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Elf Personen pro Stunde werden in der Notunterkunft Ostpark geimpft. Allein an diesem Tag sollen es 88 werden.
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Elf Personen pro Stunde werden in der Notunterkunft Ostpark geimpft. Allein an diesem Tag sollen es 88 werden.

Coronavirus

Corona-Impfungen für Obdachlose in Frankfurt: Unterwegs mit dem Impfteam

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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In der Notunterkunft im Ostpark erhalten Obdachlose ihre zweite Corona-Impfung. In ganz Frankfurt wurden in mehreren Einrichtungen mehr als 1000 Personen geimpft.

Frankfurt – Ein hagerer, älterer Mann schlurft an der Pforte der Notunterkunft Ostpark entlang. Er ist der Nächste auf der Impfliste an diesem Tag. Nummer 28. Damit die Bewohnerinnen und Bewohner unerkannt bleiben, ändern wir ihre Namen. Nummer 28 nennen wir Erik. Obdachlose gehören zur Prioritätsgruppe zwei in der Impf-Reihenfolge gegen das Corona-Virus und gelten damit als besonders gefährdeter Teil der Gesellschaft. Eine Impfung verspricht zumindest etwas mehr Sicherheit, basiert aber auf Freiwilligkeit.

In einem Büro, das zu einer Impfkabine umfunktioniert ist, warten schon drei Mitarbeiter:innen vom mobilen Impfteam des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) auf Erik. Es riecht nach Desinfektionsmittel, so stark, dass man es schmecken kann. Erik setzt sich auf einen Stuhl und legt den Zettel mit seiner Nummer auf den Tisch. Erik trägt eine graue Adidas-Jacke mit orangefarbenen Streifen und eine Basecap. „Haben Sie eine Versichertenkarte“, fragt ihn der ASB-Sanitäter. Erik beugt sich leicht nach vorne. „Ich verstehe sie nicht.“ „Haben sie eine Versichertenkarte?“, fragt der Sanitäter nun mit lauter und kräftiger Stimme. Wieder versteht ihn Erik nicht und beugt sich noch weiter vor. „Haben sie eine Versichertenkarte? Sind sie bei der AOK?“, schreit der ASB-Mitarbeiter fast schon. Erik erwidert „BKK.“

Der letzte Stopp bevor es für die Wohnungslosen, Geflüchteten und Mitarbeiter der Träger in die Impfkabine geht.

Mobile Impfungen in Frankfurt: Unterwegs in Obdachlosen-Unterkünften und Konsumräumen

Wenige Sekunden später steckt die Spritze mit dem Moderna-Impfstoff in seinem Arm. Dann erhält Erik einen DIN-A4-großen Zettel mit der Bestätigung der zweiten Impfung. Erik steht auf und schlurft aus dem Zimmer. Es ist mittlerweile der vierte Impftag in der Übernachtungsstätte Ostpark in Frankfurt. Sechs sind insgesamt angedacht, jeweils drei für die Erst- und Zweitimpfung.

Geimpft werden hier nicht nur die obdachlosen Bewohnerinnen und Bewohner sowie Mitarbeiter aus dem Ostpark, sondern auch die Angestellten von anderen kleinen Trägern wie der Haftentlassenenhilfe, Tafel und Lebenshilfe sowie Bewohnerinnen und Bewohner aus Flüchtlingsunterkünften. Geimpft wird aber auch in den Konsumräumen der Integrativen Drogenhilfe oder in der Drogenhilfeeinrichtung Eastside. Über 1000 Menschen wurden bisher gegen das Corona-Virus geimpft. Mobile Impfteams fahren dafür die verschiedenen Orte an, vorausgesetzt, es sind mindestens 33 Personen für einen Impftag angemeldet. Das Gesundheitsamt arbeitet dabei eng mit den Trägern zusammen.

Ein Bewohner der Obdachlosen-Unterkunft wartet bis er bei der Impfung an der Reihe ist.

