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Nun gibt es wieder Holz in Fensterrahmen und Türen.

Interview

„In Frankfurt war Ernst May der Vordenker“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Christina Treutlein und Philipp Sturm sprechen im Interview über die May-Siedlungen der 20er Jahre und ihre Gedanken zum 50. Todestag des Frankfurter Architekten.

Frau Treutlein, Herr Sturm, in den Siedlungen des Neuen Frankfurt, die von Ernst May in den 20er Jahren konzipiert worden waren, hat die Sanierung begonnen. In den nächsten Jahren investieren die Stadt und der Bund Millionen Euro in die Aufwertung der alten denkmalgeschützten Quartiere. Was haben die Menschen dort davon?

Sturm: Wir sitzen hier in der Siedlung Römerstadt. 2019 gab es ein Gutachten, das genau die Bausubstanz der alten Häuser untersucht hat. Die erste Hauszeile Im Burgfeld ist jetzt in Arbeit. Dort werden zum Beispiel die Fenster erneuert. Statt der Kunststoffrahmen, die man trotz Denkmalschutz installiert hatte, werden jetzt wieder hölzerne Rahmen eingebaut, in dem originalgetreuen Blau der 20er Jahre.

Treutlein: Außerdem gibt es wieder Haustüren, die sich an den originalen Vorbildern orientieren. Auch die Mauern vor den Häusern werden renoviert und die Fassaden der Häuser zu den Gärten hin.

Konnten die Bewohner mitreden?

Sturm: Natürlich haben die Wohnungsgesellschaften, also die städtische ABG Holding und die Nassauische Heimstätte, die Leute informiert. Es ist ja ihre Unterstützung nötig, weil die Arbeiter ja auch in die Häuser müssen.

Treutlein: Die Leute haben sich zum Beispiel gewünscht, dass an der Gartenseite die Beschattung der Fenster verbessert wird, die ständig in der Sonne liegen. Die Denkmalschützer haben lange Zeit außenliegende Rollos abgelehnt. Jetzt ist ein Kompromiss gefunden worden, den beide Seiten akzeptieren. Ein ganz praktisches Beispiel.

Ich erinnere mich noch an die Aufregung in den 80er Jahren über die modernen Kunststofftüren, die nicht zum Charakter der Siedlungen passten.

Sturm: Ja. In den 70er Jahren hatte man erst Metalltüren eingebaut, dann Kunststofftüren. Jetzt kommt das Holz wieder zurück.

Die Personen

Die Kunsthistorikerin Christina Treutlein ist stellvertretende Geschäftsführerin der Ernst-May-Gesellschaft in Frankfurt, die das Erbe des Stadtbaurates und Architekten pflegt. Der Politologe Philipp Sturm ist Geschäftsführer der Ernst-May-Gesellschaft und arbeitet als Kurator für das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt. jg Neues Frankfurt Wichtigste Zeugnisse des Neuen Frankfurt sind die vielen Siedlungen. Im einzelnen sind dies: Bruchfeldstraße in Niederrad (643 Wohnungen), Praunheim (1500), Bornheimer Hang (1234), Römerstadt in Heddernheim (1220), Heimatsiedlung in Sachsen-hausen (1072), Westhausen in Praunheim (1116) und Hellerhof im Gallus (1200). Weitere einzelne Wohnungen entstanden. Darüber hinaus wurde die alte Großmarkthalle im Ostend gebaut (1929) sowie Schulen, auch Friedhöfe wurden angelegt. Wichtige Architektinnen und Architekten waren Margarete Schütte-Lihotzky, Martin Elsaesser, Walter Gropius, Ferdinand Kramer, Leberecht Migge, Mart Stam und Bruno Taut. Im Jahr 2019 gab es die wegweisende Ausstellung „Moderne am Main“ im Museum Angewandte Kunst (MAK) in Frankfurt. Der Katalog zu dieser Ausstellung ist bei „av edition“ erschienen und kostet 39 Euro. jg

Aus heutiger Sicht ist es ja kaum nachvollziehbar, wie es Stadtbaurat Ernst May und seinem Team damals gelungen ist, in so kurzer Zeit 12 000 Wohnungen zu verwirklichen.

Christina Treutlein und Philipp Sturm.

