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Gewusel auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr. Kommt das jemals wieder?

Ina Hartwig

Frankfurter Kulturdezernentin Hartwig: „Die physische Nähe der Buchmesse zur Games-Industrie halte ich für falsch“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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  • Florian Leclerc
    Florian Leclerc
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Die Frankfurter Buchmesse findet in diesem Jahr als Rumpfveranstaltung statt. Was wird aus der traditionsreichen Messe? Fragen an die Frankfurter Kulturdezernentin.

  • Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) äußert sich im ausführlichen Interview mit der FR zur Zukunft der Buchmesse.
  • In diesem Jahr wird die Frankfurter Buchmesse corona-bedingt nur digital stattfinden.
  • Hartwig wünscht sich, dass die Buchmesse im nächsten Jahr wieder zur Publikumsmesse wird: „Die Buchmesse ist unverzichtbar.“

Frankfurt - Wie geht es weiter mit der traditionsreichen Frankfurter Buchmesse? In diesem Jahr wird es keine große Publikumsmesse geben. Online-Formate sollen das rege Treiben in den Messehallen ersetzen. Und was wird im kommenden Jahr? Darüber spricht die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD).

Frau Hartwig, was halten Sie davon, die Frankfurter Buchmesse im nächsten Jahr zeitgleich mit der Musikmesse zu veranstalten und einen Kongress unter anderem für die Spiele-Industrie anzubieten?

Die Frankfurter Buchmesse sollte sich nicht in diese Richtung entwickeln. Die physische Nähe der Buchmesse zur Games-Industrie halte ich für unglücklich. Das ist das falsche Signal. Die Buchmesse muss ihren Markenkern stärken und nicht verwässern.

Kulturdezernentin Ina Hartwig über ausgefallene Publikumsmesse: „Das schmerzt mich sehr.“

Können Sie den Markenkern definieren?

Der Markenkern ist, dass in Frankfurt, auf der international größten Buchmesse, das freie Wort verteidigt wird. Dafür hat sich Buchmesse-Direktor Juergen Boos immer stark gemacht. Es geht darum, den Autorinnen und Autoren zu begegnen, und kritische Diskurse in die Öffentlichkeit zu tragen. Der Markenkern ist auch, dass Medium Buch zu verteidigen. Das Buch als solches hat einen Wert. Es steht für eine bestimmte Form von Lesekultur, Konzentration, des mit-sich-alleine-sein, der Reise ins eigene Innere. Ich halte diese Lebensform, die mit der Aufklärung und der Demokratie verbunden ist, für extrem verteidigenswert.

Sie sind als langjährige Literaturkritikerin eng mit der Frankfurter Buchmesse verwurzelt. Wie fühlt sich das an, dass es die Buchmesse in diesem Jahr physisch eigentlich nicht mehr gibt?

Das schmerzt mich sehr. Natürlich ist dieses Jahr ein Ausnahmejahr, alles findet unter dem Vorzeichen von Corona statt. Aber die physische Buchmesse, das Treiben in den Hallen im Herbst, war stets der Höhepunkt des Jahres für eine Branche, sie sonst recht zurückgezogen lebt. Es ist ein großer Verlust.

Auch für das kommenden Jahr steht noch nicht fest, ob die Frankfurter Buchmesse vor Publikum stattfinden kann.

Die Leipziger Buchmesse findet nächstes Jahr corona-bedingt im Mai statt im März statt. Hätte die Frankfurter Buchmesse 2021 auch nach vorne verlegt werden sollen?

Das kann ich nicht wirklich beurteilen, weil unter anderem große logistische Fragen damit zusammenhängen. Die Frankfurter Buchmesse hat ganz andere Dimensionen als die Buchmesse in Leipzig, die ja im Wesentlichen ein Lesefest fürs Publikum ist. Wir wissen auch nicht, wie die Corona-Lage sich im nächsten Jahr entwickelt.

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig.

Buchmesse-Direktor Juergen Boos sagt, man übe nun für die Zukunft und treibe die Digitalisierung voran.

Der Strukturwandel der Branche war schon vor Corona in vollem Gange. Die Digitalisierung bedeutet eine Medienrevolution, die auch die traditionellen Medien betrifft. Das Lese- und Kommunikationsverhalten verändert sich nachhaltig und global. Natürlich hat das Auswirkungen auf das Verlagsgeschäft. Diesem Strukturwandel muss man klug begegnen. Diskussionen darüber haben auf der Buchmesse einen sehr guten Rahmen.

