „Ohne Planungssicherheit droht ein langsames Siechtum. Dann sind 1200 gute Arbeitsplätze in Gefahr.“

Auch in der Frankfurter Stadtpolitik und im Ortsbeirat hat die Nachricht, dass das Industrieareal verkauft wird, rasch für Unruhe gesorgt. Zumal in den vergangenen Jahren bereits sehr viele Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verlorengingen. Dass der Industriepark Griesheim nach langem Niedergang aufgegeben wurde und nun ein modernes Gewerbequartier werden soll, ist nur das bekannteste Beispiel. für diesen Strukturwandel. Selbst die Idee, dass die Stadt das Gelände in Fechenheim kaufen könne, gilt manchen inzwischen als Option.

Allessa will den Industriepark Fechenheim in Frankfurt kaufen und das Areal weiterentwickeln

Bei Allessa hofft man auf eine andere Lösung. „Unser Ziel ist es, den Standort zu erwerben“ macht Kremer klar. Die Allessa-Mutter ICIG hat ein entsprechendes Angebot unterbreitet. „Wir haben der Stadt bereits konkrete Pläne zur Weiterentwicklung des Areals vorgestellt. In den nächsten Jahren könnten mindestens 150 Millionen Euro investiert werden.“

Der Industriepark Fechenheim

Das 43,6 Hektar große Areal ganz im Osten des Frankfurter Stadtgebiets steht zum Verkauf. Der Chemiekonzern Clariant will das Gelände zwischen Hanauer Landstraße und Main per Bieterverfahren veräußern.

Hauptnutzer des Industrieparks ist das Chemieunternehmen Allessa mit dort etwa 450 Beschäftigten. Dort sind zudem etwa die Unternehmen Biospring, Corden Pharma und Prefere Melamines zu finden. Insgesamt arbeiten etwa 1200 Menschen auf dem Gelände. Allessa fungiert auch als Standortbetreiber.

Allessa ist ein Auftragshersteller, der auf die Produktion chemischer Zwischenprodukte spezialisiert ist. Das Unternehmen war einst unter dem Namen Casella bekannt und erfolgreich. Es wechselte seit dem Zweiten Weltkrieg mehrfach die Eigentümer, wurde 1970 von der Hoechst AG übernommen, 1997 dann von Clariant, bevor mehrere frühere Hoechst-Manager das Unternehmen im Jahr 2001 erwarben und in Allessa umbenannten.

Seit 2013 gehört Allessa zur International Chemical Investors Group. Diese würde den Standort gern kaufen. cm

Das Braunkohlestaub-Kraftwerk soll stillgelegt werden. „Wir sind bald in der Lage, ausschließlich mit grüner Energie zu produzieren“, sagt Kremer. „Schon jetzt ist Dampf aus dem Biomassekraftwerk auf unserem Gelände unser Hauptenergieträger “

Allessa fürchtet, dass auch im Industriepark Fechenheim Rechenzentren entstehen sollen

Doch was ist, wenn das Gelände, wie so oft, höchstbietend verkauft wird und zum Beispiel ein Investor den Zuschlag erhält, der mit Chemie wenig am Hut hat, sondern lieber zahlungskräftige Rechenzentrenbetreiber nach Fechenheim locken würde?

Schon seit Jahren machen sich in den Industrie- und Gewerbegebieten der Stadt Rechenzentren breit, die einen riesigen Energie- und Platzbedarf haben, aber sehr wenige Beschäftigte brauchen. Fechenheim ist ein Hotspot dieser Entwicklung. „Wenn man sieht, wie sich hier ringsum die Rechenzentren ausbreiten, dann ist der Industriepark wie ein gallisches Dorf“, sagt Standortleiter Haase. Alle auf dem Gelände eine das Ziel, diesen zu erhalten. „Auch im Stadtteil spüren wir viel Rückhalt.“

Beim Thema Rechenzentren zählt Allessa auf die Stadtpolitik, „Es würde uns sehr helfen, wenn die Stadt festschreiben würde, dass das Areal ausschließlich für die Chemieindustrie genutzt werden darf“, sagt er im Gespräch mit der FR. Ähnliches hat bereits die CDU im Römer gefordert. Die Stadt müsse dem Konzern klarmachen, dass das Gelände als Chemiestandort erhalten bleiben müsse, sagte die Stadtverordnete Christiane Loizides unlängst der FR. Sie schlug vor, die Stadt könne die Ansiedlung von Rechenzentren auf dem Areal über eine Änderung des Bebauungsplans ausschließen.

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