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In Frankfurt wird’s mal wieder richtig Stoffel

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Von: Thomas Stillbauer

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So muss Stoffel. Jahrgang 2018.
So muss Stoffel. Jahrgang 2018. © ROLF OESER

Ein Stoffel, wie er früher einmal war: im Günthersburgpark, gut drei Wochen lang mit viel Musik und rotem Eimer.

Der Stoffel darf jetzt lange draußen bleiben. Der Stoffel wird volljährig. Offiziell zum 18. Mal geht Mitte Juli das „Stalburg-Theater Offen Luft“, kurz: Stoffel, an den Start (oder sind es gar schon 19?). Und es soll endlich wieder ein Stoffel werden, wie er früher einmal war. Nach dem „virtuellen Stoffel“ 2020 (nur online) und dem „Guerilla-Stoffel“ 2021 (an wechselnden Orten) kehrt das Sommerspektakel wieder zurück an den Ort seines Vertrauens, in den Günthersburgpark.

„Einfach mal wieder einen guten Stoffel“, lautet die Devise, die Stalburg-Theaterchef Michael Herl ausgibt. „Die Leute wollen Normalität zurückhaben – was auch immer das bedeutet. Und Stoffel ist eben Stoffel.“

Das bedeutet: Vom 15. Juli an wird drei Wochen lang die Musik im Park spielen, so live, liver geht’s nicht, es gibt kalte Getränke, es gibt warmes Essen, es gibt Vogelsberger Bratwurst, das Leben kann so schön sein. So schön, wie es 2004 begann.

Damals saßen nicht etwa die Stalbürgerinnen und Stalbürger konspirativ im Theater zusammen und heckten ein bahnbrechendes Umsonst-und-draußen-Vergnügen aus, nein: Der Ortsbeirat 3, zuständig fürs Nordend, kam in Gestalt des SPD-Stadtteilpolitikers Rüdiger Koch vorbei, warnte davor, dass der Park veröde, und ermunterte das Team, dort doch ein wenig Programm zu gestalten. Das kam durchaus gelegen, denn die Stalburg-Belegschaft war zu jener Zeit ordentlich angewachsen, berichtet Herl, und die große Frage lautete: „Wie können wir im Sommer Geld einnehmen“, in der Theaterpause nämlich, „um die Leute weiter zu beschäftigen, damit wir sie nicht wegschicken müssen bis zum Herbst.“

Die Anfrage des Ortsbeirats kam also wie gerufen. „Wir wurden sozusagen zum Jagen getragen“, sagt Herl, und es gab keinen lästigen Genehmigungsmarathon, denn: „Wir waren ja gewollt von der Politik.“

Sind sie bis heute. Und vom Publikum. „Die Grundidee war: Eintritt frei, das stand von Anfang an fest.“ Das Team wollte keine Zäune, keine Kartenabreißer und keine Sicherheitsleute. Einnahmen fürs Theater, für die Künstlerinnen und Künstler sollten über die Erlöse aus der Gastronomie kommen – und aus dem roten Eimer. Der geht regelmäßig nach den Auftritten herum, jede und jeder wirft was hinein, alle sind glücklich. Sind sie? Hat das von Anfang an funktioniert? „Die sogenannten Profis haben gesagt, das klappt nie, ihr geht pleite!“, sagt Herl und lacht. „Der Rest ist Geschichte.“ Schöne Geschichte. „Wenn irgendwas jemals funktioniert hat, dann das mit dem Eimer.“ Was durchaus ein Glanzlicht aufs Stoffel-Publikum wirft. „Ein eigenartiges Publikum“, lästert Herl liebevoll. „Ich glaube, die verlassen das Haus nur für den Stoffel.“

So ähnlich wie die Leute, die die Musik machen. Die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber habe sich seit 2004 „raketenmäßig entwickelt“, sagt Herl. „Wir könnten von Juli bis Februar jeden Abend durchspielen mit jeweils zwei bis drei Acts.“ Die Anfragen kommen mittlerweile aus der ganzen Republik und aus dem europäischen Umland. Filippo Tiberia ist für die Auswahl zuständig (Bewerbungsfrist: Februar) und für die Mischung aus Musik, Kinderprogramm und ein wenig Kabarett. Wobei Letzteres sich offenbar dadurch selbst beschränkt, dass es nicht allzu viele Kabarettistinnen und Kabarettisten in der Umgebung gibt.

Was blieb am meisten im Gedächtnis in 18 Jahren Stoffel? Kein Bühnenprogramm steche hervor, sagt Herl, alle seien traditionell völlig gleichberechtigt. „Jeder Stoffel ist ein Highlight.“ Aber ein Auftritt sei dann doch überragend gewesen: der Auftritt des Sturms, der gleich im ersten Sommer mit 120 km/h übers Gelände fegte, alles mit sich riss und selbst die Bühne um zwei Meter verrückte.

Das schaffte noch nicht einmal die Nachbarin, die sich jahrelang über den Stoffel beklagte und für leise Montagabende sorgte. So etwas sei aber nie ein großes Problem gewesen, sagt Herl. Das Recht sei auf der Seite der Feiernden, hier ein besonders illustres Recht mit Namen: Freizeitlärmrichtlinie der Länderarbeitsgemeinschaft für Immissionsschutz. Da stehen viele Formeln und Pegel drin, aber auch so schöne Begriffe wie Standortgebundenheit, soziale Adäquanz und Akzeptanz. Davon sei auszugehen, „wenn die Veranstaltung eine soziale Funktion und Bedeutung hat“. Und daran kann ja wohl kein Zweifel herrschen.

„Hauptsache, Stoffel ist mal wieder“, sagt Michael Herl, froh, dass Corona das Festival – Stand jetzt – endlich wieder zulässt. „Wir mussten darben während der härtesten Corona-Zeit“, sagt er. Kein Mensch wisse, wie der kommende Herbst wird, aber eins sei klar: „Wir sind alt und brauchen das Geld.“ Und die Welt braucht den Stoffel.

Und so natürlich auch. Stoffel 2019.
Und so natürlich auch. Stoffel 2019. © ROLF OESER

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