11 Impfungen pro Stunde: Wichtiger Schutz für Obdachlose in Frankfurt

Der Mann, der hier im Ostpark den Überblick behalten muss, ist Heiko Ewald, Bereichsleiter beim Frankfurter Verein. Er ist ständig in Bewegung, läuft von der Pforte zum Anmeldebereich in den Hof, steht auf der Wiese, geht zurück zur Impfkabine. „Wir müssen bei der Planung immer auch berücksichtigen, dass manche Leute nicht kommen. Aus welchen Gründen auch immer“, sagt er. Obdachlose könnten Termine oftmals schwieriger einhalten. Wichtig sei es, dass kein Corona-Impfstoff liegen bleibe, sagt Ewald. Eine Durchstechflasche von Moderna enthält elf Impfdosen. „Wir versuchen daher pro Stunde elf Personen zu impfen“, sagt er. Bevor ein Bewohner oder eine Mitarbeiterin vom Ostpark geimpft werden kann, müssen alle registrierten Personen an der Anmeldung vorbei. Dort stehen in einem weißen Pavillon drei Mitarbeiter vom Ostpark. Vor ihnen auf dem Tisch liegt eine Liste. Wird eine Person abgehakt, erhält sie einen Zettel mit einer Nummer. Dann geht es weiter auf die kleine Wiese hinter dem Gebäude. Dort stehen jeweils getrennt voneinander zwei weiße Pavillons samt Stühlen und Heizpilzen.

Im Wartebereich 1 sitzen alle, die auf ihre Impfung warten. Gegenüber, am anderen Ende der Wiese, ist Wartebereich 2. Hier müssen die Geimpften 15 Minuten zur Kontrolle sitzen, falls sie den Impfstoff nicht vertragen sollten. Im Prinzip läuft es hier ab wie in einem Impfzentrum. In Wartezone 2 sitzt ein älterer Bewohner entspannt auf einem Stuhl. Wir nennen ihn Klaus. Die OP-Maske klemmt locker unter seinem Kinn, er nimmt einen tiefen Zug von seiner Zigarette und pustet den Rauch hinaus. Es scheint Klaus relativ gleichgültig zu sein, dass er in knapp zwei Wochen immun ist. „Ach, ich sag mal so, es kann ja nicht schaden. Man sagt ja, es soll helfen.“ Er zieht wieder an seiner Zigarette, pustet den Rauch raus und lässt den linken Arm leicht fallen. Die aufgetürmte Asche von seiner Zigarette fällt auf den Boden. Klaus wirkt resigniert. „Ich nehme einige Medikamente, und für das, was ich alles noch so habe, gibt es keinen Impfstoff.“

Impfungen in Frankfurt: Obdachlose haben Angst vor Bußgeld

Bisher habe noch niemand Reaktionen auf die Impfung gezeigt, sagt Ewald. „Es gab bisher nur eine Person, der schwindelig wurde. Wir haben ihr Zucker für den Kreislauf gegeben, und dann gings wieder“, sagt er. In der Einrichtung der Caritas in der Bärenstraße könnten Obdachlose sogar die Nacht über zur Kontrolle bleiben. Andere müssten von Mitarbeiter:innen zum Impftermin gebracht und wieder nach Hause begleitet werden. „Es wurde auch mal ein Mann bis zum Impfen in den Raum begleitet. Er hat einen amputierten Arm, da benötigte er Hilfe beim Ausziehen“, erläutert Ewald.

Langsam füllt sich der Bereich rund um die Wartezonen und der Anmeldung. Eine Bewohnerin steht mit ihrer Zigarette an der Balustrade und blickt kritisch herab. Ein Mann im Rollstuhl stößt sich mit seinem rechten Fuß Richtung Wartezone 1. Dort sitzen einige Bewohner. Mit dabei ist auch ein junger Mann. Er freut sich auf seine zweite Impfung, ohne dabei euphorisch zu wirken. Den jungen Ostpark-Bewohner nennen wir Jan. „Ich habe keine Lust mehr auf diese Regeln. Ich will mich frei bewegen können“, nuschelt er durch seinen Mundschutz. Es gehe ihm gar nicht darum, ungestört in Frankfurt einkaufen zu gehen. Jans größte Furcht ist das Bußgeld. „Das Geld habe ich nicht.“

Links am Eingangstor vorbei geht es zur Impfung.

Der Plan für heute sei es, 88 Personen zu impfen, sagt ein Mitarbeiter vom Ostpark an der Anmeldung. Bis zum Mittag wolle man mit den Bewohnerinnen und Bewohnern durch sein. „Mittags kommen dann noch Mitarbeiter und Nachzügler“, sagt er. Nummer 29 ist nun an der Reihe. Es ist der junge Mann aus dem Wartebereich 1. Jan, ein großer, stämmiger Typ, geht mit leicht gesenktem Kopf in die umfunktionierte Impfkabine, erhält die Corona-Impfung und schlurft wieder heraus. Nun muss Jan knapp vierzehn Tage warten. Dann ist er immun, und die Regeln für ihn gelten nicht mehr. Dann kann Jan ohne Furcht vor dem Bußgeld durch Frankfurt laufen. (Stefan Simon)

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