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Im Sog der Informationsflut

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Von: Clemens Dörrenberg

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Im Tunnel der Informationen. imago images
Im Tunnel der Informationen. imago images © Imago

Die Medien müssen überdenken, wie sie ihre Berichterstattung globalen Problemen anpassen.

Die Sogwirking war riesig. Als sich das Covid-19-Virus vor fast drei Jahren in der Welt ausbreitete, gab es in den Medien über Monate hinweg kaum ein anderes Thema. „Big sucking sound“, nennt das Andrea Böhm. Für die Journalistin der Wochenzeitung „Die Zeit“ und ehemalige USA- sowie Nahost-Korrespondentin ist die Berichterstattung über Corona ein Beispiel dafür, wie Medien die westliche Debatte über die Eindämmung der Pandemie verengt haben und wie daraufhin Impfstoffe in Europa gehortet wurden.

„Notorisch, chronisch überfordert“ seien Menschen häufig, wenn es um die Kanalisierung weltweiter Informationsströme gehe, findet Böhm. Für die ehemalige Vorständin der Heinrich-Böll-Stiftung, Barbara Unmüßig, ist in den klassischen Medien auch die Priorisierung zentral: „Wer zitiert wird, ist eine Macht-Frage“, sagt die Politikwissenschaftlerin. Unmüßig spricht von „Zitier-Kartellen“, die Statements großer Nichtregierungsorganisationen, etwa dem World Wide Fund for Nature (WWF) immer wieder veröffentlichten. Dabei gebe es „mehr lokale Bewegungen denn je“, die sich für den Erhalt unseres Planeten einsetzten.

Doch wie können von unten mehr Stimmen Gehör finden? „Das kann man durch soziale Medien aufbrechen“, findet Unmüßig. „Von vielen Orten auf der Welt kann hier Öffentlichkeit hergestellt werden“, fügt sie hinzu. Die Bilder der Proteste zuletzt im Iran seien nur ein Beispiel für die einzige Möglichkeit, über soziale Medien Informationen weiterzugeben. Dass diese ungefiltert und unkontrolliert veröffentlicht werden können, erkennt auch Unmüßig. Andrea Böhm sagt: „Es gibt eine Abwehr-Reaktion gegen die Flut von Informationen“. Sie spricht sich für einen „lösungsorientierten Journalismus“ aus. Die Forderung nach mehr internationler Zusammenarbeit unter Medienschaffenden beantwortet sie damit, dass solche Kooperationen bereits bestünden, etwa bei den Recherchenetzwerken zu den Panama Papers und Pegasus, aber auch bei Enthüllungsplattformen wie Wikileaks, deren Ergebnisse global verarbeitet worden seien.

Die „Vernetzung indigener Journalisten“ nennt Böhm als weitere Vernetzung. Barbara Unmüßig nennt das „Forum der globalen Medien“. Dort wurde über das Konzept eines „aktivistischen Journalismus“ diskutiert. Befürworter:innen heben die erweiterte Quellenlage und spezifische Kenntnisse durch die aktivistische Perspektive hervor. Kritiker:innen verweisen auf die fehlende Unabhängigkeit.

„Solider Journalismus hat viel mit Daten-Journalismus zu tun“, sagt Andrea Böhm und nennt das Magazin „Katapult“ als „Versuch transationaler Öffentlichkeit“, das bei seinen Darstellungen auf kartographische Elemente und Infografiken setzt.

Journalistinnen und Journalisten müssten sich in Zeiten globaler Vernetzung sprachlich breiter aufstellen. Französisch und Englisch reichten nicht mehr, um die Welt zu erklären. Daneben seien sie darauf angewiesen, dass wissenschaftliche Inhalte aufbereitet werden. Journalist:innen arbeiteten schon jetzt häufig „am Rand der Erschöpfung“. Unterstützung sei daher notwendig.

„Wir haben keine transnationale Öffentlichkeit“, sagt Böhm. Wie eine breitere Öffentlichkeit erreicht werden kann, skizziert die Journalistin folgendermaßen: Für sie geht es darum, „andere Erzählformen“ zu finden, um einen „größeren Anteil der Bevölkerung“ zu erreichen und gleichzeitig die „Leserschaft nicht zu schonen“. So kann zumindest versucht werden, eine Sogwirkung wie zu Beginn der Corona-Pandemie verhindert und Demokratie weitergedacht werden.

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