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Indendant Alte Oper Frankfurt: „Die Kultur sollte nicht alle Türen zumachen“

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Von: Jana Ballweber

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Anna Netrebko wird vorerst nicht in der Alten Oper auftreten. Foto: dpairnna
Anna Netrebko wird vorerst nicht in der Alten Oper auftreten. © Barbara Gindl/APA/dpa

Markus Fein, Indendant der Alten Oper, über den schwierigen Spagat zwischen Abgrenzung gegenüber und Dialog mit Russland

Der Krieg in der Ukraine ist im Frankfurter Kulturbetrieb angekommen. Am Mittwoch teilte die Alte Oper mit, dass das für den 2. Juni geplante Konzert der umstrittenen russischen Sängerin Anna Netrebko ins nächste Jahr verschoben werden soll. Im Interview berichtet Intendant Markus Fein von den Beweggründen und vom komplexen Verhältnis zwischen Kunst und Politik.

Herr Fein, wie kam die Entscheidung zustande, das Konzert zu verschieben?

Wir konnten Anna Netrebko nicht ausladen, weil wir sie gar nicht eingeladen haben. Die Alte Oper war für das Konzert mit Anna Netrebko nur Vermieter, nicht Veranstalter. Wir haben den Veranstalter aber eindringlich gebeten, vom Konzert Abstand zu nehmen.

Warum halten Sie die Entscheidung für richtig?

Anna Netrebko hat sich nach Ausbruch des Krieges nicht hinreichend gegen den Aggressor Putin positioniert. Wir haben alle noch die Bilder von ihrer Geburtstagsfeier im Kreml im Kopf und ihr Foto mit der Flagge der prorussischen Separatisten in der Hand. Auch wenn sie sich selbst als unpolitisch bezeichnet, lassen sich diese Dinge nicht mit zwei knappen Verlautbarungen wegwischen.

Weshalb wurde das Konzert dann nicht ganz abgesagt, sondern auf Januar 2023 verschoben?

Diese Entscheidung liegt beim Veranstalter, ich halte sie aber für vertretbar. Natürlich werden wir die Personalie im nächsten Jahr erneut bewerten. Doch es ist wichtig, dass die Kultur nicht alle Türen zumacht. Die Ansichten von Künstler:innen können sich verändern, genauso wie der Dialog zwischen Russland, der Ukraine und dem Westen.

Zur Person

Markus Fein (50) ist seit September 2020 Intendant und Geschäftsführer der Alten Oper. Der gebürtige Frankfurter arbeitete vorher als Dramaturg und Berater für verschiedene Festivals und Konzerthäuser, darunter die Berliner Philharmonie. jaba/foto: Müller

Wo verlaufen aus Ihrer Sicht die Grenzen, wie man sich als Kulturschaffender äußern darf und wozu man sich vielleicht äußern muss?

Die Grenze ist ganz klar: Musiker:innen, die sich proaktiv mit dem System Putin in Verbindung gebracht haben, müssen sich zur aktuellen Lage verhalten. Ich warne aber davor, alle russischen Künstler:innen unter Generalverdacht zu stellen. Dass jetzt weniger bekannte Kulturschaffende, die sich noch nie zu Putin geäußert haben, dazu aufgefordert werden, sich von ihm zu distanzieren, ist eine sehr naive, westliche Sicht auf die Dinge. Das ist in einer Autokratie nun mal schwieriger und gefährlicher als in einem demokratischen System.

Wie gehen Sie an der Alten Oper in Zukunft mit russischen Künstler:innen um?

Für diese und auch für nächste Saison haben wir als Veranstalter keine Konzerte mit russischen Orchestern geplant, auch keine Konzerte mit Solist:innen, die aktuell oder in der Vergangenheit eine Nähe zu Putin gezeigt haben. Mit der russischen Musik – von Rachmaninov bis Strawinsky – bleiben wir natürlich verbunden. Es wäre eine falsche Solidarität, sich nun dafür auszusprechen, diese Komponisten vom Spielplan zu nehmen. Gewiss: Heute gilt es, klare Kante zu zeigen, solidarisch mit den Opfern zu sein und zu helfen. Aber wir müssen zeitnah wieder zu differenzierteren Diskussionen zurückkehren. Hoffentlich ist bald wieder die Zeit, Brücken zu bauen. Hier kann die Kultur eine entscheidende Rolle spielen.

Inwiefern?

Im Kulturbetrieb spiegelt sich eine Frage, die sich auch die Politik und die gesamte Gesellschaft im Augenblick stellt: Wie schaffen wir den Spagat zwischen Abgrenzung auf der einen und Dialog auf der anderen Seite. Wir sollten die Kanäle der Zivilgesellschaft nach Russland auf keinen Fall abbrechen. Klar ist aber auch, dass Kunst und Kultur sensibler werden müssen, wenn es um solche Fragen geht.

Können Kultureinrichtungen wie die Alte Oper den politischen Diskurs auch aktiv mitgestalten? Müssen sie das vielleicht sogar?

Zunächst mal steht die Kultur für sich. Sie ist frei, sie darf diskutieren und experimentieren. Politische Debatten gehören ins Parlament und in den öffentlichen Raum. Wer Kunst von der Tagespolitik abhängig macht, missbraucht sie. Aber wir wollen natürlich nicht einfach nur einen Kokon aufspannen, in dem schöne Klänge herumwandern. Für Bewusstsein, für Reflexion, für Austausch ist die Alte Oper der richtige Ort, auch in der aktuellen Situation.

Interview: Jana Ballweber

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