Treutlein: Tatsächlich entstanden die Siedlungen in nur fünf Jahren, zwischen 1926 und 1931.

Sturm: In dieser Zeit herrschte ein anderes Demokratieverständnis. Im Vergleich zu heute haben May und der damalige Oberbürgermeister Ludwig Landmann geradezu autoritär durchregiert. Heute ist es sehr schwierig, überhaupt noch neue Siedlungen durchzusetzen. Nehmen Sie als Beispiel den geplanten neuen Stadtteil im Frankfurter Norden beidseits der Autobahn A5, der am Widerstand des Regionalverbandes gescheitert ist. In den 20er Jahren besaß die Region keine politische Vertretung mit so einer Macht wie heute, die Stadt Frankfurt war bestimmend.

Treutlein: Der große Unterschied zu heute war aber in den 20er Jahren auch, dass die bestimmenden politischen Kräfte im Frankfurter Römer sich einig waren. Man wollte, dass etwas geschieht im Wohnungsbau. Es gab nicht den politischen Streit von heute.

Die Kehrseite war natürlich, dass die betroffenen Anwohner weniger einbezogen wurden.

Sturm: Das ist richtig. Allerdings informierte die Stadt breit über ihre Pläne, es gab Mengen von Informationsmaterial und es gab die Zeitschrift Neues Frankfurt.

Treutlein: Die Stadt stellte jeweils Jahresprogramme für den Wohnungsbau auf, die wurden breit kommuniziert.

Sturm: Heute sind die Bauvorschriften ungleich komplexer als damals. Dadurch geht viel Zeit ins Land. Einiges davon ist natürlich sinnvoll, wie etwa das ökologische Bauen, das Energie spart und die Umwelt schont.

Viele Praktiker des Wohnungsbaus beklagen heute ja, dass die Vorschriften im Wohnungsbau unglaublich komplex und unübersichtlich geworden sind.

Sturm: Heute können die Menschen beim Wohnungsbau viel mehr mitsprechen als damals. Das ist zwar richtig, aber es verlangsamt die Prozesse.

May arbeitete auch mit vorgefertigten und standardisierten Bauteilen, das sparte Zeit.

Treutlein: Das Neue Frankfurt setzte aber erst spät, erst ab 1929, solche standardisierten Bauteile ein. Vorher wurden ganz klassisch die Wände noch mit Ziegeln gemauert. Man verwendete aber auf den Baustellen auch modernste Transporttechnik, etwa Loren auf Schienen.

Müsste man den Wust der Bauvorschriften nicht entflechten?

Sturm: Ja, das müsste man, aber das ist in der Praxis unglaublich schwierig.

Renovierte Häuser im Heidenfeld.

Treutlein: Manche Vorschriften müssen auf ihre Praxistauglichkeit überprüft werden. Es ist fraglich, ob dicke alte Wände noch wärmegedämmt werden müssen.

Ernst May starb vor genau 50 Jahren, am 11. September 1970. Warum verließ er Frankfurt schon 1931?

Sturm: Er ging auch aus politischen Gründen. Die regierende sozialliberale Koalition im Römer wurde immer schwächer, die konservativen und reaktionären Kräfte wurden immer stärker. Die Nazi-Zeit dämmerte herauf. Wegen der Weltwirtschaftskrise von 1929 schwanden die Finanzmittel der Stadt auch immer weiter. May hatte es in der Endphase in Frankfurt schwer. Er ging dann in die Sowjetunion, die er aber 1933 wieder verließ. Da er aber im stalinistischen System gearbeitet hatte, war ihm der Weg in die USA genauso verbaut wie der Rückweg nach Deutschland. Er schlug sich in Ostafrika zunächst als Kaffee-Farmer durch, gründete aber dann doch wieder ein Architekturbüro und arbeitete in Tansania und Uganda. 1956 kehrte er nach Deutschland zurück und wurde in Hamburg Chef der Bauabteilung der gewerkschaftseigenen Neuen Heimat.

Aber er konnte nie wieder eine solche Wirkungsmacht entfalten wie in Frankfurt.

Treutlein: Das stimmt. In Frankfurt war er der Vordenker.

Sturm: Bedeutend für die Architekturgeschichte war nur das Neue Frankfurt.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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