Die Bankentürme der Stadt stehen beim Blick von einem Haus auf dem gegenüberliegenden Sachsenhäuser Berg im Abendlicht dicht beisammen.
+
Die Bankentürme der Stadt stehen beim Blick von einem Haus auf dem gegenüberliegenden Sachsenhäuser Berg im Abendlicht dicht beisammen.

Mit Tempo 100 durch die Stadt

„Die finale Schlacht gegen die Pickel ist auch noch nicht geschlagen“ - Junger Mann wird beim Rasen erwischt

  • Stefan Behr
    vonStefan Behr
    schließen

Ein junger Mann fährt viel zu schnell durch Frankfurt-Sachsenhausen - und landet wegen des Vorwurfs eines illegalen Autorennens vor Gericht.

  • Mit Tempo 100 durch Frankfurt: Raser wegen illegalem Autorennen vor Gericht
  • Der Raser bestreitet Vorwurf des illegalen Autorennens in Frankfurt-Sachsenhausen
  • Keine Beweise für illegales Autorennen: Prozess in Frankfurt wird gegen Auflagen eingestellt

Frankfurt. Jochen P. plagen die archetypischen Jungmännersorgen. Er wohnt noch bei seinen Eltern, und das auch noch in einem Dorf im Mainzer Umland. Um sein Studium der Wirtschaftswissenschaften zu finanzieren, ist der 24-Jährige gezwungen, abends in der Gastronomie zu jobben. Die finale Schlacht gegen die Pickel ist auch noch nicht geschlagen. Und er fährt gerne einen heißen Reifen und das eine oder andere . Für manche Sorgen sind die Eltern da, für andere das Amtsgericht.

Am frühen Morgen des 30. November 2019 fährt eine Polizeistreife durch Frankfurt-Sachsenhausen. Kurz vor 4.30 Uhr fallen den Beamten ein dunkler Audi und ein dunkler BMW auf, deren Fahrer an einer Ampel die Motoren jaulen lassen und dann mit quietschenden Reifen losrasen. Mit mehr als 100 Sachen düsen sie durch den Frankfurt, schätzt die Polizei, die nicht mithalten kann. Auf die Frage, wie sie denn die Motorenleistung ihres Dienst-Vito einschätze, antwortet eine Polizistin am Mittwochmorgen im Zeugenstand des Amtsgerichts nur mit einem Lachen.

Polizei stellt den Raser nach dem illegalen Autorennen in Frankfurt

Am Lenkrad des enteilenden BMWs sitzt Jochen P. Er bringt an diesem Novembermorgen Dreifach-Schande über sich. Einfach-Schande: Er verliert das illegale Autorennen. Zweifach-Schande: Der Sieger-Audi hat ein Offenbacher Kennzeichen. Und entkommt der Gerechtigkeit. Dreifach-Schande: Von der Streife per Funk alarmierte Kollegen stellen P. kurz darauf, als er vorschriftsmäßig an einer roten Ampel in Frankfurt steht, und kassieren P.s Führerschein ein – und den BMW, den er sich auch noch mit der Mutter teilt.

Jetzt sitzt Jochen P. wegen illegalen Autorennens auf der Anklagebank des Amtsgerichts. Und beteuert dort seine Unschuld. Sicher, der Audi habe ein Rennen provozieren wollen, aber er habe sich nicht provozieren lassen und sei brav mit „vielleicht Tempo 75“ durch die Tempo-50-Zone gezuckelt.

Raser bestreitet Vorwurf des illegalen Rennens durch Frankfurt

Dass er trotzdem einigermaßen habe mithalten können erkläre er sich damit, dass der Audifahrer „aufgrund seiner aggressiven Fahrweise nicht gerade die grüne Welle“ geritten sei. Auf den richterlichen Hinweis, auch Tempo 75 sei schon eine generöse Auslegung der Straßenverkehrsordnung, reagiert der junge Mann pampig: Er habe schließlich nicht „künstlich langsam fahren“ oder sich „in Luft auflösen können“ – beides sei ihm nicht gegeben.

Sein alter Schulfreund und damaliger Beifahrer Michael S. geht noch weiter. Dunkel wär’s gewesen, der Mond aber helle, als ein Audi blitzeschnelle auf dem Schaumainkai, über den sie vorbildlich defensiv gefahren seien, an ihnen vorbeigeschossen wäre. Kein illegales Autorennen, nirgends. Nur kurz darauf Polizeiwillkür, sagt S. Jochen P. habe ihn in seinem Büro auf der Zeil besucht und nach einem langen Arbeitstag nach Hause chauffieren wollen. Die Frage, wie einer auf die Idee kommt, sich von der Zeil zu seiner Bude in Bornheim fahren zu lassen und, wenn er es schon tut, dann eine Route über den Schaumainkai zu wählen, kontert der 22-Jährige entwaffnend ehrlich: „Das ist wohl nicht der direkte Weg.“ Er sei damals neu in Frankfurt gewesen, sagt S. und verweist auf seinen Mainzer Migrationshintergrund (Landkreis!).

War es wirklich ein illegales Autorennen? Prozess wird eingestellt

Aber ist ja alles nochmal gut gegangen, und weil niemand weiß, ob P. nun wirklich ein illegales Autorennen und wenn ja wie schnell gefahren ist, wird der Prozess gegen Auflagen eingestellt. Jochen P. muss 120 Stunden gemeinnützige Arbeit tun. Der damals von der Polizei konfiszierte Führerschein wird ihm zurückgegeben, ebenso der BMW. Genauer: Ihm und seiner Mutter. „204 PS, Spitzengeschwindigkeit vermutlich um die 240“, schätzt Jochen P., das langt auch für zwei.

Bei den P.s dürfte der Haussegen nun wieder halbwegs gerade hängen. Ob das Mainzer Umland dadurch sicherer oder unsicherer geworden ist, muss jeder selbst beurteilen.

*fnp.de: Dieses Portal ist Teil des deutschlandweiten Ippen Digital-Netzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare