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Immer da für Mensch, Frosch und Storch in Frankfurt

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Von: Thomas Stillbauer

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Torsten Jens bei der Arbeit, hier im Landschaftsschutzgebiet Schwanheimer Düne.
Torsten Jens bei der Arbeit, hier im Landschaftsschutzgebiet Schwanheimer Düne. © Renate Hoyer

Für die „Landschaftslotsen“ der Naturschule Hessen endet zum Jahreswechsel eine Ära. Stadt und Region wollen ein größer angelegtes Projekt starten.

Man trifft sie schon lange auf dem Alten Flugplatz und gegenüber im Nordpark Bonames, seit zwei Jahren auch in den Schwanheimer Dünen: sogenannte Landschaftslotsen, später erweitert um die Wildnislotsen, womit selbstverständlich stets Männer und Frauen gemeint sind; die Begrifflichkeit war bei der Einführung eben so. Sie erklären, helfen, sind Bindeglied zwischen Mensch und Natur.

Zum neuen Jahr wird sich bei ihnen einiges ändern: Dann, so ist es seitens des Frankfurter Umweltamts, des Zweckverbands Naturpark Taunus und weiterer Partner beabsichtigt, werden Leute in einem deutlich erweiterten Gebiet unterwegs sein: unter dem Arbeitstitel „Naturlotsen“. Einzelheiten dazu klären die Gremien zurzeit noch, ebenso die künftige Nutzung des Alten Flugplatzes auf der Gemarkungsgrenze zwischen Bonames und Kalbach als Umweltbildungsort.

Klar ist damit aber: Die Naturschule Hessen, einst Erfinderin und seither Organisatorin der Gruppe der Landschaftslotsinnen und -lotsen, wird dann nicht mehr mit von der Partie sein. Den Vertrag hat die Stadt nicht verlängert. „Es war mein Baby“, sagt Torsten Jens, Geschäftsführer der Naturschule und seit 15 Jahren verantwortlicher Leiter des Lotsenprojekts.

„Wir haben das damals gemeinsam mit dem Umweltamtsleiter Klaus Hoppe auf den Weg gebracht“, sagt Jens. 2007 kam die Naturschule als Betreiberin einer Lernstation im Grüngürtel an den Alten Flugplatz. Die erste Reaktion: „Wow – ist dieser Ort genial!“ Der ehemalige Hubschrauberstandort der US-Army, der Natur zurückgegeben mitsamt den Betonresten, durch die sich das Grün unaufhaltsam hindurcharbeitete: ein schlafendes Paradies. Beziehungsweise ein Paradies, das viel zu viel Trubel ausgesetzt war. „Überall Leute!“, blickt Jens zurück.

Er wandte sich an den Naturschutzbeirat: „Da muss ein Konzept her.“ Es war nur kein Geld dafür da. „Also haben wir uns hingesetzt und selbst ein Konzept gemacht: ,Von Wegen und Möglichkeiten‘.“ Manuela Rottmann, damals Umweltdezernentin, sei schließlich der Slogan Landschaftslotsen eingefallen. „Ich dachte erst: sperrig. Aber der Titel ist richtig gut. Er passt genau.“

Danach musste das Flugplatzpublikum einige Abstriche bei der Freizeitgestaltung hinnehmen: kein Grillen mehr, kein Modellflug, Hunde an die Leine – es war schließlich ein Biotop, das hier wuchs und gedieh und über das die Landschaftslots:innen nun wachten. „Das gab Konflikte in den ersten zwei, drei Jahren“, erinnert sich Torsten Jens. „Aber als quasi verlängerter Arm der Unteren Naturschutzbehörde hatten wir auch eine gewisse Autorität.“ Die Frösche und die einzigartige Vogelvielfalt vor Ort sollen mit den neuen Regeln für die Menschen auch sehr zufrieden gewesen sein, hört man.

Die Naturschule hatte ihr Domizil über die Jahre in diversen Behausungen auf dem Gelände. Und war so auch hautnah dran, als dort 2015 die Unterkunft für geflüchtete Familien errichtet wurde. Schnell wurden Jens und seine Partnerin Stephanie König zu Vertrauten der Menschen, erklärten ihnen den Ort und banden sie in Projekte ein. „Wir haben sie zu kleinen Landschaftslotsen gemacht“, sagt Jens. Und emotionale Momente mit ihnen erlebt: etwa als einige Geflüchtete, die in Booten übers Meer nach Europa gekommen waren, mit der Naturschule Flöße für Niddatouren bauten. Erinnerungen, geteilte Tränen. „Manche der Leute kommen noch regelmäßig her, an den Ort, wo sie wohnten.“ Und Kinder der Flüchtlingsfamilien sind dabei, wenn ihre Schulklassen Ausflüge zum Alten Flugplatz machen.

Eine Familie beschrieb vor Jahren die Route ihrer Flucht anhand von zwölf Stationen in dem beeindruckenden Labyrinth, das Stephanie König aus unzähligen Weiden angelegt hatte, und das leider hier keine Zukunft hat. Der Zaun, der es halbwegs vor Randale schützte, müsse weg, weil er im Landschaftsschutzgebiet nicht stehen dürfe – Vorschrift.

In der Corona-Zeit hielt das Lotsenprojekt Kontakt zu den Menschen – gerade Ältere seien gern gekommen, als die Türen anderswo verschlossen waren. Der Storch hielt die Lotsinnen und Lotsen auf Trab, auch wenn er sich nie auf dem Nest an der Landebahn heimisch fühlte. Doch allein der Anblick habe die Menschen so sehr fasziniert, dass sogar die Sturköpfe ihre Hunde angeleint hätten. Stephanie König eröffnete ein „Storchencafé“ an den Wochenenden. „Der Storch hat die Menschen zusammengebracht und die Hunde an die Leine“, sagt Jens und lacht. Gebrütet hat er dann in Harheim. „Er macht halt, was er will.“

Etwa 1500 Führungen leiteten Landschaftslots:innen in den 15 Jahren am Alten Flugplatz, trafen viele Tausend Menschen, erklärten ihnen den Umgang mit verletzten Igeln und das Verhalten der Gespinstmotte. „Uns war es ein Anliegen, für alle da zu sein“, sagt Jens. Das Lotsenprojekt sei wichtig und bleibe wichtig, auch wenn es künftig einen anderen Namen und eine andere Leitung habe. „90 Prozent unserer Teamer sind gestandene Leute, die ihre Lebenserfahrung weitergeben wollten. Ich hoffe, dass die Qualität auch künftig hochgehalten wird.“

Die Naturschule will weiterhin Projekte anbieten, und auch Torsten Jens bleibt dem Alten Flugplatz erhalten, als „Hauswart“ oder lieber: als guter Geist, diese Bezeichnung gefällt ihm besser. „Den Ort kennt keiner besser als ich“, sagt er. „Und was hier entstanden ist, das hätte am Anfang niemand geglaubt.“

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