Zur Person

Ina Hartwig (SPD) arbeitete als Journalistin und Literaturkritikerin, bevor sie 2016 Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt wurde. Die Trägerin des renommierten Alfred-Kerr-Preises für Literaturkritik ist 57 Jahre alt.

Hartwig zur Fage, ob die Buchmesse wieder so werden wird wie zuvor: „Ich zumindest wünsche mir das. Die Buchmesse ist unverzichtbar.“

Wird die Buchmesse jemals wieder so sein, wie sie mal war?

Das ist zum heutigen Zeitpunkt schwer zu sagen. Ich zumindest wünsche mir das. Die Buchmesse ist unverzichtbar. Sie hat ein Alleinstellungsmerkmal, sie hat eine Bedeutung für die Verlagsbranche und den Literaturbetrieb, den sich wandelnden Status der Meinungsfreiheit in der Welt und für die Stadt Frankfurt, die traditionell einmal im Jahr durch die Buchmesse geprägt und belebt wird.

Frankfurt hat zuletzt die große Publikumsmesse IAA verloren. Haben Sie Sorge, dass auch die letzte verbleibende Publikumsmesse wegfallen wird?

In diesem Jahr kann man es vertreten und verkraften, dass die Buchmesse in einer hochreduzierten Form stattfindet. Dass die Buchmesse der Stadt Frankfurt gänzlich abhanden kommt, glaube ich nicht.

„Das jetzige Konzept kann ich nachvollziehen, aber meine Enttäuschung kann ich dennoch nicht verhehlen.“

Sind Sie zufrieden mit dem Konzept für die diesjährige Rumpfveranstaltung?

Ich hatte mir eine Frankfurter Buchmesse unter Corona-Bedingungen gewünscht, wie sie zunächst geplant war, mit Ständen und Begegnungen in den großen, weitläufigen Hallen. Das Sicherheitskonzept stand, 20 000 Menschen hätten aufs Messegelände kommen können. Dann gab es eine Verschlechterung der Corona-Situation in verschiedenen Ländern, und es gab Absagen. Internationale Verlage können wegen des Lockdowns nicht anreisen. Das jetzige Konzept kann ich nachvollziehen, aber meine Enttäuschung kann ich dennoch nicht verhehlen.

Also sind Sie unzufrieden?

Soweit würde ich nicht gehen. Ich finde es gut, dass die Buchmesse immer noch Präsenz zeigt unter Corona-Bedingungen, das jetzige Programm scheint derzeit das Optimum zu sein. Wobei auch die Verlage eine Rolle gespielt haben.

„Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Buchmesse in der bekannten und bewährten Form erhalten bleibt.“

Welche Rolle?

Nach den zahlreichen Absagen in diesem Jahr möchte ich als Vertreterin der Stadt Frankfurt mit den Verlagen ins Gespräch kommen, um ihre Perspektiven und Nöte zu erfahren. Sollte jemand überlegen – „wenn wir in Corona-Zeit auf den Messe-Auftritt verzichten, können wir das im nächsten Jahr auch“ –, hielte ich das für einen Trugschluss. Gerade diese Branche braucht die physische Begegnung. Sonst befürchte ich eine Provinzialisierung sowohl der Buchmesse als auch der Branche. Die Verlagswelt ist angewiesen auf den Resonanzraum des Publikums. Und, nicht zu vergessen, der medialen Begleitung. Wenn 300 000 Menschen zur Buchmesse kommen, bedeutet das: Die Menschen wollen die physische Präsenz der Verlage.

Versucht die Stadt Frankfurt, mit der Ausweitung des Lesefests Open Books über den Römerberg hinaus, die Lücke zu schließen, die die physische Abwesenheit der Buchmesse geschaffen hat?

Im vergangenen Jahr kamen Hunderttausende zur Frankfurter Buchmesse, die Stadt und die Messehallen waren quirlig belebt, und das wirkte in die Stadt hinein. Dass Open Books stattfindet und sich ausweitet, ist ein deutliches Signal. Es ist wichtig für die Autorinnen und Autoren, ihrem Publikum auch in diesem Jahr begegnen zu können. Es ist aber auch ein deutliches Signal für den Erhalt der Frankfurter Buchmesse in dieser Stadt. Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Buchmesse in der bekannten und bewährten Form erhalten bleibt.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert und Florian Leclerc

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